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Entnazifizierungs-Akten : Digitalisierung für den Aufbau der Demokratie

Der „Führer“ und die Filmregisseurin: Hitler und Riefenstahl auf einer undatierten Aufnahme Bild: Picture-Alliance

Das baden-württembergische Landesarchiv und das Archiv des französischen Außenministeriums digitalisieren Entnazifizierungs-Akten. So werden sie für Bürger und die Forschung besser zugänglich – für die Friedensarbeit in Europa.

          2 Min.

          Die Regisseurin Leni Riefenstahl filmte den Überfall von Hitlers Wehrmacht auf Polen. Dafür stellten die Nationalsozia­listen extra den „Sonderfilmtrupp Riefenstahl“ zusammen. Vor dem Krieg durfte sie im Auftrag von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die „Reichsparteitags­trilogie“ drehen, dazu gehörte auch ihr wohl bekanntester Film „Triumph des Willens“ über den Nürnberger Parteitag 1934. Diesen Film drehte sie auf den persönlichen Wunsch des „Führers“.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Als die Regisseurin sich nach 1945 mehreren Entnazifizierungsverfahren unterziehen musste, kam die NS-belastete Künstlerin zunächst glimpflich davon: Sie wurde 1948 von einem Untersuchungsausschuss in Villingen und 1949 von einer Spruchkammer in Freiburg als „nicht betroffen“ erklärt. Wie es hierzu kommen konnte, war für ­Historiker bislang schwer zu erforschen. Denn die Entnazifizierungsakten lagern einerseits im Staats­archiv in Freiburg und andererseits im Diplomatischen Archiv Frankreichs in La Courneuve bei Paris.

          Erst durch die Auswertung der französischen Akten konnten Historiker die insgesamt vier Entnazifizierungsverfahren, denen sich die Regisseurin unter­ziehen musste, vollständig rekon­struieren. Nach Sichtung der Spruchkammerakten in Frankreich stellte sich heraus, dass die franzö­sischen Beamten nach den beiden milden Urteilen in Deutschland eigene Untersuchungen eingeleitet hatten, aus diesem Grund fand im Jahr 1949 ein drittes Verfahren statt: Riefen­stahl wurde nun als „Mit­läuferin“ eingestuft, zur Sühne entzog man ihr das passive Wahlrecht.

          Rekonstruktion eines „zerrissenen deutsch-französischen Gedächtnisses“

          Damit solche Fälle für die Forschung und für Familien künftig einfacher zu recherchieren sind, haben das französische Außenministerium und das baden-württembergische Landesarchiv ein bislang singuläres Projekt zur grenzüberschreitenden Digitalisierung deutscher und französischer Aktenbestände initiiert. Ein „zerrissenes deutsch-französisches Gedächtnis“ kann damit rekonstruiert und 240.000 Einzelfallakten in 912 Archivkartons sollen digitalisiert werden, was bedeutet, dass 1,6 Millionen Seiten elektronisch erfasst werden müssen. Finanziert wird das Projekt durch die „Stiftung Kulturgut“.

          Malerehepaar Martha und Otto Dix: In den Aktenbeständen beider Archive – etwa 8000 laufende Meter – findet sich auch die Spruchkammerakte des Malers Otto Dix.
          Malerehepaar Martha und Otto Dix: In den Aktenbeständen beider Archive – etwa 8000 laufende Meter – findet sich auch die Spruchkammerakte des Malers Otto Dix. : Bild: VG Bild-Kunst

          Am Donnerstag überreichte ­Nicolas Chibaeff, Direktor des Diplomatischen Archivs in La Courneuve, an Gerald Maier, dem Präsidenten des Landesarchivs, symbolisch eine Festplatte mit digitalisierten Dokumenten. Maier sagte, die Kooperation sei ein Beitrag zur „Überwindung von Kriegsfolgen und zur Friedensarbeit in Europa“. Chibaeff sagte, die Spruchkammerakten seien bei Forschern und Familienangehörigen begehrt, in La Courneuve gebe es mehrere Anfragen pro Woche. Endlich seien diese wichtigen Archiv­bestände zum Aufbau der Demokratie zugänglich.

          8000 laufende Meter Aktenbestände

          Anders als die amerikanische Militärverwaltung verfolgten die Franzosen einen fokussierten Ansatz bei der Entnazifizierung: Sie überprüften nicht jeden Deutschen, der älter als 18 Jahre war, sondern konzentrierten sich auf die Bevölkerungsgruppen, die für den Wiederaufbau Bedeutung hatten: Wirtschaftsführer, Lehrer, Professoren und natürlich Politiker. „Es waren insgesamt etwa 230.000 Fälle und 20 Prozent der Bevölkerung, die in der französischen Zone entnazifiziert worden sind, das war eher ein qualitativer Zugang“, sagt Clemens Rehm, der für das Projekt im Landesarchiv zuständig ist.

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          In den ersten Monaten nach der deutschen Niederlage herrschte bei den Franzosen zunächst sogar die Vorstellung, es könne ausreichend sein, wenn die deutschen Nazi-Gegner die Säuberungen selbst steuerten. Von diesem Selbstreinigungsansatz (auto-épuration) nahmen die Franzosen 1947 Abstand, Ziel der Besatzungspolitik der französischen Behörden in Baden-Baden war es dann, „die Mentalität eines Volkes“ zu ändern und für die Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Dekartellisierung und Demokratisierung zu sorgen.

          In den Aktenbeständen beider Archive – etwa 8000 laufende Meter – finden sich auch die Spruchkammerakten des Philosophen Martin ­Heidegger, des Malers Otto Dix und des Verlegers Franz Burda. Die Akten enthalten Fragebögen und die Zeugnisse, die sich belastete Personen ausstellen ließen. In dem Aktenbestand sind auch die Verfahrensakten des Buchenwalder KZ-Arztes Waldemar Hoven und des letzten Pariser Stadtkommandanten Dietrich von Choltitz enthalten.

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