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Unser Volk wurde mit Gewalt kolonialisiert

Von LUTZ MÜKKE und MARIA WIESNER

22.01.2018 · Der nigerianische Künstler Victor Ehikhamenor sorgte auf der Biennale in Venedig für Wirbel, weil er Damien Hirst kritisierte. Auch zu den gestohlenen Kunstschätzen seiner Heimatstadt Benin City hat er eine klare Meinung.

Sie haben im vergangenen Herbst zur Biennale in Venedig für viel Wirbel gesorgt. Was ist da passiert?

Es war das erste Mal, dass Nigeria zur Biennale in Venedig eingeladen wurde und ich war einer der Künstler, die im Pavillon ausstellen durften. Nachdem ich meine Installationen fertig vorbereitet hatte, war noch etwas Zeit bis zur Eröffnung des Pavillons, also beschloss ich, die Stadt etwas zu erkunden. Damien Hirsts Ausstellung war zuvor groß beworben worden und man konnte sie zu dem Zeitpunkt bereits besuchen, also ging ich hin. Wie Sie hier in meinem Studio sehen können, kaufe ich gern Bücher in Museumsshops. Für gewöhnlich gehe ich da zuerst rein, noch bevor ich die Ausstellung besuche. Und dort stolperte ich über eine Postkarte, die ein sehr berühmtes Kunstwerk meines Landes zeigte und ich dachte: Dieses Museum stellt also Ife-Kunst aus! Doch als ich die Karte näher betrachtete, musste ich feststellen, dass es ein Werk von Damien Hirst war. Und da klingelten bei mir die Alarmglocken. Aber ich dachte mir, vielleicht gibt es in der Ausstellung ja noch mehr Informationen zu dem Kunstwerk. Also ging ich hinein und sah eine Replik des Ife-Kopfes, einer für ihren Stil wohlbekannten Skulptur. Nun war da natürlich ein Begleittext, der sagte, dass Hirsts Referenz hier die Ife-Kultur sei und dass er auf verschiedene Kulturen unterschiedlicher Orte referierte. An dieser Stelle muss man aber beachten, welche Geschichte wir in Nigeria mit Großbritannien haben und dass ich zudem aus Benin City komme, wo 1897 unsere Kunst und unsere Identität als Volk gestohlen wurde. Auf jener Postkarte im Shop stand eben nichts vom Ife-Ursprung, dort war nur Damien Hirst als Künstler angegeben, und so eine Karte reist im Zweifel weiter als ein dickes Buch. Und damit verliert die Skulptur ihre Geschichte und wird nur noch als Damien Hirst-Kunstwerk gesehen. Das war mein Kritikpunkt.

Ihr Post auf Instagram hat dann sehr viel Wellen in der internationalen Presse geschlagen. Haben Sie damit gerechnet?

Überhaupt nicht. Ich wusste nicht, dass Social Media oder meine Position als Künstler so viel Aufmerksamkeit erzielen könnten. Ich war bei meiner eigenen Eröffnung, als mich die New York Times anrief. Wer mich kennt und mir folgt, weiß, dass ich mich nicht um der Kontroverse Willen zu Wort melde. Sicherlich habe ich in der Vergangenheit soziale und ökonomische Probleme in meinem Land kritisiert, aber das tat ich nie, um auf meine Arbeit oder meine Kunst aufmerksam zu machen. Ich sage einfach, wie ich die Dinge sehe.

Aber Sie haben ja einen wunden Punkt getroffen. Was steckt denn Ihrer Meinung nach hinter der Diskussion?

Man kann natürlich sagen: Es gibt nichts neues unter der Sonne, alles bedingt und inspiriert sich. Aber man muss bei solchen Dingen auf den politischen und kulturellen Ursprung schauen. Wir stammen von einem Volk ab, dass mit Gewalt kolonialisiert wurde. Als Afrika aufgeteilt wurde bei der Berliner Konferenz war doch keine afrikanische Person anwesend. Wir können das also nicht voneinander trennen. Natürlich haben sich Künstler auch in der Vergangenheit schon auf unsere Kunstobjekte bezogen. Leute wie Picasso haben afrikanische Kunst gesehen, sich davon inspirieren lassen und in ihrer Kunst darauf verwiesen. Damit habe ich kein Problem. Aber es geht hier um eine feine Linie, die überschritten wurde. Und die sehe ich in dem, was Damien getan hat. Ich erkenne darin etwas, das viele Menschen nicht sehen. Ohne dieses Wissen, schreiben sie dieses Werk nur ihm zu. Er kann auf unsere Kunst Bezug nehmen, damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich habe im Übrigen niemals das Wort „(kulturelle) Aneignung“ verwendet, denn das wäre ein schiefes Bild. Was ich gesagt habe, war: Wenn Du so etwas tust, mache es so transparent wie möglich. Wenn das nicht auf der Postkarte steht, dann wird es eine neue Generation geben, die meint, Damien hätte das erdacht. Dabei waren wir es. Und ich denke, es ist an der Zeit, dass man dieser Mechanismen überdrüssig wird und etwas dagegen sagt.


