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Künstler Luzius Ziermann : Stellt diesen Mann endlich ins Museum – oder zumindest sein Auto

Es ist schon die zweite Aktion dieser Art, die Luzius Ziermann mit seinem Jaguar, der übrigens „E.T.” heißt, durchführt. Im Dezember 2018 hat er seinen Wagen vor dem Frankfurter Städel geparkt und ihn von einem Kran hochziehen lassen, sodass er, auf den Hinterrädern stehend und von Ziermann an einer Leine gehalten, ein bisschen aussah wie ein Hund, mit dem sein Schöpfer Gassi geht.

Fast im Museum: Luzius Ziermann hat seinen Jaguar am Eingang des Museum Ludwig in Köln geparkt.

Luzius Ziermann hat zweieinhalbtausend Autospiegel in öffentlichen Räumen ausgestellt, in Irland, in Namibia, im italienischen Verona. Das Gleiche wollte er in Venedig machen, auf dem Markusplatz. Auf die Bewerbungsmappe zeichnete er lauter farbige Kreise, „die stellen das Lichtspiel der Autospiegel dar”. So entstand die Idee für die Muster auf seinem Wagen, auf „E.T.“. Die wiederum fotografierte er ab, und entwickelte aus den digitalen reale Figuren aus Plexiglas, die er wiederum zusammensetzte zu Skulpturen. Und die sollen ins Museum. „Ich hab’ überall vorher angerufen, meine Arbeiten vorgestellt.” Wieder und wieder wurde er an andere Stellen verwiesen, er schrieb E-Mail um E-Mail. „Irgendwann reichte es mir.” Die elitäre Haltung vieler Museum, vieler Mitarbeiter im Kunstbetrieb stört ihn. „Das sind meist gar nicht die Leiter oder Kuratoren dieser Museen, sondern die Mitarbeiter.” Das sei ähnlich wie bei Galeristen so, „die tragen dann alle schwarz, definieren sich sehr über ihre Arbeit” – und verlieren den eigentlich Gegenstand aus dem Blick: die Kunst. Dabei ist Kunst unmittelbar, Kunst ist spontan, Kunst ist mehr als die sehr verärgerten Städelmitarbeiter oder ein Haufen unbeantworteter E-Mails. Kunst ist, findet Ziermann, er, der mit seinem Wagen über die Domplatte zum Ludwig fährt, dort parkt – und sich verewigt.

Luzius Ziermann, sein Jaguar und der Kölner Dom

Ziermann kramt im Kofferraum, da hat er ihn schon, einen dunkelblauen Ring aus Plexisglas, der ein bisschen aussieht wie ein sehr geschmackvoller Aschenbecher. Er ist aber ein Stück einer seiner Skulpturen, die in seinem Atelier stehen, „zehn oder fünfzehn Stück”, und mit ein bisschen Beton befestigt er das Ganze an der Wand des Museums, schön über der Banane von Thomas Baumgärtel. „Die kennt man”, sagt Ziermann. Er war vielleicht nicht der erste Künstler, der auf die Idee kam, sich an Museumsmauern zu verewigen.

Wenn es um Kunst geht, hat er stets die Schöpfung im Blick, sagt Ziermann. Die Natur. Und die Natur ist ja, wie man weiß, ein Auto, möglichst mit so hohem Spritverbrauch wie ein alter Jaguar. „Da haben Sie mich jetzt kalt erwischt”, lacht Ziermann. Mit Natur meint er natürlich die Formen und Farben, mit Schöpfung meint er alles um ihn und uns herum. Nachdem er sein Objekt befestigt hat, geht es zurück über die Domplatte, mit mehreren Stopps vor dem Dom. Das Licht ist so gut, die Sonne steht nun am Himmel, dass man noch mehr Fotos machen muss. Zurück auf der anderen Seite fährt Ziermann dann noch einmal den ganzen Weg zurück. Vor dem Dom stehen inzwischen zwei Priester und ein Sicherheitsmann, die herübergucken, mehr aber auch nicht. Von der „Polente” keine Spur. Fast macht es den Eindruck, als wolle Ziermann erwischt werden. After all, sonst würde er sich wohl auch in dem Zustand befinden, dem er unbedingt zu entweichen versucht: die Unsichtbarkeit. „Ach, Frau Dürrholz, das wäre so schön, wenn man mich verhaftet hätte!”, ruft er am Ende. „Und Sie dann als meine Komplizin!” Nein, lieber nicht. Auch nicht in diesem ehrenwerten Auftrag, dem sich einer verschrieben hat, der mit Tiefe und Herzblut und dem echten, inneren Drang dabei ist. Auch nicht im Namen der Kunst.

Mit Beton und – übergangsweise – Gaffertape befestigt Luzius Ziermann sein Objekt an der Museumsmauer.

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