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Künstliche Kinder : Die ewigen Babys

Süß, aber unecht Bild: Florentine Fritzen

Sie stillen die Sehnsucht und schreien nicht. Es gibt viele Frauen, die für ein künstliches Kind einige hundert Euro ausgeben. Sie gehen mit den Puppen spazieren und kümmern sich so liebevoll um sie, als wären es ihre eigenen Kinder.

          Hätte Roland nie gelebt, gäbe es Rosa, Ricarda, Rebecca und all die anderen nicht. Roland war ein Baby. Die anderen sind auch Babys, aber sie sind anders als Roland. Roland wurde sechs Monate alt, dann ist er gestorben, und dann war er weg. Die anderen gehen nicht weg. Die bleiben.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie sind viele. Zehn Mädchen liegen in einem Gitterbettchen, jedes in eine Fleecedecke gewickelt, mollig warm, direkt neben Hildas Bett. Auf Hildas Bett stehen noch vier Tragetaschen, da sind Jungen drin, auf dem Boden des Schlafzimmers gibt es eine Wippe, in der auch ein Baby liegt, und noch eine Tragetasche und einen kleinen Doppelwagen, da liegen auch welche drin. Jede Nacht darf eines bei Hilda* im Bett schlafen, und damit es gerecht zugeht, gibt es eine Strichliste.

          So sehen sie aus: Wie Babys eben aussehen, wenn sie wenige Tage alt sind. Knopfaugen, Stupsnase, Haarflaum. Äderchen, Fäuste, Sabber am Mund. So lieb. Sie riechen auch so gut. Pudrig, süß, weich. Dieses unverwechselbare Babyparfum.

          Sie können nicht krabbeln, nicht brabbeln und werden niemals älter

          Nach dem Tod von Hildas Sohn Roland* warfen ihre Mutter und ihr damaliger Mann alles weg, was an Roland erinnert hätte. Wenn Hilda über Roland sprach, schauten die sie an, als wäre sie nicht ganz klar im Kopf. So als würden sie sagen: Roland, von wem sprichst du? Den gibt es nicht. Hilda hörte auf, an Roland zu denken. Das war 1975, sie war damals Anfang 20.

          Heute darf Michelle mit auf den Spaziergang, Hilda macht fast jeden Tag einen, immer mit einem anderen Kind. Sie nimmt Michelle sachte aus dem Bettchen und sagt: „Komm her da, Mausi, du bist heute die Prinzessin.“ Hilda lebt in einer großen Stadt, sie ist sogar hier geboren, vor fast 58 Jahren. Ihre Haare sind lockig, sie ist weder groß noch klein, weder dick noch dünn. Michelle bekommt einen Schnuller in den Mund und einen Kuss auf den Kopf. Zum Ankleiden wird sie in einen Hochstuhl gesetzt; Mützchen auf den braunen Schopf, Jäckchen über den Ringelstrampler, Handschuhe an, dieser Maitag ist grauslig kalt. Hilda sagt: „So, die Mausi ist fertig, und ich bin auch gleich in der Montur.“

          Die Erlösung kam per Post

          Roland hatte Durchfall, schon kurz nach der Geburt, der ging nicht mehr weg. Die Ärzte sagten nicht, woran genau er gestorben war, und Hilda hatte nicht die Kraft zu fragen. Nach Rolands Tod irrte sie mit einem leeren Kinderwagen durch die Stadt, wochenlang, sie konnte nicht zur Arbeit gehen, das ging nicht. Also ging sie in den Park mit dem Kinderwagen.

          Sie hat einen neuen, schicken Kinderwagen. Der steht auf der anderen Seite vom Hof in einem Abstellraum. Hilda steckt Michelle in eine Plastiktüte, es muss ja nicht jeder mitbekommen im Haus, dass sie ein Baby hat. Die Tüte ist schon ganz zerknittert. Hilda geht die Treppe nach unten, über den Hof, sperrt den Abstellraum auf, holt Michelle aus der Tüte und legt sie in den Wagen. Der hat bei einer Rabattaktion nur 109 Euro gekostet. Hilda deckt Michelle zu und stellt das Verdeck senkrecht. Neben Michelles Köpfchen steckt ein Stoff-Nilpferd.

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