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Kinderbuchautor Sebastian Lybeck : Lachen, dass der Bauch wackelt

So beginnt es: Latte Igel, sein Eichhörnchen-Freund Tjum und die Bären, die sich gemeinsam überlistet haben Bild: Daniel Napp/Thienemann Verlag

Der Mann, der nur Gedichte schreiben wollte, ist für eine der schönsten Kinderbuchgeschichten überhaupt verantwortlich. Ein Besuch bei dem „Latte Igel“-Autor Sebastian Lybeck.

          6 Min.

          Es ist nicht alles schlecht im Kapitalismus. Immerhin verdanken wir eines der schönsten Kinderbücher aller Zeiten der schieren Geldnot seines Verfassers. Der finnische Journalist Sebastian Lybeck hatte in den frühen fünfziger Jahren auf Wunsch seines Chefredakteurs eine Kindergeschichte in Fortsetzungen geschrieben, die einen Sommer lang lief.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Held war ein Igel, weil es auf Lybecks Urlaubsinsel damals so viele dieser Tiere gab. „Dann habe ich mit dem Journalismus abgeschlossen, um nur noch zu schreiben“, erinnert sich Lybeck - erst mal Gedichte, so wie sie bereits der damals 21-Jährige in einem 88-seitigen Bändchen namens „I tornet“ (Im Turm) publiziert hatte.

          Der junge Mann zog dafür wieder zu seiner Mutter, die ihn, sagt Lybeck, täglich bedrängte, was denn nun mit dem Geldverdienen sei. Verständlicherweise, schließlich hatte sie in Gestalt von Lybecks Vater vor Augen, was es für eine Familie bedeutet, wenn der Ernährer lieber Künstler sein will und Bilder malt, statt Geld zu verdienen, bis das ererbte Vermögen nicht mehr dazu ausreicht, die prächtige Villa in einem Vorort von Helsinki zu unterhalten, wo viele Angehörige der schwedischsprachigen Minderheit lebten. „Er war nervös und lief in seinem großen Atelier hin und her, hin und her“, erinnert sich Lybeck. Jedenfalls sei sein Vater aus dem Krieg völlig verändert zurückgekehrt. Und habe danach trotzdem eines seiner allerbesten Bilder gemalt.

          „Es war unruhig zu Hause“

          Heute hängen einige davon in der Wohnung Sebastian Lybecks im schwedischen Tyresö - darunter eine hinreißende Hafenansicht in expressionistischer Manier. Der Kleinstadt Tyresö, mit Stockholm fast zusammengewachsen und bekannt durch ihre fabelhafte Frauenfußballmannschaft, sieht man an, dass sie in den sechziger und siebziger Jahren massiv ausgebaut worden ist, um Wohnraum zu schaffen. Lybeck lebt mit vielen Nachbarn in einem achtstöckigen Bau aus rotem Backstein. Die Bushaltestelle ist nahe, es gibt eine Grünfläche zwischen den Häusern, zum nächsten See sind es 15 Minuten.

          „Es war unruhig zu Hause“, sagt Lybeck in seinem hervorragenden Deutsch und gibt die nun knapp sechzig Jahre zurückliegenden Diskussionen zwischen Mutter und Sohn sehr lebendig wieder. Er solle studieren, sagte die Mutter, Mathematik und Chemie, damit könne man doch etwas anfangen. Als er sich darauf einließ, schenkte ihm sein Vater ein kleines Segelboot.

          Als er das Studium dann zwei Jahre später abbrach, weil „meine Eltern Resultate sehen“ wollten, nahm ihm die Mutter 1949 das Boot wieder weg und verkaufte es einem Cousin - „das habe ich nie vergessen“, sagt Lybeck aus dem Abstand vieler Jahrzehnte. Und lacht, wie um einer schmerzhaften Erinnerung die Schärfe zu nehmen.

          Fieberhaft herunter geschrieben, kühl erzählt

          Als später der Streit gar nicht mehr auszuhalten war, erinnerte sich Lybeck, nun freier Journalist, an den Igel aus seiner Feuilletongeschichte. Er schloss sich in seinem Zimmer ein und schrieb in drei Tagen das Buch, das ihn berühmt machen sollte: „Latte Igel und der Wasserstein“.