Diejenigen, die unsere Kunstwerke entwendet haben, hätten das überhaupt nicht tun dürfen.
Victor Ehikhamenor

Sie haben mal gesagt: „Die klassischen afrikanischen Künstler werden leicht vergessen.“

Das war die Grundlage meiner Arbeit. Wenn Sie ansehen, wie die Kunstgeschichte die Welt beschreibt, dann wurden afrikanische Kunstwerke immer als archäologische Gegenstände oder ethnografische Gegenstände oder als heidnisch oder Fetisch bezeichnet. Der Hauptnarrativ ist dabei, dass bestimmte Werke dieser Periode als minderwertig anzusehen sind. Natürlich sind diese Werke heute sehr teuer. Aber sieht man sie mit dem gleichen Blick, mit dem man einen Rodin betrachtet oder Caravaggio? Werden sie mit der gleichen Sprache bedacht wie diese Kunstwerke? Natürlich ist dann immer der Einspruch, dass diese Werke nicht den Namen des Künstlers tragen und anonym sind. Dieses Argument lenkt aber nur vom Wesentlichen ab. Wenn man eine Statue für „Den unbekannten Soldaten“ aufstellt, gedenkt man damit auch all jener, die ihr Leben in dem Krieg gelassen haben. Meiner Meinung nach sollten wir an diese Menschen, die vor uns kamen, erinnern. Wenn Sie sich hier umsehen, finden Sie in diesem Atelier so einige Stücke, die zum Beispiel von den Bronzegießern in Benin-City kommen. Wenn man sich die anschaut, erkennt man den Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und uns heute. Diese Verbindung muss fortgesetzt werden. Diese Dinge zeigen uns, dass wir eine Kultur haben, die lange währt.

Da Sie aus Benin-City kommen, kennen Sie die Geschichte der Benin-Bronzen. Können Sie uns sagen, wie wichtig diese für das Volk in Benin sind?

Seit Neuestem beginnen wir sie als Kunstwerke zu sehen. Vor 1897 waren sie das nicht, sie waren Aufzeichnungen, so wie man ein Archiv hat.

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Sie selbst sind in Benin aufgewachsen. Wie haben Sie die Bronzen wahrgenommen?

Ich bin rund 30 Minuten von Benin-City aufgewachsen. In meinem Dorf gab es viele Holzschnitzer. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Bronzegießer eine Gilde der Königsstadt waren. Eine solche Bronze konnte nicht jeder einfach anfertigen lassen, das war dem König vorbehalten. Die Egun-Straße, wo auch heute noch die Bronzegießer sitzen, liegt sehr nah am Königspalast und war Teil der Palastinfrastruktur. Ich habe die Bronzen aber während meines Heranwachsens nie gesehen.

Es gibt eine anhaltende Diskussion über die Rückführung der Bronzen. Haben Sie davon gehört?

Für meine nächste Ausstellung („In the Kingdom of this World“, die noch bis Ende Januar in der Tyburn Gallery in London zu sehen ist, Anm. der Redaktion) beschäftige ich mich mit der Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Königreich Benin. Ich habe mich dafür sehr mit der Geschichte beschäftigt und festgestellt, dass schon Oba Erediauwa, der letzte Oba, einen Aufruf zur Rückgabe der Bronzen gemacht hatte. Einige sind zurückgegeben worden, aber nur eine oder zwei.

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Was ist denn mit den Gegenargumenten, die man von westlichen Museen gegen eine Rückführung der Bronzen vorbringt. Da nennt man ja gern die Korruption und verweist darauf, dass berühmte nigerianische Kunstwerke an die Museen in Nigeria zurückgegeben wurden und kurz darauf auf dem internationalen Kunstmarkt wieder aufgetaucht sind.

Davon habe ich noch nie zuvor gehört. Und selbst wenn, man kann doch nicht sagen, weil das in der Vergangenheit passiert ist, können wir jetzt nicht über eine Rückgabe reden. Das ist auch überhaupt nicht der Punkt. Wenn jemand mein T-Shirt klaut und man gibt es mir zurück, ist das doch ganz meine eigene Angelegenheit, was ich dann damit mache. Diejenigen, die unsere Kunstwerke entwendet haben, hätten das überhaupt nicht tun dürfen.

Sehen Sie einen Unterschied wie die jüngere Generation in Nigeria mit dem Thema umgeht?

In den Siebzigern gab es diese große Aufregung, als man versuchte die Idia-Maske für das Festac-Festival zurückzubekommen, und das abgelehnt wurde. Das schuf ein großes Bewusstsein für die Problematik. Zu dieser Generation gehöre ich. In meiner Kunst setze ich mich noch immer damit auseinander. Dabei geht es nicht um Anschuldigungen, sondern darum, den Dialog zu öffnen. Wir sind ja nicht im Krieg miteinander. Es muss eine ehrliche Kommunikation über das Thema geführt werden. Dabei sollten auch keine alten Narrative bedient werden. Das British Museum erzählt noch immer etwas anderes, da kommt es auf den Ton an, wie man etwas präsentiert, welche Sprache man benutzt. Man kann etwas sehr Gewalttätiges auch ganz anders darstellen. Nehmen Sie nur das Wort „Punitive Expedition“. Wer hat sich das denn ausgedacht? Wofür wurde das Königreich denn da bestraft? Bei uns wird das als Krieg bezeichnet, der in unser Land gebracht wurde, mit Kanonen und Gewehren.

Interview: Lutz Mükke und Maria Wiesner
Kamera: Maria Wiesner
Schnitt und Videoproduktion: Kathrin Jakob

AUF DER SPUR DER RAUBKUNST

An der Recherchekooperation über den Benin-Kunstschatz arbeitete ein Team von nigerianischen und deutschen Journalisten in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten. In diesen Tagen erscheinen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und auf FAZ.NET weitere Beiträge zum globalen Handel mit afrikanischen Kunstgütern und den Wegen von Benin-Bronzen in westliche Museen. Die Recherchen, die monatelang dauerten, wurden unterstützt vom Journalistenverein „Fleiß und Mut“ und dessen „Kartographen-Mercator-Stipendienprogramm“. Weitere Projektpartner sind die panafrikanische Organisation Code for Africa sowie die Leipziger Volkszeitung.


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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 22.01.2018 13:56 Uhr