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Kulturmesse in der Provinz : Jahrmarkt der Heiterkeiten

„Wer einmal vor leeren Rängen gespielt hat oder ausgebuht wurde, muss nicht mehr viel fürchten“, sagt ein Veranstalter: Ex-Kellnerin und Kabarettistin Sonja Pikart Ende Januar während eines Auftritts bei der 32. „Freiburger Kulturbörse“. Bild: von Ditfurth, Philipp

In Freiburg präsentieren sich Künstler vor Programmmachern aus der deutschsprachigen Provinz. Fünf Minuten können darüber entscheiden, welche Karrieren starten und welche sterben.

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          Eine Minute noch. Sonja Pikart dreht ihre Arme, presst Luft durch die Lippen. Locker machen. Die Pausenmusik, Kuschelrock, verstummt. Der Moderator vorne auf der Bühne kündigt Pikart an: Sie sei eigentlich Schauspielerin, zur Kleinkunst habe sie sich nur verirrt. „Musste dann aber feststellen, dass es weniger arbeitslose Kabarettisten als arbeitslose Schauspieler gibt, und hat weitergemacht.“ Pikart schaut auf die Rückseite des Bühnenvorhangs, als frage sie sich: Genau, was hat mich hierher gebracht? „Der Nervenkitzel ist es ja gerade, was den Beruf so erstrebenswert macht“, hat sie noch vor ein paar Minuten gesagt. Und: Man müsse sich nur von dem Gedanken befreien, dass bei einem schlechten Auftritt die Welt untergeht.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          In diesem Fall hängt jedoch tatsächlich vieles von dem Gig ab. Pikart hat vor wenigen Wochen ihren Job in der Gastronomie gekündigt, um Kabarettistin zu sein. Im Hauptberuf. Heute entscheidet sich mit, ob sie davon leben kann.

          Pikart nimmt die Stufen zur Bühne, sie lächelt. Drei Scheinwerfer sind auf sie gerichtet. Vor ihr sitzt das vielleicht schwierigste Publikum im deutschsprachigen Raum. Es sind Kulturdezernenten, Ehrenamtliche von Kunst- und Kulturvereinen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, Programmmacher von Kleinkunstfestivals, die jedes Jahr zur „Kulturbörse“ in Freiburg kommen – Diplomskeptiker, die sich rühmen, viel gesehen und zu fast allem eine Meinung zu haben. Für sich genommen, verwalten sie kleine bis mittlere Etats aus den Tiefen der Provinz, zusammen bestimmen sie die Kultur abseits der Metropolen. Also eine perfekte Gelegenheit für Pikart.

          Gute Ansätze, aber ist sie politisch genug?

          „Ich bin Kabarettistin und Schauspielerin, das bedeutet, ich bin auch Kellnerin“, sagt sie jetzt. Ein kleiner Lacher. Sie erzählt von Frauen in dem Café, in dem sie gearbeitet hat, die total öko und aufgeklärt tun und wegen der geknechteten Bauern in Lateinamerika keine Avocados mehr essen. Pikart echauffiert sich über deren Bigotterie, gesteht dann aber, sie sei ja selbst so. Keine Avocados essen, aber koksen, was in Lateinamerika auch Leben kostet. Pikart spielt und spielt.

          An den richtigen Stellen lacht das Publikum, zumindest ein wenig, analysiert sie später. Fünf Minuten dauert die letzte Nummer, in der sie sich mit einem „Saturn“-Verkäufer über die Siedepunkt-Verlängerung von Wasserkochern unterhält. Danach Applaus, zumindest der Form halber, und Abgang.

          Zeit fürs Zeugnis. „Diese Nummer mit dem Wasserkocher“, sagt eine Veranstalterin, „das war zu viel Schauspiel.“ Die Künstlerin habe gute Ansätze, aber sie sei einfach „zu wenig politisch für echtes Kabarett“. Sie spricht den Namen der Kunstform, wie die meisten Profis auf der Messe in Freiburg, mit Betonung auf dem Ende – wie „Brett“ oder „Barett“, irgendwie brutal.