          Auch in späteren Abenteuern kann Latte (links unten) auf die Hilfe von Bisamratte Flurr (rechts unten) und Meerschwein Pekpek (Mitte) zählen
          Auch in späteren Abenteuern kann Latte (links unten) auf die Hilfe von Bisamratte Flurr (rechts unten) und Meerschwein Pekpek (Mitte) zählen : Bild: Daniel Napp/ Thienemann Verlag

          Der Titelheld erlebt, wie der Wald, in dem er friedlich mit seinen Freunden lebt, an Wassermangel zugrunde geht. Der Rabe Korp erzählt nun Latte Igel von jenem wundersamen Stein, aus dem klares Quellwasser sprudelt und den der Bärenkönig Bantur in seinem Besitz hat - weit entfernt im finsteren Nordwald. Latte macht sich auf den Weg, passiert die Wälder der Wölfe und Luchse und bringt mit der Hilfe des Eichhörnchens Tjum den Stein tatsächlich an sich. Auf dem Rückweg zeigt sich aber, warum die Wölfe und Luchse zuvor so freundlich zu dem schwachen Igel waren: Sie wussten von seiner Mission und wollen ihm nun den Stein abnehmen.

          Dass das so fieberhaft heruntergeschriebene, aber durchaus kühl erzählte Buch spannend ist, erschließt sich sofort. Da ist ganz klassisch ein Problem, eine unlösbare Aufgabe, ein Anti-Held, der am liebsten zu Hause bliebe, aber sich in der Pflicht sieht und am Ende kaum glauben kann, dass all das gut ausgegangen ist. Dann ist da - sehr wichtig im Kinderbuch - der unterwegs von Latte Igel gewonnene Freund, ohne den das Unternehmen sicher gescheitert wäre. Auch die Konstellation des körperlich schwachen Helden, der seine Aufgabe mit List statt mit Muskelspiel erledigt, ist eine übliche Zutat im Abenteuerroman für junge Leser.

          Was aber macht das Buch dann so besonders? Es ist dieser Ton, der den Lyriker ebenso verrät wie den Freund gewagter Bilder: „Auf dem Grund der Tümpel“, heißt es zu Beginn, als die Folgen der Dürre beschrieben werden, „mitten im getrockneten Schlamm, lagen die Steine und blickten vorwurfsvoll zur brennenden, stechenden Sonne.“ Erwachsene überlesen so etwas leicht, Kinder nehmen die belebten Steine als Teil einer belebten Natur wahr, in der die Sonne herunterschaut zur Erde und die Steine herauf zum Himmel.

          „Ich wurde geheiratet"

          Der Mann, der immer nur Gedichte schreiben wollte, wurde für „Latte Igel und der Wasserstein“ 1959 ausgezeichnet. Da hatte er das Elternhaus schon längst verlassen. Er hatte während eines dreimonatigen Aufenthalts in Süddeutschland genug Deutsch gelernt, um Christian Morgensterns „Galgenlieder“ ins Schwedische zu übertragen. Er war nach Stockholm gezogen. Und er hatte seine spätere Frau Berthe kennengelernt.

          Zwei Bilder hängen nebeneinander in Sebastian Lybecks Wohnung in Tyresö, die das Paar zeigen. Ein Freund hat sie in den sechziger Jahren gemalt, erzählt der Autor, und wenn er den Porträtierten nicht geschmeichelt hat, dann waren sie ein ausgesprochen schönes Paar. Berthes schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen wird von den großen Augen dominiert, und dass sie wusste, was sie wollte, klingt in den Schilderungen des Autors an.

          Sie besuchte ihn in Stockholm, sagt er, dabei hätten sie beschlossen, zusammenzuleben, aber er habe bald einen Rückzieher gemacht, weil er doch schreiben wollte und keine Familie ernähren. Dann mache ich das eben, habe Berthe, „dieser wunderbare Mensch“, gesagt, schließlich sei sie fertig ausgebildete Lehrerin. Ein halbes Jahr später „wurde ich geheiratet“, sagt Lybeck.

          Affenstadt und hungrige Krokodile

          Den zweiten Band von „Latte Igel“ gab es damals auch schon, er schildert eine Reise nach Ägypten, eine Affenstadt und hungrige Krokodile, und dass dieses Buch nie auf Deutsch erschienen ist, liegt an der damaligen Leiterin des Thienemann-Verlags, die vor dem Hintergrund der gerade überstandenen Suez-Krise fürchtete, das Buch könne als Kommentar zur politischen Situation gelesen werden, was damals im Kinderbuch undenkbar war und auch heute nicht sonderlich gern gesehen wird.

