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Leben als Vater von Zwillingen : Eins kann jeder!

  • -Aktualisiert am

Mit Spurbreite 63 durch den Park Bild: Sabina Paries

Was hat der Doppelkinderwagen mit dem Motorrad gemeinsam? Wie war das erste Mal im Park? In einem Vorabdruck aus seinem Buch berichtet unser Autor über das Leben als Vater von Zwillingen.

          6 Min.

          Männer mit verkümmertem Talent zum Vatersein trifft man in der Mittel- und Oberschicht mutmaßlich häufiger an als unter Arbeitern und kleinen Angestellten. Im Großbürgertum mag heute noch die tradierte Steifheit im familiären Umgang nachwirken; die Karrieristen unter den Mittelschichtsvätern erscheinen als Fremde im eigenen Haus. Der Arbeiter arbeitet hart und im Schichtdienst, aber nur 35 Stunden pro Woche. Samstag nimmt der Papi den Kleinen mit ins Stadion, sonntags geht’s mit der ganzen Familie zu McDonald’s.

          Christian, ein Kollege, hat einen Sohn, der ist über 20. Als ich Vater wurde, begannen wir, über Kinder zu reden und darüber, wie viel Zeit man auf Spielplätzen zubringt. Man trifft immer dieselben Mütter und Väter, man ist nicht scharf drauf, Bekanntschaft zu schließen, man kommt zwangsläufig ins Gespräch. „Och“, sagte Christian einmal zu einer Mutter, „lass uns heute mal nicht über Kinder reden. Ich war neulich für zwei Tage in Amsterdam.“ Und er beginnt zu erzählen, die Mutter hört geduldig zu, als er einmal Luft holt, geht sie dazwischen: „Und was hast du mit dem Kind gemacht?“

          Väter reden nicht. Väter ziehen schweigend ihre Runden, Kinderwagen voran, stets der Sonne entgegen, niemals die Sonne im Rücken, das grelle Licht könnte die Zwillinge blenden und wecken. Einmal hätte ich mich beinahe mit einem Mann mit kahl rasiertem Schädel angefreundet; er trug stets einen grauen Jogginganzug und zog stoisch wie ein Schwimmer seine Bahnen.

          Ich tippte auf Osteuropäer, Russe, ein Slawe, nicht unsympathisch, aber auch keiner, mit dem man eine rauchen würde. Wir begegneten einander an bestimmten Vormittagen zur selben Uhrzeit. Im Vorübergehen nickte ich ihm wortlos zu, beim nächsten Mal erwiderte er den Gruß, gleichfalls wortlos. Als er ein anderes Mal einen Kumpel dabeihatte, tat er, als kenne er mich nicht. War ihm wohl peinlich.

          Apoll und das schreiende Baby

          Väter sind schon komische Käuze. Sie sind stolz auf ihr Kind, klar, aber ums Kind geht es eigentlich nicht, es geht immerzu um sie, wie sie wirken als Vater, welchen Eindruck sie machen, wie geschickt oder blöd sie sich anstellen. Andere Kinder, Mütter, Väter interessieren jedenfalls nicht.

          Den Sommer über begegnete ich bei meinen Ausfahrten im Park regelmäßig Apoll, einem trainierten Mann von der Statur eines griechischen Gotts. Einmal klingelte mich meine Frau an, ich erzählte ihr, was ich sah: Heute hat er das Kind dabei. Aber eigentlich will er sich bräunen. Er aalt sich in der Sonne. Das Kind beginnt zu schreien. Der Mann reagiert nicht. Das Kind schreit lauter. Der Mann hebt es hoch. Das Kind schreit. Der Mann setzt es hin. Das Kind schreit. Der Mann legt es hin. Das Kind schreit sehr laut.

          Der Mann bietet Essen und Trinken an. Das Kind schreit. Der Mann sitzt ratlos daneben. Hätte der Mann nicht mit einem schreienden Kind zu tun, sondern plagte er sich, sagen wir mit einer Reifenpanne, man würde ihm beispringen: Hallo, Kollege, versuchen Sie es mal so: Setzen Sie den Wagenheber hier an! Einem Vater springt man nicht bei, man redet ihm nicht drein. Jeder hat seine eigene Methoden, und wenn er absolut hilflos ist, blamiert man ihn nicht auch noch mit dem Spruch: Also, bei mir hilft es immer, wenn ich die Kleine eine Weile in den Armen wiege.

