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KZ-Tattoos : Akt der Erinnerung oder einfach nur geschmacklos?

Werbeplakat fürs Erinnern: Ein Holocaust-Überlebender und seine Enkelin zeigen die KZ-Nummer Bild: Baumann-Ber-Rivnay

In Israel werden Tattoo-Aufkleber mit den Nummern früherer KZ-Häftlinge an Schüler verteilt. Mit der Aktion gegen das Vergessen gekämpft werden.

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          Die Erinnerung droht zu verblassen. Jeden Tag sterben auf der ganzen Welt mehr als 30 Menschen, die den Holocaust überlebt haben. In Israel erinnern an diesem Montag um zehn Uhr wieder die Sirenen an den Tod der sechs Millionen Juden. Das ganze Land verharrt in einer Schweigeminute. Doch einigen Israelis ist das nicht genug: Sie bringen auf ihren Armen die Nummern früherer KZ-Häftlinge an. Es sind keine Tätowierungen, wie damals in den Lagern Auschwitz und Birkenau, sondern abwaschbare Aufkleber. Aber die Nummern darauf sind echt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit Sonntagabend werden sie in einem Gemeindezentrum und an vier Schulen an Hunderte Schüler vergeben, wie zuvor schon in New York und Hongkong. Dazu gibt es eine Postkarte und einen Code für Internetfähige Mobiltelefone: Sie führen zu den Lebensgeschichten der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge, denen ihre Peiniger diese Nummer einst eintätowiert hatten - und die meist noch bis heute in ihre Haut eingeritzt ist: Nur wenige Überlebende ließen sie in Israel von Ärzten entfernen; oft verdeckten sie sie aber unter den Ärmeln, um damit nicht aufzufallen.

          Ganz neu ist die Idee nicht

          Die Organisatoren gehen den entgegengesetzten Weg. „Dieses Symbol verbindet die junge Generation mit den Überlebenden, solange sie noch am Leben sind. Die tätowierten Nummern sind ein Tor, um mehr über den Holocaust zu lernen“, hoffen die Mitglieder der beiden israelischen Gruppen „Aviv for Holocaust survivors“ und „Future Generations“, die der israelische Geschäftspartner der internationalen Werbeagentur „Saatchi“ unterstützt. Um junge Menschen für die Vergangenheit zu interessieren sei es nötig gewesen, nicht nur technologisch neue Wege zu beschreiten, heißt es zur Begründung.

          Ganz neu ist die Idee aber nicht. Im vergangenen Jahr hatte schon der israelische Dokumentarfilm „Numbered“ (Nummeriert) von Dana Doron und Uriel Sinai Aufsehen erregt. Sie besuchten dafür Israelis, denen in Auschwitz ihre Häftlingsnummer auf den Arm tätowiert worden ist. Die schwarzen Ziffern und Buchstaben sind Teil ihres Lebens geworden. In ihren Familien dienen sie als Geheimnummern für den Safe oder als Passwort für das Internet. Aber es gibt in Israel mittlerweile auch mehr als ein Dutzend Kinder und Enkel, die sich die Nummern ihrer in Auschwitz inhaftierten Eltern oder Großeltern in die eigene Haut ritzen ließen, um sich ihnen nahe zu fühlen.

          Eigentlich sind Tätowierungen im Judentum verboten, und es dauerte auch nicht lange, bis diese Beispiele aus dem Film und die neue Initiative für den Gedenktag in Israel zum Teil empörte Reaktionen hervorriefen. Mit den Tätowierungen habe man Menschen wie Tiere behandelt, sagte Jizhak Kashti im israelischen Rundfunk. Das sei erniedrigend und sollte nicht noch einmal wiederholt werden, verlangt Kashti, der selbst ein Überlebender ist und zudem stellvertretender Leiter des Massuah-Instituts für Holocaust-Studien: „Es ist die Mühe wert, die Verbindung zwischen der heutigen Jugend und den Überlebenden zu verstärken, aber nicht so“.

          Der frühere Parlamentsabgeordnete der Arbeiterpartei Colette Avital hält selbst die abwaschbaren Nummern für geschmacklos. „Sie nutzen den Holocaust zynisch aus, setzen ihn herab“, sagte Colette Avital in der Internet-Zeitung „Times of Israel“. Eine Gruppe jüngerer Israelis hat sich deshalb schon seit einiger Zeit den Überlebenden ohne große Umwege zugewandt. Am Sonntag eröffneten sie am Vorabend des Gedenktag den Jerusalemer Ableger der Inititative „Adopt a safta“ (Adoptiere eine Großmutter).

          „In Israel leben etwa zweihunderttausend Überlebende, von denen sich ein Viertel sehr einsam fühlt. Wir brauchen kein Geld oder eine Genehmigung, um ihnen zu helfen“, sagt der Initiator Jay Shultz. Er hofft, dass sich jetzt auch in Jerusalem neue Paare aus einsamen Großeltern und jungen Israelis finden, die auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe neben ihrem Beruf sind.

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