          Bühnendeals am Messestand

          Die kritische Veranstalterin verantwortet mit ihrer Begleiterin das Programm einer kleinen Bühne im Südwesten. Ob Pikarts 90 Minuten langes Programm, aus dem sie einen Ausschnitt gespielt hat, einen Abend trägt? „Nein“, sagt die Begleiterin. Beide nicken, Erfahrung fehle der 35 Jahre alten Pikart, finden sie. Ein anderer Booker aus Norddeutschland fand den Auftritt ganz gut, kann sich auch vorstellen, sie „einzukaufen“. „Aber bei solchen Newcomern ist der Preis entscheidend.“ Man wisse nie, wie viele Besucher am Ende bei so jemandem kommen. Am nächsten Tag will er zu Pikarts Messestand gehen, um zu verhandeln.

          Comedy und Kabarett können, wenn der Künstler einmal bekannt ist und einen Saal vollmacht, wie Geldmaschinen funktionieren. Denn außer einem, der da vorne steht und redet, vielleicht noch einem Techniker, der mitreist, braucht es nichts. Die Kosten sind also gering. Bei 400 Gästen, die zwischen 20 und 30 Euro Eintritt zahlen, kommen leicht mehr als 10.000 Euro Eintrittsgeld zusammen, von denen freilich meist nicht mal die Hälfte an den Künstler geht.

          Zwei Künstler sitzen während der 32. Freiburger Kulturbörse in der Messehalle. Viele von ihnen haben nicht nur Auftritte auf der Bühne gebucht, sondern versuchen auch am eigenen Stand zu netzwerken.

          Wie viel genau, das ist Verhandlungssache. 15 bis 20 Prozent dessen, was der Künstler bekommt, geht an seine Agentur, die Termine macht und Tourneen organisiert. Sind die Künstler einmal fernsehbekannt, spielen sie vor größeren Sälen, bekommen sie auch anteilig mehr Geld. Wer wie viel kostet, das sind gut gehütete Geheimnisse, sagt ein langjähriger Kenner der Szene. Aber von den „richtig erfolgreichen“ Künstlern gibt es auch in der Kabarett- und Comedyszene nicht viele, zwanzig vielleicht. Etwas mehr könnten von ihrer Bühnenarbeit aber zumindest „ganz gut leben“, heißt es.

          Wie bei einer Messe für Haushaltsware

          In der Kleinkunst muss man sich erst einen Namen als zuverlässiger Humorarbeiter machen. Wenn man ihn einmal hat, muss man nicht mehr selbst in Freiburg vorspielen. In Halle 2 und 3 sind vornehmlich die Stände der Agenturen aufgebaut. Hier werden Auftrittstermine hin und her geschoben, hier wird verhandelt, gefeilscht und „das Netzwerk gepflegt“.

          Klar, das könne man auch telefonisch machen, sagt Dirk Volke von der Agentur „Urs Art“. Aber ob nun mit Haushaltsware, Berufskleidung oder Unterhaltung gehandelt wird: Wie bei jeder Messe loben Veranstalter und Teilnehmer den persönlichen Kontakt. Volke sagt, nach dem direkten Austausch falle die Zusammenarbeit leichter. Wenn er für einen Künstler eine Tour durch Norddeutschland plane und es gebe noch einen freien Tag zu viel, ein Loch in der Planung, schaue er sich in der jeweiligen Region nach ihm bekannten Veranstaltern um und biete ihnen den Termin an.

          Volke vertritt zum Beispiel Alfons, einen Comedian, der mit französischem Akzent und in Trainingsjacke gekleidet auch im Fernsehen Witze erzählt. 80 Live-Auftritte macht Alfons außerdem pro Jahr, sagt Volke. Ein anderer Künstler der Agentur heißt Jess Jochimsen, klassisches Kabarett, 180 Auftritte im Jahr. Neben dem Logo von „Urs Art“ sind die Fotos der beiden zu sehen. Immer wieder bleiben Interessierte stehen, fragen Volke nach konkreten Terminen oder dem neuen Programm der Künstler. Es laufe ganz gut, sagt Volke und lacht. „Fast wie von selbst.“

          „Niederlagen nehmen die Angst“

          Doch bis die Interessenten von selbst kommen, ist es ein weiter Weg. 60 bis 80 Auftritte im Jahr, schätzt Wolfgang Pfeiffer, so viele müsste Elli Bauer bekommen, damit sie vom Kabarett leben kann. Pfeiffer, der bislang das Programm einer Kleinkunstbühne im österreichischen Linz gestaltete, vertritt die 32 Jahre alte Bauer aus Graz als Agent. Beide sind ein Stück weit neu im Geschäft. Bauer war vorher Lehrerin und Sozialarbeiterin, seit einem Jahr tourt sie im Nebenberuf durch Österreich. Deutschland ist nun die größere Bühne.

