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Alltag der Brummi-Fahrer : Leben auf der Straße

Arbeit und Wohnraum in einem: Fernfahrer Maik in seinem LKW Bild: Helmut Fricke

Keine Zeit, kein Komfort und wenig Geld. Die Arbeit als Lastwagenfahrer ist beschwerlich. Von der großen Freiheit ist kaum was zu spüren. Nun kommt auch noch neue Konkurrenz.

          7 Min.

          Links die Tür, rechts der Beifahrersitz, in seinem Rücken zwei schmale Pritschen. Maiks mobiles Zuhause ist kleiner als ein Hundezwinger, das hat er schwarz auf weiß: „Jeder Hund, der größer ist als fünfzig Zentimeter, hat Anspruch auf acht Quadratmeter“, sagt der Fernfahrer. So stehe das in der Tierschutz-Hundeverordnung. Maik, 1,90 Meter groß, kann keine zwei Schritte machen, ohne sich zu stoßen. Zumindest dann, wenn er in seinem Lkw unterwegs ist. Und Maik ist fast immer unterwegs.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Montag Morgen, sechs Uhr, ein Parkplatz im Industriegebiet in Haiger bei Siegen. Im blauen Scania-Lastwagen, der aufgereiht neben anderen Trucks parkt, bewegt sich zuerst nur der Vorhang im Cockpit, dann kommt Maiks müdes Gesicht zum Vorschein. In der Nacht ist er aus seiner thüringischen Heimat nach Haiger zu seiner Spedition gefahren. Er muss früh los. Ein paar Stunden Schlaf im Lkw, Katzenwäsche am Waschbecken im Bürogebäude, ein Automaten-Kaffee, der nach Plastikbecher schmeckt  und los.

          520 PS schieben das siebzehn Meter lange Gefährt samt zweiundzwanzig Tonnen Ladung auf die Landstraße. Es geht vorbei an Wiesen im Morgennebel, an einer Rinderherde und sich müde drehenden Windrädern. Maiks Blick weicht nicht von der Straße, sein erster Kunde sitzt ihm im Nacken. Ein Unternehmen, eine Lkw-Stunde entfernt, wartet auf eine Lieferung, die er aus Italien mitgebracht hat. Es geht um Hunderte gusseiserne Ringe, jeder so groß wie eine Schallplatte. Wozu die gebraucht werden? „Keine Ahnung“, sagt Maik. Er hat ein anderes Problem, die schmale Einfahrt auf das Firmengelände.

          Viertel Jahrhundert hinterm Steuer

          „Da fahre ich jetzt bestimmt nicht rein“, sagt er und springt aus der Fahrerkabine. Drei Minuten später sitzt er wieder hinter dem Lenkrad: „Jetzt wird's lustig.“ Langsam fahrend, den Rückspiegel im Blick, schiebt er den Fünf-Achser Meter für Meter auf den Betriebshof. Zentimeterarbeit, aber es passt. Kaum hat er geparkt und die Plane am Anhänger zur Seite gezogen, schnappen sich Gabelstapler die Boxen mit den Eisenringen, eine Unterschrift auf dem Frachtschein, fertig. Der nächste Kunde wartet. Keine Verschnaufpause, es geht Schlag auf Schlag. Ganz anders, als man sich das Truckerleben vorstellt. „Stress und Hektik aushalten zu können“, sagt Maik, „das ist mit das Wichtigste.“

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          Hinter einem Vorhang, der die Fahrerkabine abdunkelt, hält Trucker Erdmann seine Ruhezeiten ein.
          Hinter einem Vorhang, der die Fahrerkabine abdunkelt, hält Trucker Erdmann seine Ruhezeiten ein. : Bild: Helmut Fricke

