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Leben als Vater von Zwillingen : Eins kann jeder!

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Männer machen gerne ihr Ding. Männer brauchen eine Aufgabe, ein Projekt: einen Garten, ein Bauernhaus, das sie entkernen und neu aufbauen können, ein Motorrad, an dem sich herumschrauben lässt, einen Job, der sie fordert, Sport, bei dem sie sich auspowern. Männer, die überraschend Väter werden und bislang nichts mit Kindern anfangen konnten, sollten das Kind als ihr Projekt sehen. Und in sein Projekt lässt man sich nicht reinreden. Auch von der Mutter nicht.

Dann macht euch auf Ärger gefasst, Männer! Seid mutig, erzählt bloß nicht alles, denkt selbst und handelt autonom, habt Selbstvertrauen, es ist auch euer Kind, das Kind ist nicht nur von der Mutti geborgt, das Kind ist euer Projekt, euer Job – euer Kind.

Wenn Frauen vom „ersten Mal“ reden, geht es immerzu um jenes eine erste Mal, geht es jedes Mal um Sex und nichts anderes. Männer haben den ersten Sex möglicherweise mit einer doppelt so alten Hure und davor und danach noch viele erste Male: die erste Zigarette, den ersten Vollrausch, den ersten Joint. Jeder Mann erinnert sich an die erste eigene Platte, die erste WM, das erste selbst erzielte Tor, an das erste Moped, die erste Autofahrt, das erste Auto, den ersten Tag beim Bund oder als Umwelt-Zivi im Kreiskrankenhaus Freudenstadt. Okay, auch Männer sind Romantiker, sie wissen noch genau, in wen sie das erste Mal verliebt waren. Aber das sagen sie lieber nicht.

Kinderwagenschieber sind keine Minderheit mehr

Ich weiß noch genau, wie es das erste Mal war, mit dem Zwillingskinderwagen, Spurbreite 63 Zentimeter, am Hamburger Kaiser-Friedrich-Ufer, den schmalen Spazierweg hinabzurollen. Das Kai-FU durchquert Eimsbüttel, einen der geburtenstärksten Bezirke der Stadt, an jedem Wochentag, zu jeder Tageszeit trifft man hier auf Jogger, Hunde an der Leine und Mütter mit Kinderwagen. Es ist eher unüblich, in Hamburg einander zuzuzwinkern oder anzulächeln, wenn man sich, Kinderwagen voran, unter seinesgleichen wähnt. Ich meine, so wie sich unterwegs Motorradfahrer grüßen. Sogar Porsche-Fahrer tun es. Hamburg ist dafür entweder zu bürgerlich, zu cool, zu unterkühlt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Kinderwagenschieber, im Unterschied zu Motorradfahrern, gar keine Minderheit mehr sind und dass es der individuelle Großstädter nicht mag, Teil einer Massenbewegung zu sein. Jedenfalls hielt ich in meinem jungen Vaterglück anfangs vergnügt Ausschau nach anderen Kinderwagenschiebern, Männern wie Frauen, bereit zu einem aufmunternden Nicken und einem breiten Grinsen. Aber da kam nichts.

Die anderen waren mit stoischem Ernst bei der Sache und schauten sonst wo hin oder angestrengt weg. Bei manchen Müttern hatte ich den Eindruck, sie seien geradezu brüskiert: Typisch Mann, protzt vor aller Welt mit seiner Potenz! Unsereins gebiert unter Qualen ein Kind und nimmt in spätestens zwei Jahren erneut das Kreuz von neun Monaten Schwangersein auf sich – und der hier schreit mir frech ins Gesicht: Zwei auf einmal, bin ich nicht ein toller Hecht?

Zwei auf einmal sind ein unverschämtes Glück

Okay, diese Sorte Männer gibt es auch. Aber es sind auch hier immer die anderen. Der versnobte Vater etwa, der Sonntagfrüh drüben im begüterten Eppendorf seine beiden mit (neulich in London erstandenen) Burberry-Kleidchen ausstaffierten Töchtern in der feinen Bäckerei und Konditorei herzeigt. Hinter ihm ein halbes Dutzend geduldig wartender Kunden, aber er lässt seine verwöhnten Gören minutenlang über die Brötchenauswahl debattieren.

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