          Bauer könnte auch warten, bis sie auf Youtube oder im Fernsehen womöglich etwas mehr Bekanntheit erwirbt, bis sich Auftritte von selbst ergeben. Aber sie will es über die Bühnen schaffen. Sich einen Namen erspielen. Es mache Künstler besser, sagt ein langjähriger Veranstalter: „Wer einmal in Recklinghausen oder Ochsenfurt vor leeren Rängen gespielt hat oder ausgebuht wurde, muss nicht mehr viel fürchten“, sagt er. „Niederlagen nehmen Künstlern die Angst.“

          Auch in der Comedy wechseln die Moden: Auftritte wie der österreichischen Kabarettistin Elli Bauer sind nicht für jedes Publikum gemacht.

          Bauer hat für die Messe eine gute Ausgangslage. Sie ist für die „Freiburger Leiter“ nominiert, einen Nachwuchspreis, der vielen Besuchern als Indikator für vielversprechende Künstler gilt. Sie darf also vor dem größten Veranstaltungssaal auftreten. Es ist kurz vor 18 Uhr, der offizielle Teil eines langen Messetages neigt sich dem Ende zu. Die Ränge sind voll. Als sie allein auf die große Bühne kommt, nur eine Gitarre bei sich, wird verhalten geklatscht.

          Nicht für jedes Publikum gemacht

          Das Musikkabarett, das Bauer macht, kommt ursprünglich eher aus kleinen Sälen und Kneipen. Sie lässt sich nicht beirren, singt in sanftem Österreichisch darüber, dass ihre Freunde gerne zelten gehen wollen, sie in der Natur aber nicht aufs Klo gehen kann („I kon im Wald ned scheißn“). Der angebliche Widerspruch aus junger, harmlos wirkender Frau und Fäkalhumor/direkter Art scheint zu funktionieren. In einer anderen Nummer singt sie darüber, wie ihre Gynäkologin sie während einer vaginalen Untersuchung fragt, wie es denn mit dem Studium laufe.

          Alexander Frey lacht immer wieder während Bauers Auftritt. Er gluckst manchmal regelrecht. Ob es ihm gefällt? „Ja“, sagt der freundliche Mittvierziger entschieden. Ob er sie für sein Programm buchen würde? „Nein“, sagt Frey. „Das passt nicht.“ Frey betreut das Kulturprogramm der FILHarmonie, eines kommunalen Kultur- und Kongresszentrums in Filderstadt bei Stuttgart. „Mein Publikum ist im Alter so weit fortgeschritten, dass es über diese Art von Witzen nicht selbstbewusst lacht“, sagt er. Vielleicht werde gekichert, dann aber auch eher verschämt. Hinzu kommt, dass an so einem Abend, an dem Bauer allein spielt, schon 150 bis 200 Gäste kommen müssten. Auch daran glaubt Frey nicht. „Aber sie macht ihre Sache gut“, versichert er.

          Humor verändert sich. Was etwa die Komikerin Carolin Kebekus tut – die selbstbewusst über Sex, Kirche und ihren Körper Witze macht –, war vor 15 Jahren noch nicht alltäglich; durch zahlreiche Auftritte im Fernsehen wurde sie bekannt. Dadurch hat sich aber auch die Rolle von weiblichen Comedians generell verändert. Die Konsequenz für Bauer, so Kulturbetreuer Frey: Sie könnte womöglich von anderen Kabarettbühnen und im Fernsehen hochgespült werden. „Dann hätte sie über eine gewisse Bekanntheit auch bei uns eine Chance“, sagt er.