          Schöpfer: Sebastian Lybeck
          Schöpfer: Sebastian Lybeck : Bild: Thienemann Verlag

          Also schrieb Lybeck das Buch für den deutschen Markt um und schickte Latte Igel auf die Lofoten, die Sehnsuchts-Inselgruppe vor der norwegischen Küste, wo er mit seiner Familie zwischen 1959 und 1964 gelebt hatte; er arbeitete unter anderem auf einem Fischerboot („ich dachte, ich muss das alles kennen“) und verfasste einen Lyrikband über die Lofoten, der 1961 erschien.

          Zwei Töchter wurden geboren, die Familie zog nach Dänemark und zurück nach Schweden. Seit der Hochzeit mit Berthe hatte auch Lybecks Mutter ihren Frieden mit dem Lebensweg ihres Sohns gemacht, so scheint es, auch wenn sie einen seiner autobiographischen Lyrikbände, der Briefe an die Eltern in Gedichtform enthielt, zum Anlass für eine, wie Lybeck sagt, zweistündige Standpauke nahm. Lybeck kämpfte als Umweltaktivist über lange Jahre und mit großem persönlichen Einsatz gegen den Bau eines Wasserkraftwerks in Nordnorwegen und gegen Atomkraft in Dänemark.

          „Latte Igel war in die Jahre gekommen“

          Dann wurde Berthe krank. „Ich habe sie zu Hause gepflegt, vier Jahre lang“, sagt Lybeck, „damals konnte ich überhaupt nichts schreiben.“ Sie kam in ein Pflegeheim und starb. Und Lybeck, der wieder angefangen hatte, Gedichte zu schreiben, setzte vierzig Jahre nach Erscheinen des zweiten Bandes die Geschichte von Latte Igel fort - „Latte Igel und der schwarze Schatten“. Aber was ist das für eine merkwürdige Fortsetzung?

          „Latte Igel war in die Jahre gekommen“, so beginnt das Buch: „Es fiel ihm zunehmend schwer, sich Namen neuer Bekanntschaften oder neuer Plätze zu merken. Sein elegantes Stachelhemd war mit der Zeit so arg verschlissen, dass man ihn glatt mit einem Reisighaufen verwechseln konnte. Auch auf den Beinen war er etwas unsicher, weil sein Gleichgewichtssinn nicht mehr der Beste war.“ So geht das weiter, Latte ist nicht mehr so kräftig, sein Radius ist beschränkt, aber es gibt ja noch den gewohnten Wald und die alten Freunde.

          Parallelwelten in freundlichere Orte verwandeln

          Dann aber wird es unheimlich: Urplötzlich sackt Latte zusammen und wird in die Erde hineingezogen. Er landet in einer Parallelwelt, der die bunten Farben des Waldes fehlen - alles ist grau. Die alten Freunde erkennen ihn nicht mehr, seinen Bau bewohnt nun ein anderer Igel, und das Bild, das hier gezeichnet wird vom Alter, von Orientierungslosigkeit und dem Gefühl umfassender Fremdheit, ist ebenso erschütternd wie meisterlich. Im Kinderbuch findet das nicht seinesgleichen.

          „Das ist mein Leben ohne Berthe“, sagt Lybeck. Latte Igel, c’est moi? Das Buch wäre nicht zu ertragen, zöge sich der tapfere kleine Igel darin nicht am eigenen Schopf aus dem Schlamassel. Am Ende hat er die Parallelwelt in einen freundlicheren Ort verwandelt und ist zurück in die eigene gekehrt.

          Seit zwei Jahren liegt ein weiterer Latte-Igel-Band vor, ein fröhliches Bilderbuch, geschaffen zusammen mit dem Illustrator Daniel Napp. Es erzählt von Latte Igels Geburtstag. Am Ende fragt ein kleiner Igeljunge den Jubilar, wie alt er eigentlich noch werden wolle. „,Hundert Jahre!‘, antwortete Latte Igel und lachte, dass sein Bauch wackelte.“ Am 3. August steht Sebastian Lybecks 85. Geburtstag an.

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