          Euer Kind ist Euer Projekt, ist Euer Kind

          Eine problembewusste und weiß Gott sensibilisierte und austherapierte Gesellschaft fragt angesichts der Regimenter davongelaufener Väter: Wie viel Vater braucht ein Kind? Keiner fragt: Wie viel Kind braucht ein Vater?

          Männer machen gerne ihr Ding. Männer brauchen eine Aufgabe, ein Projekt: einen Garten, ein Bauernhaus, das sie entkernen und neu aufbauen können, ein Motorrad, an dem sich herumschrauben lässt, einen Job, der sie fordert, Sport, bei dem sie sich auspowern. Männer, die überraschend Väter werden und bislang nichts mit Kindern anfangen konnten, sollten das Kind als ihr Projekt sehen. Und in sein Projekt lässt man sich nicht reinreden. Auch von der Mutter nicht.

          Dann macht euch auf Ärger gefasst, Männer! Seid mutig, erzählt bloß nicht alles, denkt selbst und handelt autonom, habt Selbstvertrauen, es ist auch euer Kind, das Kind ist nicht nur von der Mutti geborgt, das Kind ist euer Projekt, euer Job – euer Kind.

          Wenn Frauen vom „ersten Mal“ reden, geht es immerzu um jenes eine erste Mal, geht es jedes Mal um Sex und nichts anderes. Männer haben den ersten Sex möglicherweise mit einer doppelt so alten Hure und davor und danach noch viele erste Male: die erste Zigarette, den ersten Vollrausch, den ersten Joint. Jeder Mann erinnert sich an die erste eigene Platte, die erste WM, das erste selbst erzielte Tor, an das erste Moped, die erste Autofahrt, das erste Auto, den ersten Tag beim Bund oder als Umwelt-Zivi im Kreiskrankenhaus Freudenstadt. Okay, auch Männer sind Romantiker, sie wissen noch genau, in wen sie das erste Mal verliebt waren. Aber das sagen sie lieber nicht.

          Kinderwagenschieber sind keine Minderheit mehr

          Ich weiß noch genau, wie es das erste Mal war, mit dem Zwillingskinderwagen, Spurbreite 63 Zentimeter, am Hamburger Kaiser-Friedrich-Ufer, den schmalen Spazierweg hinabzurollen. Das Kai-FU durchquert Eimsbüttel, einen der geburtenstärksten Bezirke der Stadt, an jedem Wochentag, zu jeder Tageszeit trifft man hier auf Jogger, Hunde an der Leine und Mütter mit Kinderwagen. Es ist eher unüblich, in Hamburg einander zuzuzwinkern oder anzulächeln, wenn man sich, Kinderwagen voran, unter seinesgleichen wähnt. Ich meine, so wie sich unterwegs Motorradfahrer grüßen. Sogar Porsche-Fahrer tun es. Hamburg ist dafür entweder zu bürgerlich, zu cool, zu unterkühlt.

          Vielleicht liegt es auch daran, dass Kinderwagenschieber, im Unterschied zu Motorradfahrern, gar keine Minderheit mehr sind und dass es der individuelle Großstädter nicht mag, Teil einer Massenbewegung zu sein. Jedenfalls hielt ich in meinem jungen Vaterglück anfangs vergnügt Ausschau nach anderen Kinderwagenschiebern, Männern wie Frauen, bereit zu einem aufmunternden Nicken und einem breiten Grinsen. Aber da kam nichts.

          Die anderen waren mit stoischem Ernst bei der Sache und schauten sonst wo hin oder angestrengt weg. Bei manchen Müttern hatte ich den Eindruck, sie seien geradezu brüskiert: Typisch Mann, protzt vor aller Welt mit seiner Potenz! Unsereins gebiert unter Qualen ein Kind und nimmt in spätestens zwei Jahren erneut das Kreuz von neun Monaten Schwangersein auf sich – und der hier schreit mir frech ins Gesicht: Zwei auf einmal, bin ich nicht ein toller Hecht?

          Zwei auf einmal sind ein unverschämtes Glück

          Okay, diese Sorte Männer gibt es auch. Aber es sind auch hier immer die anderen. Der versnobte Vater etwa, der Sonntagfrüh drüben im begüterten Eppendorf seine beiden mit (neulich in London erstandenen) Burberry-Kleidchen ausstaffierten Töchtern in der feinen Bäckerei und Konditorei herzeigt. Hinter ihm ein halbes Dutzend geduldig wartender Kunden, aber er lässt seine verwöhnten Gören minutenlang über die Brötchenauswahl debattieren.

