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Da soll er hin, da gehört er nach Ansicht seines Besitzers auch hin: Luzius Ziermanns Jaguar vor dem Museum Ludwig in Köln Bild: Johanna Dürrholz

Künstler Luzius Ziermann : Stellt diesen Mann endlich ins Museum – oder zumindest sein Auto

Luzius Ziermann ist Künstler, und doch will kein Museum seine Kunst. Darum fährt er nun mit seinem Jaguar „E.T.“ vor die vierzig größten Museen der Welt – und stellt sich einfach selbst aus. Eine Guerrilla-Aktion in Köln.

          Um 06.00 Uhr am Freitagmorgen ist Treffen am Wallrafplatz, Luzius Ziermann verspätet sich nur um fünf Minuten. Heute geht es um was, da sind auch Künstler pünktlich. Er ist so aufgeregt, dass auch jetzt, auf dem Weg zur „Guerrilla-Aktion”, wie er sie vorher selbst nannte, nur kurz erklären kann, was er eigentlich vorhat: „Ich setz’ mich in den Jaguar jetzt und fahre auf die Domplatte, um den Dom herum, in Richtung des Museum Ludwig. Und werde da vor der Tür parken.” Das macht er, um seine Kunstaktion „Signatur des Lichtes“ zu promoten.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Okay, warum am Ludwig? „Meine Kunst gehört ins Museum.” Ziermann ist furchtbar nervös, dass etwas schiefgeht, etwa die Poller im Weg stehen, oder die Polizei ihn bremst, bevor er den Wagen parken und in Position fotografieren kann.

          Der Jaguar, es ist ein E-Type Serie 3 V12, ist über und über mit bunten, kreisähnlichen Formen bedeckt, Ziermann hat ihn selbst bemalt. Man fällt tief in den alten Ledersitz, anschnallen „brauchen Sie nicht”, die Türen gehen zu, der Motor startet, es riecht nach Benzin und Leder und ist furchtbar laut. Knatternd setzt sich der Wagen in Bewegung und fährt mit vielleicht zehn Stundenkilometern los. Die ersten Poller passiert Ziermann seitlich, und da ist auch schon der Dom: Drohend und schwer hebt er sich vom Himmel ab, der schon hell ist, aber noch eisig. Ziermann fährt elegant und sehr langsam daran vorbei, einmal drumherum, auf der anderen Seite der Hauptbahnhof. Auf der Domplatte fährt es sich gut, am frühen Morgen sind hier nur eine Handvoll Menschen. Unten, am Fuße der Treppe, steht der obligatorische Polizeibus, „Polente”, wie Ziermann sie nennt, und seine Augen leuchten auf. Ein bisschen Aufmerksamkeit will er natürlich doch, ein bisschen Wirbel, sonst wären die ganze Aufregung, der Nervenkitzel ja umsonst gewesen.

          Wer aus Köln kommt, weiß: jetzt kann es heikel werden. Noch weiter um den Dom herum nämlich stehen oft Sicherheitsleute. Man darf nicht einmal mit dem Rad fahren. Unten drunter probt schließlich ein Orchester, die dürfen nicht von Fußgetrappel oder Reifengeräuschen gestört werden. Aber das Gute ist ja: Es ist gerade mal Viertel nach sechs. Niemand probt, niemand passt auf. Nur einen Poller muss Luzius Ziermann beiseite schieben, das geht zum Glück. Er hastet aufgeregt zurück zum Wagen, gleich hat er sein Ziel erreicht: das Museum Ludwig.

          Luzius ist Ziermann ist 59 Jahre alt, er macht seit 28 Jahren Kunst – „wenn Sie das Kunst nennen möchten”, fügt er hinzu und lächelt gewitzt. So bescheiden ist er sonst nicht, wenn er behauptet, sein Werk gehöre in die großen Museen dieser Welt. Er ist ausgebildeter Schauspieler, der nun aber doch lieber Künstler sein will, Künstler sein muss, „das habe ich mir nicht ausgesucht”, das ist eine Dringlichkeit, die ihn bewegt, weiterzumachen, immer weiter. „Freiwillig würde ich das nie tun.” Ihn regen besonders die Leute auf, die behaupten, er hätte sein Hobby zum Beruf gemacht, er habe doch Glück, er sei doch kreativ. Nein, nein, das will er gar nicht hören. „In meiner Freizeit würde ich niemals malen, das macht mir ja keinen Spaß. Das ist kein bequemer Job. Das ist ein Drang!” Anders geht es nicht, anders kann er nicht schaffen, und aufhören kann er sowieso nicht – „selbst wenn ich wollte! Alle wollen ja ständig was von mir”. Die Galerien, die Städte, jetzt soll er auch noch einen großen Platz in Frankfurt neu gestalten. Nur die Museen, die wollen ihn nicht. Und das kann der Künstler nun wirklich nicht auf sich sitzen lassen.

