https://www.faz.net/-gum-8l2rr

Befristete Lehrerverträge : Ohne Bezahlung in die Sommerferien?

  • -Aktualisiert am

Befristete Verträge lassen Lehrer in vielen Bundesländern jede Sommerferien wieder bangen, ob sie im neuen Schuljahr Arbeit haben werden. Bild: dpa

Während der Sommerferien müssen viele Lehrer darum bangen, im nächsten Schuljahr wieder eingestellt zu werden. Schuld daran sind befristete Verträge. Einen zufriedenstellenden Lösungsansatz gibt es bisher nicht.

          Die Zeit der Sommerferien geht dem Ende entgegen. Die letzten Bundesländer rüsten sich für die Rückkehr in den Alltag – in Bayern und Baden-Württemberg beginnt die Schule nächste Woche. Viele Lehrer, vor allem im Südwesten, können die Sommerferien aber nicht genießen. Sie mussten sich arbeitslos melden und zum Teil darum bangen, im nächsten Schuljahr wieder eingestellt zu werden. Das geht aus einer Antwort des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hervor, die der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Klaus Ernst, auf eine Anfrage bekam.

          Demnach war im August 2015 die Zahl der arbeitslosen Lehrer auf 11 091 gestiegen, nachdem sie im Juli noch bei 5840 gelegen hatte. Im Jahresdurchschnitt, so geht aus der Antwort des Ministeriums hervor, wurden 2015 ohne den Hauptferienmonat August 5200 arbeitslose Lehrer gezählt. Schon im Januar hatte die Bundesagentur für Arbeit mitgeteilt, dass in den Sommerferienmonaten bis zu 7000 Lehrer mehr arbeitslos waren als in normalen Monaten mit Schulunterricht - das lag vor allem an befristeten Verträgen, die zu Beginn der Sommerferien ausliefen. Spitzenreiter war Baden-Württemberg mit 2040 zusätzlich arbeitslosen Lehrkräften während der Sommerferien, gefolgt von Hessen mit 1000.

          Gründe für befristete Einstellungen oft rechtlicher Natur

          Im Norden und Osten ist das Phänomen nicht so stark verbreitet. Das hängt laut Ansgar Klinger von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit der Lage auf dem Lehrerarbeitsmarkt zusammen. „Bei der gravierenden Knappheit an Lehrkräften stellen diese Länder eher fest ein, während die westlichen Bundesländer bei einem größeren Angebot voll ausgebildeter Lehrkräfte es sich leisten können, befristet zu beschäftigen und später wieder einzustellen.“ Die GEW kritisiert die Praxis, Lehrpersonal „auf Kosten der Sozialkassen“ während der Sommerferien in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Für die betroffenen Lehrer bedeute dieses Sparmodell andauernde Unsicherheit und unbezahlte Arbeit, die Schulen könnten den Unterricht für das kommende Schuljahr nicht adäquat planen.

          Jochen Nagel vom GEW-Landesverband Hessen sagt, es gehe bei dem Thema um die grundsätzliche politische Frage, „inwieweit man bereit ist, durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse Geld einzusparen“. Eine Sprecherin des baden-württembergischen Kultusministeriums sagt dazu, mit Blick auf den Landeshaushalt sei „die Weiterbeschäftigung aller befristet Beschäftigten über die Sommerferien hinweg schlichtweg nicht finanzierbar“. Befristete Beschäftigungen seien aber die Ausnahme: „Von allen Lehrkräften im baden-württembergischen Schuldienst werden derzeit rund zwei Prozent befristet beschäftigt. Über 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer dagegen sind verbeamtet.“

          Gründe für eine befristete Einstellung sind demnach oft rechtlicher Natur, wenn zum Beispiel eine Lehrperson nicht über eine Laufbahnbefähigung für den Schuldienst verfügt. Oft handele es sich auch um Berufsanfänger, die wegen ihrer Qualifikation oder wegen eines speziellen Ortswunsches nicht fest eingestellt wurden.