          Den missgünstigen oder auch nur müden Weibern habe ich fortan erst recht entgegengelächelt, unerschütterlich und dabei mit grimmiger Entschlossenheit sehr leise den Schlachtruf der Zwillingseltern skandiert: Eins kann jeder! Eins kann jeder! Eins kann jeder!

          Die Mutter in ihrer Wut hatte ja recht: Eins ist nie genug, und zwei auf einmal sind ein unverschämtes Glück. Mit zwei Kindern aufs Mal ist man tatsächlich fertig, man überlegt sich erst gar nicht, ob man diesen Aufwand womöglich ein zweites Mal betreiben will. Zwillinge sind das Glück schlechthin, wobei ich jedes Mal bei Verwendung des phrasenhaften Adverbs „schlechthin“ schlechterdings nie weiß, ob es nicht das Gegenteil bedeutet? Darum, zur Klarstellung, Kinder: Zwillinge sind das Glück.

          Am Ende war es dann doch wie bei den Motorradfahrern: Begegneten sich nämlich auf dem KaiFu-Spazierweg, entlang des Isebek-Kanals, zwei Zwillingswagen, war die Begeisterung beiderseits groß und das Grinsen zweimal 63 Zentimeter (spurbreite-)breit.

          Nie wieder im Leben ins Kino

          Wenn du Zwillinge hast, geht nichts mehr. Hatte ich mir so nicht vorgestellt. Und es dauert lange, bis man es sich eingesteht. Und bis man zu dem Schluss kommt: Kino ist letztlich auch nur Müßiggang und Zeitvertreib, also verzichtbar. Ein dummer Satz. Ein Notwehrsatz. Reiner Selbstbetrug. Ursula Meiers „Winterdieb“ war der letzte Film, den wir vor den Kindern gemeinsam angeschaut haben. Zwei Wochen nach der Entbindung taten wir so als gehe alles seinen Gang, und gingen getrennt und an zwei Nachmittagen nacheinander ins Kino, was blöd war, aber einen Versuch wert.

          Man versucht sich einzurichten, folgt aber nur einem ritualisierten Alltagsprogramm. Abends wird weiterhin gekocht, der Aufwand dafür, glaubt man, hält sich im Rahmen. Einfaches Wintergericht ohne allzu viele Zutaten, das schnell geht und satt macht? Kartoffeleintopf. Tatsächlich dauert das Kartoffelschälen schon zu lange. Oder: Nudeln sind aus. Jetzt noch in den Supermarkt? Dauert 20 Minuten plus zehn Minuten Feierabendstau an der Kasse plus zehn Minuten Nudeln kochen. Das ist entschieden zu lange! Wie lange braucht noch mal so ein Nudelteig? Das Internet-Kochbuch ist, wie so oft, keine große Hilfe.

          Zeitlicher Aufwand: 10 Minuten, 15 Minuten, 20 Minuten, 25 Minuten für jeweils ein und dasselbe Rezept. Forget it. Eine Stoppuhr braucht es lediglich beim Backen. Gekocht wird nach Gefühl. Ich mach eben schnell einen Eins-a-Nudelteig, in der Hälfte der Zeit. Welche Hybris! An einem Sonntagabend kumulierten Ritual und Gewohnheit: Die Absicht, den Spätzleteig selbst zu machen, traf auf die über Jahre hinweg gepflegte Verabredung zum „Tatort“ um 20.15 Uhr. Viertel nach acht war der Teig endlich fertig, kurz vor halb ruhte er im Kuttereimer. Falsches Mehl, klumpender Teig, zu den Linsen keine Spätzle und den Anfang vom Film verpasst.

          Selbst gemachte Nudeln gab es seither nicht mehr, den „Tatort“ anfangs nur noch zeitversetzt im Livestream am Laptop, mittlerweile schauen wir nur noch ausgewählte Lieblinge und lassen Maria Furtwängler und Til Schweiger, Ballauf und Schenk, Lena Odenthal und Kopper, Lürsen und Stedefreund sausen. Schmerzlich indes war der Verzicht aufs Kino. Eine Weile verfolgt man noch das laufende Programm, recherchiert, was Christian Petzold, Woody Allen, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Sofia Coppola, Paolo Sorrentino so machen, liest Kritiken über Filme, die man nie sehen wird, jedenfalls nicht im Kino. Man verliert den Faden, und am Ende des ersten Jahres, wenn das Feuilleton auf die Kino-Highlights zurückblickt, ist es, als ob man die Todesanzeigen überschaute.

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