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Kriminalität im Alter : Von Opa-Banden und Klau-Omis

„Jetzt oder nie – Zeit ist Geld“: Alterskriminalität ist auch ein Thema für die Bühne, wie hier in den Hamburger Kammerspielen. Bild: dpa

Die Zahl der Straftäter im Seniorenalter steigt. Ist das ein Alarmsignal? Ein Zeichen für Altersarmut? Normal? Einblicke in die Welt der Ü-60-Täter.

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          Ach, Mutterliebe! Unter der ehrwürdigen Stuckdecke des Saals 618 im Berliner Landgericht geht es um Untreue, Bankrott und das Vereiteln einer Zwangsvollstreckung. Zwei schadstoffbelastete Grundstücke sollen unter Wert verkauft worden sein, wobei die Hauptangeklagten, zwei Brüder mittleren Alters, in beiden beteiligten Firmen die Fäden in der Hand hielten. Es handelt sich um einen dieser komplizierten Wirtschaftsprozesse, in denen Außenstehende bei der Verlesung der Anklage schon nach Minuten den Durchblick verlieren.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vorher jedoch stellt der Anwalt von Frau S. einen Antrag zur Geschäftsordnung. Die Vierundsiebzigjährige war einige Monate lang Geschäftsführerin in einer der beiden Firmen, angeblich ohne auf ordentliche Buchführung zu achten oder die eingetretene Insolvenz anzumelden. Vielleicht war sie auch nur Strohfrau - für ihre Söhne. Wenn die Mutter der mitangeklagten Brüder, gebeugter Rücken, das graue Haar blondiert, in Trippelschritten ihren Platz einnimmt, hält sie ihre Handtasche, als ginge sie am Stock. Der Anwalt sagt: „Meine Mandantin, die ja nicht mehr ganz jung ist, bittet um lautes Sprechen, weil sie sonst nichts verstehen kann.“

          Ist das jetzt Alterskriminalität? Natürlich erfasst der demographische Wandel, der diese Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten vom Kopf auf die Füße stellen wird, auch die Welt der Vergehen und Verbrechen. Die Zahl der Straftäter im Alter von mehr als sechzig Jahren ist im vergangenen Jahrzehnt um etwa acht Prozent gestiegen. 152 000 Tatverdächtige im Rentenalter waren das im Jahr 2011. Perspektivisch müssen sich Polizei und Justiz auf eine neue Klientel einstellen: demente Opfer zum Beispiel, verwirrte Zeugen oder eben schwerhörige Täter. Nachdem der Bund Deutscher Kriminalbeamter Anfang des Jahres ein eigenes Seniorenstrafrecht ins Gespräch gebracht hat, ruft neuerdings die Konkurrenzvereinigung Gewerkschaft der Polizei (GdP) nach mehr Aus- und Weiterbildung im Umgang mit Senioren.

          Ab vierzig ist man für bestimmte Kriminalitätsformen zu alt

          Der Aufwärtstrend wird von einer eigenartigen Berichterstattung begleitet. Von der „Opa-Bande“, die mit ihren Banküberfällen in den Nullerjahren für Aufregung sorgte, bis zur „Klau-Omi“ schwankt der Tonfall zwischen Alarmismus und Belustigung, um dann, vermeintlich gesellschaftskritisch, das Klischee der Altersarmut als Erklärung zu bemühen. Das allerdings wird weder dem sanften Anstieg der Zahlen noch spektakulären Einzelfällen gerecht. Und es verrät nichts über die Taten und Motive der Täter mit dem mehr als vagen Etikett „Ü 60“.

          Bisher verzichtet die polizeiliche Kriminalstatistik vom 60. Geburtstag an auf Differenzierungen. Vermutlich, sagt Sascha Braun, Abteilungsleiter Kriminalpolitik bei der Gewerkschaft der Polizei, stamme diese Einteilung aus einer Zeit, da Polizeibeamte mit sechzig pensioniert wurden. Als gingen Einbrecher, Betrüger und Mörder zeitgleich in Rente. Nun ist es heute einerseits üblich, die „jungen Alten“ zu preisen, die Ehrenämter übernehmen, Bildungsreisen buchen und so gar nicht dem klassischen Oma-Bild entsprechen. Andererseits steigt die Zahl der Hochbetagten. Das Bundeskriminalamt will seine Statistik deshalb vom nächsten Jahr an verfeinern.

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