          Schulverwaltungen können auf befristete Verträge nicht verzichten

          Befristete Verträge sind aus Sicht der Schulverwaltungen unentbehrlich, weil dadurch Arbeitsausfälle etwa wegen längerer Krankheiten, wegen Mutterschutzes oder Elternzeit ausgeglichen werden. In Hessen wurde unter dem damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch die „Unterrichtsgarantie Plus“ eingeführt, um die Zahl der Unterrichtsausfälle zu senken. Das Programm sah vor, dass als Vertretungslehrer auch Personen ohne pädagogische Ausbildung eingesetzt werden konnten. Für GEW-Landeschef Nagel war das der Beginn einer Entwicklung, „dass man Kräfte von außen geholt hat und gleichzeitig auf preisgünstigere Beschäftigungsverhältnisse setzte“. Die Folgen seien unter anderem arbeitsrechtliche Extremfälle. „Wir hatten eine Grundschulkollegin, die schon zwölf Jahre auf Vertretungsbasis Unterricht gegeben hat und vor Gericht gesagt bekam, dass sie nicht qualifiziert sei für eine unbefristete Einstellung.“

          In Hessen gab es in den vergangenen Jahren mehrere gesetzliche Regelungen, um die Situation von befristet beschäftigten Lehrkräften zu verbessern. Edith Krippner-Grimme, hessische Landesvorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, verweist darauf, dass solche Lehrkräfte in Hessen mittlerweile unter bestimmten Voraussetzungen auch während der Sommerferien bezahlt werden müssen - dann nämlich, wenn sie zuvor zehn Monate durchweg mit befristeten Verträgen angestellt waren; oder aber, wenn klar ist, dass es direkt nach den Sommerferien einen neuen Vertrag gibt.

          In Hessen sollen Entfristungsangebote Ausgleich schaffen

          Eine andere Regelung, die den Lehrkräften eigentlich zugute kommen soll, scheint derweil nicht nur Vorteile zu bringen. Demnach sollen in Hessen die Arbeitsverhältnisse von befristet beschäftigten Lehrkräften, die mehr als 60 Monate beschäftigt waren, durch Entfristungsangebote abgebaut werden. „Je häufiger jemand bereits beschäftigt wurde, desto höher ist die Chance auf Übernahme in unbefristete Beschäftigung“, sagt GEW-Vorstand Klinger. „Gleichzeitig besteht auch ein gegenläufiger Trend. So werden in Hessen langjährig befristet Beschäftigte - oft ohne volle Lehramtsausbildung - nicht mehr weiter beschäftigt, weil man Entfristungsklagen fürchtet.“ Die Staatlichen Schulämter müssen jedes Mal prüfen, wie viele Jahre ein Vertretungslehrer schon in befristeten Verträgen gearbeitet hat, um im Fall einer erfolgreichen Klage des Betroffenen nicht plötzlich eine neue Stelle schaffen zu müssen - wenn zum Beispiel die vertretene Lehrkraft zurückgekehrt ist.

          Eine Lehrerin, die seit Jahren in befristeten Verträgen arbeitet und während der Sommerferien nicht bezahlt wird, kritisiert das Vorgehen der Schulämter. „Egal, wie gern die Schulen jemanden haben wollen, wie sich die Direktoren dafür einsetzen, wie beliebt die Lehrkraft bei den Kindern und Eltern ist - der Bedarf wird von den Schulämtern vorgerechnet“, sagt sie. Letztlich seien nicht nur die Lehrer die Leidtragenden, sondern auch die Schüler: „Es gibt keine Kontinuität, weder didaktisch noch menschlich.“ Es gebe Lehrkräfte, die sich über mehrere Jahre jeweils vor den Sommerferien von derselben Schulklasse verabschiedet haben - da sie zu dem Zeitpunkt oft nicht wüssten, ob sie im neuen Schuljahr weitermachen dürfen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abstimmung bei einer Landesmitgliederversammlung der Grünen in Hamburg im April 2019

          An der Grenze der Möglichkeiten : So viele Grüne wie nie

          Die Grünen stehen derzeit weit oben in der Wählergunst – und das schlägt sich auch in der Mitgliederzahl nieder. Immer mehr Menschen wollen Mitglieder der Partei werden. Doch das bringt die Organisation an ihre Grenzen.

          FAZ Plus Artikel: Reform : Das kostet mich die Grundsteuer

          Jedes Bundesland entscheidet künftig selbst, wie es die Grundsteuer erhebt. Doch ist die Grundsteuer wirklich so gerecht, wie behauptet wird? Wir haben die beiden Hauptmodelle durchgerechnet.

          Nach Eurofighter-Absturz : CDU verteidigt Luftkampfübungen

          Die Bundeswehr müsse dort üben, wo sie im Ernstfall auch eingesetzt wird, sagt CDU-Verteidigungsfachmann Henning Otte. Ein AfD-Abgeordneter macht sich derweil über die Bundeswehr lustig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.