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Kunstobjekt von Beuys geklaut : Eine Capri-Batterie für Afrika

Inszenierung: Mitglieder des Künstlerkollektivs Frankfurter Hauptschule haben in Tansania die Beuys-Skulptur aus Zitrone und Glühbirne übergeben. Bild: Frankfurter Hauptschule

Ein Künstlerkollektiv hat in Oberhausen ein Beuys-Werk gestohlen, um es einem Museum in Tansania zu übergeben – als „symbolischen Akt der Restitution“. Damit trifft es einen Nerv.

          3 Min.

          Die Capri-Batterie ist weg. Sie war Teil einer Ausstellung im Theater Oberhausen. „Verschmutzung. Körperzustände. Faschismus. Christoph Schlingensief und die Kunst“ ist ihr Titel, eine Hommage an den in der Ruhrgebietsstadt geborenen Performer, der in ein paar Tagen seinen 60. Geburtstag begangen hätte. Etliche andere Objekte von Performance-, Happening-, Aktionskünstlern waren dort zu sehen. Am Donnerstag wurde die Schau vorläufig geschlossen. Die Polizei sicherte Spuren.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Münsteraner Museum für Kunst und Kultur, das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe getragen wird, zeigten sich die Verantwortlichen besorgt. Sie hatten dem Theater in Oberhausen die Capri-Batterie als Leihgabe überlassen. Es handelt sich dabei um ein Multiple, ein minimalistisches Kunstobjekt, das in einer Auflage von 200 Stück 1985 auf den Markt gebracht wurde. Im Wesentlichen besteht es aus einer gelben Glühbirne und einer Zitrone. „Nach 1000 Stunden Batterie auswechseln“, lautet Beuys’ Gebrauchsanweisung. Einzelne Exemplare erzielten in den vergangenen Jahren bei Auktionen Preise zwischen 20.000 und 24.000 Euro.

          Nach den Dieben zu suchen ist nicht nötig. Sie haben per E-Mail eine Art Bekennerschreiben verfasst und es mit einem durchaus lustigen Video und ebensolchen Fotos garniert. Noch kurz vor zwölf Uhr Mittag war am Donnerstag nicht klar, ob es stimmte, was die Absender behaupteten. Schließlich sind sie in der jüngeren Vergangenheit auch schon mit perfekt gefälschten Websites aufgefallen. Sicherheitsleute und Kuratorin suchten nach der Capri-Batterie. In Ecken, Nischen, möglichen Verstecken. Aber sie fanden sie nicht. Offensichtlich war der Coup gelungen. Beuys hätte er womöglich gefallen.

          Gefordert wird die rückhaltlose Rückgabe von Kulturschätzen

          Der Mann, der einem toten Hasen die Bilder erklärte, eine goldene Zarenkrone einschmolz, tagelang mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie spielte und mit seinen Schülern den Wald ausfegte, hatte in den Jahren vor seinem Tod 1986 andere Sorgen mit dem künstlerischen Nachwuchs: Er musste mitansehen, wie die Jungen wieder zu malen begannen. Das war gar nicht in seinem Sinn.

          Dass eine Künstlergruppe ein Werk von ihm aus einer Ausstellung klaut, es nach Afrika bringt, einem Museum dort schenkt und das Ganze als Kunst deklariert und damit zudem ein gesellschaftspolitisches Ziel verfolgt, wäre schon eher nach seinem Geschmack gewesen. Vielleicht hätte ihn nicht einmal gestört, wie nah das dafür verantwortliche Künstlerkollektiv bei all seinen Aktionen am Schülerstreich entlang schrappt. Einem ziemlich aufwendigen. Aber der Fett-und-Filz-Künstler hatte selbst einst mit seinem Song „Sonne statt Reagan“ bewiesen, dass er unter allem Niveau agieren konnte. Um der guten Sache willen. Damals ging es gegen den Beschluss, in der Bundesrepublik noch mehr Atomsprengköpfe zu lagern. Heute ist das koloniale Erbe Deutschlands das Thema. Gefordert wird die rückhaltlose Rückgabe von Kulturschätzen.

          Die Frankfurter Schule scharte sich um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die Neue Frankfurter Schule übte sich zeichnend und dichtend in Scherz, Satire und Ironie, die Frankfurter Hauptschule ist so etwas wie die Synthese von beiden. Oder vielmehr: ihr allerkleinster gemeinsamer Nenner. Kritik und Spaß. Mit einer Botschaft, die aber nun auch wirklich jeder versteht. Mit der Aktion „Bad Beuys in Africa“ möchte die Gruppe, deren Basis Studenten und Ehemalige der Städelschule, Frankfurts kleiner, aber renommierter Kunsthochschule, sind, passend zur aktuellen Diskussion auf die zahllosen Artefakte aufmerksam machen, die in hiesigen Museen aufbewahrt werden. Nicht nur nach Meinung der jungen Kunstbande müssen sie an ihre Ursprungsorte zurückgeführt werden. Zum Beispiel nach Tansania, ins Museum Iringa Boma, beherbergt in einem ehemaligen Militärkrankenhaus der deutschen Kolonialherren – die damals Kulturgüter und sogar Schädel von Anführern des Hehe-Stamms raubten und ins Kaiserreich verschifften.

          Die Frankfurter Hauptschule hat einen Nerv getroffen

          Vertretern dieser Bevölkerungsgruppe haben Hauptschul-Abgesandte nun die Capri-Batterie übergeben, in einem „symbolischen Akt der Restitution“. Vom Kunstklau über die Flugreise bis zur Integration der Capri-Batterie in die Dauerausstellung des afrikanischen Museums haben sie alles mittels Video dokumentiert. Fragen nach Corona-Reisebeschränkungen und Klimaverträglichkeit drängen sich dem Betrachter auf. Als Nebenprogramm inszenierten eine Künstlerin und zwei Künstler der Frankfurter Gruppe ihr Wohlleben an Schwimmbad, Strand, in der Savanne. Mit Cocktails, Sonnenbrille und offensichtlich bester Laune. Durchaus in der Tradition einer hedonistischen Linken, die einst Luxus für alle forderte.

          Nur dass die Frankfurter Hauptschule intellektuell nicht mithalten kann. Beuys, den seinerzeit viele Kleinbürger am liebsten gelyncht hätten, einen „Nazi-Schamanen“ zu nennen ist ebenso kreuzdumm wie Goethe als Sexisten zu brandmarken und Klopapier auf sein Gartenhaus zu werfen. Ein ausrangiertes Polizeiauto abzufackeln und das Wrack ins Frankfurter Bahnhofsviertel zu stellen: Kann man als Jungkünstler machen, muss man als Beobachter aber nicht unbedingt witzig finden.

          Jetzt haben die Hauptschüler immerhin einen Nerv getroffen: Der Umgang mit vorwiegend in ethnologischen Museen lagernden Dingen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika wird uns noch länger beschäftigen. Aber die Lage ist komplexer, als es sich die Kunstdiebe vorstellen. Auch sie waren an der Ausstellung in Oberhausen beteiligt. Und kannten sich mit den Örtlichkeiten aus. Das hat den Diebstahl wohl erleichtert. Ob das Museum in Münster Schadenersatz verlangt oder es ihm genügt, als ungewollter Mitakteur eine marginale Rolle in einer minder bedeutenden Kunstaktion zu spielen, ist gegenwärtig noch nicht abzusehen.

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