          Maik Erdmann muss es wissen. Er ist 47 Jahre alt, seit einem Vierteljahrhundert sitzt er hinter dem Steuer. Drei Millionen Kilometer habe er in dieser Zeit zurückgelegt, schätzt er. Seinen Lkw-Führerschein hat er noch in der DDR gemacht, für 30 Ost-Mark. Den Traum vom Fahren habe er schon als Kind gehabt. Der Reiz? „Die Technik. Das viele Unterwegssein.“ Fünfundachtzig Weltumrundungen später ist von dieser Faszination nicht mehr allzu viel geblieben. „Ich bin gern Zu Hause, da ist Fernfahren Gift“, sagt Maik. Er klingt ein bisschen wehmütig, wenn er über seine Beziehung spricht. Die ist zerbrochen, er war ja kaum daheim. Seine Kumpel sieht er nur am Wochenende. „Und klar“, sagt Maik, „irgendwann kommst du an den Punkt, wo du dein eigenes Badezimmer vermisst.“ Viele Entbehrungen - wenig Lohn, so fasst er seinen Alltag zusammen. Mit weniger als 30 000 Euro Durchschnittsgehalt in der Branche ist das nicht an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem fährt der Thüringer weiter. Es ist sein Beruf.

           Zur Entschädigung gibt es Freiheit. So zumindest der Mythos vom Trucker, dem letzten Abenteurer unserer Zeit. Maik kann das nicht mehr hören. Er stört sich schon an dem Begriff „Trucker“. „Da denkt man doch an tätowierte Typen mit Cowboystiefeln und ungepflegten Bärten, die Countrymusik hören.“ Maik, der gutmütige Hüne mit dem freundlichen Gesicht, hat mit diesem Klischee nichts gemein. Er ist ein Anti-Trucker: Glattrasiert sitzt er in seinem aufgeräumten Fahrerhaus, das er jeden Morgen mit einem Handfeger von Krümeln und Staub befreit.

          Das Bett ist ein „Heiligtum“

          Kein einziges Foto, kein Nummernschild mit seinem Namen und erst recht keine Häkeldecke vor der Windschutzscheibe. Das Bett, das er sein „Heiligtum“ nennt, streicht er jeden Morgen so ordentlich glatt, wie man es sonst nur im Hotel kennt. Abenteuer reizen ihn nicht: Maik zählt die Wochen, bis er endlich wieder nach Sardinien kann, wo er seit Jahren seinen Urlaub verbringt. Und Countrymusik kann er erst recht nichts abgewinnen. „Der Tod von George Michael hat mich mehr berührt als der von Gunter Gabriel.“

          Der Lastwagenfahrer Maik Erdmann startet mit seinem Schwertransporter zu einer mehrtägige Tour nach Italien.
          Der Lastwagenfahrer Maik Erdmann startet mit seinem Schwertransporter zu einer mehrtägige Tour nach Italien. : Bild: Helmut Fricke

          Der Tag verläuft zäh. In Herborn muss er sich durch eine Baustelle schlängeln, die Arbeiter motzen ihn an, weil sie ein paar Schilder zur Seite räumen müssen, damit er durchkommt. Bei jeder zweiten Brücke muss er abbremsen, weil sie marode ist und nur langsam überfahren werden darf. „Eine Schande ist das“, findet er. Und obwohl schon Mittag ist, weiß er noch immer nicht, wohin ihn seine Reise in dieser Woche führt. Erst als nach mehreren Stopps die

          Ladefläche leergeräumt ist, klingelt sein Handy, und eine Frauenstimme schickt ihn nach Kreuztal. Bei einer Brauerei stehen 288 Bierfässer bereit. Maik weiß, was das heißt. Es geht nicht wie sonst in die Nähe von Mailand oder Verona, im nördlichen Italien, sondern bis in den letzten westlichen Zipfel des Landes, ans Mittelmeer in die Provinz Savona. Deutsche Urlauber wollen dort deutsches Bier - Maik bringt es ihnen. In seinem Kopf beginnt es zu rattern. Welche Route ist die schnellste? Bin ich Freitag zurück in den eigenen vier Wänden? Muss ich den Geburtstag bei meinem Kumpel absagen? Die Zeit läuft gegen ihn.