          Am Museum Ludwig ist alles ruhig, mal abgesehen von Luzius Ziermann. Der springt aus dem Wagen, stellt sich daneben, jetzt soll man ihn fotografieren, vor allem aber den Jaguar – vor dem Museumseingang natürlich, so „dass man die Schrift auch sieht”. Museum Ludwig. Unter der aufgehenden Sonne sieht das natürlich romantisch aus.

          Es ist schon die zweite Aktion dieser Art, die Luzius Ziermann mit seinem Jaguar, der übrigens „E.T.” heißt, durchführt. Im Dezember 2018 hat er seinen Wagen vor dem Frankfurter Städel geparkt und ihn von einem Kran hochziehen lassen, sodass er, auf den Hinterrädern stehend und von Ziermann an einer Leine gehalten, ein bisschen aussah wie ein Hund, mit dem sein Schöpfer Gassi geht.

          Luzius Ziermann, sein Jaguar und der Kölner Dom

          Luzius Ziermann hat zweieinhalbtausend Autospiegel in öffentlichen Räumen ausgestellt, in Irland, in Namibia, im italienischen Verona. Das Gleiche wollte er in Venedig machen, auf dem Markusplatz. Auf die Bewerbungsmappe zeichnete er lauter farbige Kreise, „die stellen das Lichtspiel der Autospiegel dar”. So entstand die Idee für die Muster auf seinem Wagen, auf „E.T.“. Die wiederum fotografierte er ab, und entwickelte aus den digitalen reale Figuren aus Plexiglas, die er wiederum zusammensetzte zu Skulpturen. Und die sollen ins Museum. „Ich hab’ überall vorher angerufen, meine Arbeiten vorgestellt.” Wieder und wieder wurde er an andere Stellen verwiesen, er schrieb E-Mail um E-Mail. „Irgendwann reichte es mir.” Die elitäre Haltung vieler Museum, vieler Mitarbeiter im Kunstbetrieb stört ihn. „Das sind meist gar nicht die Leiter oder Kuratoren dieser Museen, sondern die Mitarbeiter.” Das sei ähnlich wie bei Galeristen so, „die tragen dann alle schwarz, definieren sich sehr über ihre Arbeit” – und verlieren den eigentlich Gegenstand aus dem Blick: die Kunst. Dabei ist Kunst unmittelbar, Kunst ist spontan, Kunst ist mehr als die sehr verärgerten Städelmitarbeiter oder ein Haufen unbeantworteter E-Mails. Kunst ist, findet Ziermann, er, der mit seinem Wagen über die Domplatte zum Ludwig fährt, dort parkt – und sich verewigt.

          Mit Beton und – übergangsweise – Gaffertape befestigt Luzius Ziermann sein Objekt an der Museumsmauer.

          Ziermann kramt im Kofferraum, da hat er ihn schon, einen dunkelblauen Ring aus Plexisglas, der ein bisschen aussieht wie ein sehr geschmackvoller Aschenbecher. Er ist aber ein Stück einer seiner Skulpturen, die in seinem Atelier stehen, „zehn oder fünfzehn Stück”, und mit ein bisschen Beton befestigt er das Ganze an der Wand des Museums, schön über der Banane von Thomas Baumgärtel. „Die kennt man”, sagt Ziermann. Er war vielleicht nicht der erste Künstler, der auf die Idee kam, sich an Museumsmauern zu verewigen.

          Wenn es um Kunst geht, hat er stets die Schöpfung im Blick, sagt Ziermann. Die Natur. Und die Natur ist ja, wie man weiß, ein Auto, möglichst mit so hohem Spritverbrauch wie ein alter Jaguar. „Da haben Sie mich jetzt kalt erwischt”, lacht Ziermann. Mit Natur meint er natürlich die Formen und Farben, mit Schöpfung meint er alles um ihn und uns herum. Nachdem er sein Objekt befestigt hat, geht es zurück über die Domplatte, mit mehreren Stopps vor dem Dom. Das Licht ist so gut, die Sonne steht nun am Himmel, dass man noch mehr Fotos machen muss. Zurück auf der anderen Seite fährt Ziermann dann noch einmal den ganzen Weg zurück. Vor dem Dom stehen inzwischen zwei Priester und ein Sicherheitsmann, die herübergucken, mehr aber auch nicht. Von der „Polente” keine Spur. Fast macht es den Eindruck, als wolle Ziermann erwischt werden. After all, sonst würde er sich wohl auch in dem Zustand befinden, dem er unbedingt zu entweichen versucht: die Unsichtbarkeit. „Ach, Frau Dürrholz, das wäre so schön, wenn man mich verhaftet hätte!”, ruft er am Ende. „Und Sie dann als meine Komplizin!” Nein, lieber nicht. Auch nicht in diesem ehrenwerten Auftrag, dem sich einer verschrieben hat, der mit Tiefe und Herzblut und dem echten, inneren Drang dabei ist. Auch nicht im Namen der Kunst.

          Vor dem Kölner Hauptbahnhof: Luzius Ziermanns Jaguar an der Domplatte

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