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Leben als Vater von Zwillingen : Eins kann jeder!

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Den missgünstigen oder auch nur müden Weibern habe ich fortan erst recht entgegengelächelt, unerschütterlich und dabei mit grimmiger Entschlossenheit sehr leise den Schlachtruf der Zwillingseltern skandiert: Eins kann jeder! Eins kann jeder! Eins kann jeder!

Die Mutter in ihrer Wut hatte ja recht: Eins ist nie genug, und zwei auf einmal sind ein unverschämtes Glück. Mit zwei Kindern aufs Mal ist man tatsächlich fertig, man überlegt sich erst gar nicht, ob man diesen Aufwand womöglich ein zweites Mal betreiben will. Zwillinge sind das Glück schlechthin, wobei ich jedes Mal bei Verwendung des phrasenhaften Adverbs „schlechthin“ schlechterdings nie weiß, ob es nicht das Gegenteil bedeutet? Darum, zur Klarstellung, Kinder: Zwillinge sind das Glück.

Am Ende war es dann doch wie bei den Motorradfahrern: Begegneten sich nämlich auf dem KaiFu-Spazierweg, entlang des Isebek-Kanals, zwei Zwillingswagen, war die Begeisterung beiderseits groß und das Grinsen zweimal 63 Zentimeter (spurbreite-)breit.

Nie wieder im Leben ins Kino

Wenn du Zwillinge hast, geht nichts mehr. Hatte ich mir so nicht vorgestellt. Und es dauert lange, bis man es sich eingesteht. Und bis man zu dem Schluss kommt: Kino ist letztlich auch nur Müßiggang und Zeitvertreib, also verzichtbar. Ein dummer Satz. Ein Notwehrsatz. Reiner Selbstbetrug. Ursula Meiers „Winterdieb“ war der letzte Film, den wir vor den Kindern gemeinsam angeschaut haben. Zwei Wochen nach der Entbindung taten wir so als gehe alles seinen Gang, und gingen getrennt und an zwei Nachmittagen nacheinander ins Kino, was blöd war, aber einen Versuch wert.

Man versucht sich einzurichten, folgt aber nur einem ritualisierten Alltagsprogramm. Abends wird weiterhin gekocht, der Aufwand dafür, glaubt man, hält sich im Rahmen. Einfaches Wintergericht ohne allzu viele Zutaten, das schnell geht und satt macht? Kartoffeleintopf. Tatsächlich dauert das Kartoffelschälen schon zu lange. Oder: Nudeln sind aus. Jetzt noch in den Supermarkt? Dauert 20 Minuten plus zehn Minuten Feierabendstau an der Kasse plus zehn Minuten Nudeln kochen. Das ist entschieden zu lange! Wie lange braucht noch mal so ein Nudelteig? Das Internet-Kochbuch ist, wie so oft, keine große Hilfe.

Zeitlicher Aufwand: 10 Minuten, 15 Minuten, 20 Minuten, 25 Minuten für jeweils ein und dasselbe Rezept. Forget it. Eine Stoppuhr braucht es lediglich beim Backen. Gekocht wird nach Gefühl. Ich mach eben schnell einen Eins-a-Nudelteig, in der Hälfte der Zeit. Welche Hybris! An einem Sonntagabend kumulierten Ritual und Gewohnheit: Die Absicht, den Spätzleteig selbst zu machen, traf auf die über Jahre hinweg gepflegte Verabredung zum „Tatort“ um 20.15 Uhr. Viertel nach acht war der Teig endlich fertig, kurz vor halb ruhte er im Kuttereimer. Falsches Mehl, klumpender Teig, zu den Linsen keine Spätzle und den Anfang vom Film verpasst.

Selbst gemachte Nudeln gab es seither nicht mehr, den „Tatort“ anfangs nur noch zeitversetzt im Livestream am Laptop, mittlerweile schauen wir nur noch ausgewählte Lieblinge und lassen Maria Furtwängler und Til Schweiger, Ballauf und Schenk, Lena Odenthal und Kopper, Lürsen und Stedefreund sausen. Schmerzlich indes war der Verzicht aufs Kino. Eine Weile verfolgt man noch das laufende Programm, recherchiert, was Christian Petzold, Woody Allen, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Sofia Coppola, Paolo Sorrentino so machen, liest Kritiken über Filme, die man nie sehen wird, jedenfalls nicht im Kino. Man verliert den Faden, und am Ende des ersten Jahres, wenn das Feuilleton auf die Kino-Highlights zurückblickt, ist es, als ob man die Todesanzeigen überschaute.

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