          Computer könnten Maik den Job kosten

          Zwanzig Jahre dauert es noch, bis Maik in Rente geht. Sein Arbeitsplatz könnte aber vorher auch einfach verschwinden. Denn schon bis 2030 wird in Europa und Amerika mehr als jeder zweite Fahrerjob wegfallen, heißt es in einer Studie des Weltverkehrsforums ITF. Und zwar nicht, weil weniger Bier und Eisen transportiert werden muss, sondern weil Computer das Steuer übernehmen. Schon heute rollen Kolonnen mit selbstfahrenden Lastwagen testweise über deutsche Autobahnen. Die Bahn-Tochtergesellschaft DB Schenker und alle großen Lkw-Hersteller arbeiten daran, die neue Technik voranzubringen. Bei den Lastwagen wird es mit der Automatisierung schneller gehen als bei den Pkw, sind sich Fachleute sicher. Denn die Unternehmen können viel Geld sparen: Wenn Lastwagen ohne Fahrer auskommen, fallen Pausen weg, und der Transport wird billiger.

          Maik kennt diese Szenarien. „Noch kann sich das bei uns keiner so richtig vorstellen“, sagt er. Es sei unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit Geister-Lkw umherfahren. „In zehn Jahren vielleicht.“ Maik glaubt nicht daran, dass die Fahrer massenweise arbeitslos werden. Vielmehr würden sie zusätzliche Aufgaben bekommen. „Zum Beispiel das Disponieren, das heute unsere Kollegen im Büro übernehmen.“ Für die jungen Fahrer, an denen es schon jetzt mangele, sei das ein größeres Thema. Aber auch seine Arbeit ist nicht mehr dieselbe wie vor zwanzig Jahren. Auf der Autobahn legt er den Tempomaten ein und kann den Fuß vom Gas nehmen. Seitdem er mit Automatikgetriebe fährt, baumelt sein rechter Arm nach unten, weil er nicht ständig schalten muss. Was er macht, wenn er in ein paar Jahren nicht mehr im Cockpit gebraucht wird? „Dann halt Staplerfahrer für einen Tausender weniger im Monat. Oder Lotto spielen.“

          Am Mittag beginnt der Regen - und das Warten. Maik ist nicht der Einzige, der in Kreuztal Bierfässer laden will. Auf einem Parkplatz stehen Dutzende Lkw. Alle paar Minuten leuchtet auf einer Tafel eine Nummer auf. Maik sehnt die „551“ herbei. Doch zuerst ist der Typ mit den bunten Wimpeln an der Frontscheibe dran, dann fährt ein Rumäne vor und jetzt auch noch der Dicke, der eben noch nebenan stand. „Mann, Mann, Mann“, stöhnt Maik. Der Parkplatz leert sich. Maik harrt aus und tippt auf dem Handy.

          Wartezeit wird bezahlt, aber das Rumstehen nervt

          Er bekommt die Wartezeit bezahlt, aber das Rumstehen nervt. Es dauert zweieinhalb Stunden, bis die „551“ aufleuchtet - und Maik ins Schwitzen kommt: Während das Bier palettenweise geladen wird, zurrt er die Fässer fest und kontrolliert alles sorgfältig. Falls etwas mit der Ladung passiert, ist er dafür mitverantwortlich. Es ist früher Nachmittag, als der Fernfahrer die Brauerei verlässt. Jetzt noch rasch ein paar Kilometer weiter Teile für Wasserrohre in Brescia abholen - dann geht es auf die A45 Richtung Süden.

          Auf der Autobahn wird der Truck zu einem Glied in einer nicht enden wollenden Kette, die mit gut 80 Stundenkilometer dahinrollt. Das sieht friedlicher aus, als es ist: In einer Baustelle schert ein Lkw aus und setzt zum Überholen an. Es gibt nur zwei Spuren, Autos müssen bremsen, es wird eng. Über die Funkfrequenz, die die Fahrer miteinander verbindet, brüllt einer: „Lass den Idiot doch nicht wieder rein!“ Doch einer erbarmt sich. Maik sagt, es sei kein Zufall, dass der auffällige Lkw ein osteuropäisches Kennzeichen habe.

