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KZ-Fotograf Viertlböck : „Eine andere Form der Erinnerung“

  • -Aktualisiert am

Eine lange Reise zu Orten deutscher Geschichte: Rainer Viertlböck in den Ausstellungsräumen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Bild: Robert Gommlich

Der Münchner Fotograf Rainer Viertlböck hat sich vorgenommen, alle Konzentrationslager der Nazis in Europa zu fotografieren. Gut 350 hat er bereits. Im Gespräch erklärt er, wie er auf die Idee für das Projekt gekommen ist – und welche Tabus bei der Arbeit existieren.

          Herr Viertlböck, wie sind Sie auf die Idee für die Serie „Strukturen der Vernichtung“ gekommen?

          Am Beginn der Überlegungen standen nur die großen Lager. Ich habe im Jahr 2012 Auschwitz als Teil einer anderen Arbeit fotografiert und drei Jahre später ein Buch über München gemacht, in dem auch Dachau berücksichtigt wird. Ein Jahr später hatte ich in Flossenbürg und Theresienstadt fotografiert. Und als ich die Bilder, die aus einer erhöhten Perspektive entstanden sind, nebeneinander sah, erkannte ich, dass man so erst die Dimension der Lager erkennt. Überdies war der Holocaust schon immer ein großes Thema für mich.

          Wie kommt das? Aus der Geschichte Ihrer Familie?

          Als ich ungefähr acht, neun Jahre alt war, lag bei uns zu Hause Gerhard Schoenberners Buch „Der gelbe Stern“. Darin finden sich die uns allen bekannten und wahnsinnig erschreckenden Fotos aus Dachau und Auschwitz. Dieses Buch hat mich nicht losgelassen. So zog sich ein großes Interesse für das „Dritte Reich“ und dessen Vernichtungsapparat durch mein ganzes Leben.

          Welche Lager haben Sie bereits fotografiert?

          Ich habe alles fotografiert, was man landläufig kennt, also die etwa 30 großen Lager, wobei sich darunter auch Komplexe befinden, etwa die Emslandlager, die für sich schon aus 15 Einheiten bestehen. An einem bestimmten Punkt der Arbeit, als ich die ersten Reisen hinter mir hatte, trat das Netz der Außenlager für mich überhaupt erst sichtbar in Erscheinung. Von da an entwickelte sich das Vorhaben tatsächlich zu einem Mammutprojekt.

          Was genau ist ein Außenlager?

          Jedes Stammlager hatte zwischen 40 und 160 Außenlager. Die Häftlinge wurden von 1943 an immer häufiger in der Rüstungsproduktion eingespannt und von den Stammlagern gleichsam administrativ verschoben. Die kamen zur Firma XY, arbeiteten dort bis zur völligen Entkräftung, gingen zurück ins Stammlager und wurden durch neue Häftlinge ersetzt. Die Firmen zahlten dafür Geld an die SS, die wiederum die Bewachung übernahm.

          Wie viele Außenlager befanden sich in Europa?

          Etwa 1600, von denen man zwischen 1000 und 1200 noch verorten kann. Bei einigen lässt sich heute nicht mehr bestimmen, wo sie waren. Der zentrale Punkt meiner Arbeit ist es, die großen Lager als Spinnen im Netz zu verstehen und dieses Netz, welches geographisch, aber auch soziologisch in den letzten Winkel der Gesellschaft hineinreichte, zu zeigen. So wird auch der ganze Vernichtungsapparat der Nazis erst sichtbar. Von all diesen Lagern habe ich, Stand heute, gut 350 fotografiert.

          Seit wann?

          Ich habe als Pilotprojekt schon 2016 eine Reihe von Außenlagern abgelichtet, ohne dass mir die Bedeutung damals klar war. In einer ersten Serie habe ich die Orte fotografiert, an denen sich damals die Kauferinger Lager befanden, weil ich sehen wollte, wie diese Bilder wirken. Denn dort ist heute fast nichts mehr vom Lager, aber dafür Brachland zu sehen. Das war eine Art Testballon: Kann man Strukturen zeigen, die gar nicht mehr da sind?

          Zu welchem Ergebnis sind Sie gelangt?

          Ich war fasziniert von den entstandenen Bildern. Dass in einer harmlosen bayerischen Landschaft damals Tausende Häftlinge gearbeitet und gelitten haben, ändert den Blick darauf vollkommen.

          Gibt es Strukturen oder wiederkehrende Muster, die Sie immer wieder in den Außenlagern gefunden haben?

          Nein, die gibt es nicht, da die Nachnutzung ganz unterschiedlich ist: Brachland, Ruinen, Siedlungen, Neubauten, Industriebetriebe. Heute existiert dort, wo einst die Lager standen, ein Panoptikum zeitgemäßer Architektur. Es gibt auch noch sehr gruselige topographische Spuren der Nutzung, etwa alte KZ-Zäune, die inzwischen zu einem Bauernhof gehören, oder ein Schrebergartenareal, dessen Begrenzungen die Fundamente ehemaliger Häftlingsbarracken sind. Diese noch vorhandenen und dennoch nicht wirklich wahrnehmbaren Spuren faszinieren mich enorm.

          Was war der ergreifendste Eindruck?

          Ganz maßgeblich berührt haben mich die Gedenkstätten der Vernichtungslager in Polen. In Auschwitz war ich versucht, die Reaktionen der Besucher auf Fotos festzuhalten. Da wird viel gepost, da werden Selfies gemacht und so weiter. Dann habe ich in der ehemaligen Gaskammer des Stammlagers meine Kamera aufgebaut. Anschließend kam eine chinesische Besuchergruppe hinein, die alle eifrig mit den Handys fotografierten – wie geschaffen für einen zynischen Blick auf KZ-Touristen. Und dann fiel eine der Besucherinnen auf die Knie und hat gebetet. Alle anderen erstarrten in einer tiefen Andacht und schwiegen. Das war für mich der Punkt, an dem es zum Tabu wurde, Menschen dort zu fotografieren, weil ich erkannte, dass man tatsächlich nicht ermessen kann, was diese Stätten mit den Besuchern machen.

          Gab es weitere Tabus bei ihrer Arbeit, etwa Romantisierungen?

          Der Gefahr der Romantisierung unterliegt man zwangsläufig bei einem solchen Sujet. Eine Vermeidungsstrategie: nicht auf das richtige Wetter warten. Ich habe also weder Wolken noch Nebel oder bestimmte Abendstimmungen gesucht. Ich habe das Wetter für sich sprechen lassen.

          Welche Position soll das Projekt im Erinnerungsdiskurs einnehmen?

          Im Moment findet eine Zeitenwende statt, weil die letzten Zeitzeugen altersbedingt versterben. Ich könnte mir vorstellen, dass eine andere Form der Erinnerung an die Stelle der Erzählungen aus erster Hand tritt. Dazu könnten diese Bilder einen Beitrag liefern. Außerdem könnten sie eine Art Markierung darstellen, die verdeutlicht, dass das Vergessen durchbrochen ist. Mir persönlich ist die gesellschaftliche Verwobenheit erst durch die Arbeit mit den Außenlagern deutlich geworden. Mein Blick auf den Nationalsozialismus und auf die Struktur seines Vernichtungs- und Verwertungssystems ist nun differenzierter.

          Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg präsentiert Viertlböcks Fotos der Außenlager des ehemaligen KZs Flossenbürg sowie ausgewählte weitere Motive der Serie vom 23. Juli bis 6. Oktober im Rahmen der Ausstellung „Strukturen der Vernichtung“. Weitere Stationen sind angedacht.

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