          Humor ist eine schwierige Währung

          Es ist ein Spagat, den Leute wie Frey hinkriegen müssen: nicht allein auf den Zuspruch der Zuschauer zielen, „dafür gibt es kommerzielle Anbieter“, sagt er. Er muss aber auch schauen, dass sein Kulturzentrum die Abonnenten bei der Stange hält und dass die Besucherzahlen nicht deutlich zurückgehen. So ist das Programm der FILHarmonie eine Mischung: Kindertheater mit Räuber Hotzenplotz, eine „Faust“-Inszenierung des Landestheaters Tübingen, ein Liederabend der Kabarettistin Maren Kroymann oder ein Auftritt der Musikkabarettistin Martina Schwarzmann. Überhaupt geht Comedy mit Musik sehr gut, ist Freys Eindruck: „Selbst wenn das Humoristische nicht zündet, gibt es immer noch eine musikalische Ebene, die das Publikum anspricht.“

          Bei Bauer geht das Prinzip Musikkabarett nur zum Teil auf. Am nächsten Tag kommen manche, denen es gefallen hat, zu ihrem Messestand. Sie bekommt sichere Engagements in Köln und Stuttgart. Wie viele genau, das könne man erst nach ein paar Wochen sagen, meint Manager Pfeiffer. Ob es für eine Tour reicht, ist schwer zu sagen. Jedes Mal von Graz nach Deutschland zu reisen, dafür sind die Gagen zu knapp. Ein Durchbruch ist das noch nicht.

          Humor ist eine schwierige Ware. Sie unterliegt Schwankungen. Eine Zeitlang wollten Veranstalter Kleinkünstler aus der Poetry-Slam-Szene, jetzt gehen eben Musik und Humor gut zusammen. In manchen Jahren haben Künstler schon bis zu 150 Engagements durch den Auftritt in Freiburg vereinbaren können. Neben den Kabarettisten und Comedians sind es auch Artisten, Sänger, Musiker und Alleinunterhalter, die ihre Fähigkeiten zeigen. Viele Veranstalter, die hier auf der Suche nach Programm sind, bedienen alle Sparten in ihren Häusern.

          Noch ist sie zuversichtlich

          Im Bereich Straßentheater tritt eine Frau auf, die kunstvolle Handstände mit Comedy verbindet. Dabei spricht sie mit Hühnereiern, die allerdings alle kurz darauf zu Bruch gehen. So richtig scheint das auch das Publikum nicht zu überzeugen. Bei einer anderen Nummer in derselben Sektion drehen sich zwei Männer in Metallrädern um sich selbst. Es gibt A-capella-Gesangsgruppen, zwei Dick-und-Doof-Imitatoren oder einen Mann, der in einem echten Kühlschrank als Miniaturbarmann sitzt und Drinks mischt; seine Dienste bietet er für Firmenveranstaltungen an.

          Sonja Pikart ist gleich nach ihrem Auftritt wieder zu ihrem Stand in Halle 2 geeilt. In der etwa zwei Quadratmeter großen Box hängen viele Plakate mit ihrem Gesicht. Etwa 500 Euro kostet ein solcher Stand; weitere 420 Euro zahlen Künstler wie Pikart dafür, dass sie vor dem Freiburger Fachpublikum auftreten dürfen. Es sind auch gleich Kunden gekommen, die Pikart buchen wollten. Normalerweise würde ihre Agentin die Verhandlungen übernehmen, aber die hat für die Zeit der Messe keine Babysitterin gefunden. So ist Pikart also Selbstverkäuferin.

          Alles ist ihr willkommen – der Auftritt in einer sogenannten „Mixed Show“, wo sie mit anderen Künstlern einen Abend bestreitet, ein Solo-Auftritt oder einer bei einem Festival. Im vergangenen Jahr ist sie in Österreich schon jedem Angebot gefolgt, 184 Auftritte insgesamt. Oft bei unbezahlten Talentwettbewerben wie Open Mics. 16 Buchungen hat sie durch Freiburg bekommen und glaubt, dass sich in den kommenden Wochen noch weitere Veranstalter melden werden. Noch ist sie zuversichtlich, es ist ja erst einen Monat her, dass sie Kellnerin war. Ein Triumph war es für sie also nicht. Aber ein Anfang.

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