          „Ich habe nichts gegen die Fahrer, aber sie sind es halt gewohnt, robuster zu fahren.“ Fast jeder zweite Lastwagen wird hierzulande heute von Polen, Rumänen oder Bulgaren gesteuert, zeigen Statistiken. Die Stimmung zwischen deutschen und ausländischen Fahrern ist gespannt. Denn zum einen drückt die Konkurrenz aus Osteuropa die Löhne. Zum anderen seien es fast immer die ausländischen Fahrer, die nachts auf dem Standstreifen parkten oder ganze Wochenenden auf den Parkplätzen im Auto verbringen. Beides ist verboten. „Aber das wird so gut wie gar nicht kontrolliert“, sagt Maik. Dabei wäre mehr Polizei auf den Straßen und Parkplätzen nötig.

          Wenn die Fahrer schlafen, rücken Diebesbanden an

          Auch Maiks Lkw wurde schon „geschlitzt“. Die Plane seines Trucks hat eine dreißig Zentimeter lange Narbe. Wenn die Fahrer nachts schlafen, rücken Diebesbanden an und schneiden die Planen auf, um zu sehen, welche Schätze darunter schlummern. Auf 1,2 Milliarden Euro beziffern Fachleute den Wert gestohlener Handys, Laptops und anderer Waren in Deutschland in einem Jahr. Besonders schlimm sei es auf den Autobahnen, die Richtung Osten führen, sagt Maik. Auf seinen Südrouten sei das Problem kleiner.

          Es ist noch nicht dunkel, aber Maik darf nicht mehr weiterfahren. Knapp neun Stunden sitzt er schon hinter dem Steuer. Zwangspause. Eigentlich wollte er weiter in den Süden kommen, aber kurz vor Hanau ist nun Schluss. Immerhin findet er anders als an vielen anderen Tagen ohne langes Suchen einen Parkplatz auf einer Raststätte. Dort gibt es alles, was er braucht: einen Imbiss, eine Dusche, sonst nichts.

          Wie jeden Abend gönnt sich Maik für drei Euro einen warmen Schauer in einem Duschraum, in dem die Abdeckungen der Steckdosen abgerissen sind und das Wasser auf dem Boden steht. Die Currywurst mit Pommes, die acht Euro kosten soll, meidet er. „Ich lebe sparsam unterwegs“, sagt er und greift zu einem Joghurt in seinem Kühlschrank. Sein Gaskocher bleibt an diesem Abend kalt, es gab vorhin eine Gratis-Bockwurst an der Tankstelle, weil er für knapp 780 Euro Diesel getankt hat. Wie viele Fahrer hadert Maik mit seinem Gewicht. Er würde sich gerne mehr bewegen. Aber wo? Maik schaut auf seinem Laptop noch einen Film. Dann schläft er - auf einer Holzplatte mit dünner Schaumstoffmatratze.

          Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Zähneputzen, Katzenwäsche, Kaffee, zurück auf die Autobahn. Im Sommer und auf einer Raststätte mit Waschbecken sei das alles halbwegs erträglich. Aber wenn er im Winter auf einfachen Parkplätzen erwacht, wenn es noch dunkel ist und er sich bei Minusgraden mit seinem Wasserkanister waschen muss, dann sei das noch mal eine ganz andere Nummer.

          Es ist noch nicht viel los auf der Straße, Maik macht jetzt Kilometer. Vormittags ist er in Nürnberg, abends in Italien. Am Mittwoch liefert er das Bier in Andora am Mittelmeer ab. Donnerstag lädt er neue Ware. Am Freitag steht er im Stau. Da wollte er eigentlich schon wieder zurück sein. Stattdessen fährt er erst am Samstagnachmittag auf seiner Lieblingsstrecke. Welche das ist? „Die A4 Bad Hersfeld in Richtung Erfurt. Da geht's nach Hause.“

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