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Kre­a­ti­o­nis­mus : Adam, Eva und der Stegosaurus

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Inzwischen kommen die evangelikalen Freikirchen, die sich öffentlich gegen Evolution positionieren, auf mehrere hunderttausend Anhänger in Deutschland. Nachdem 2007 die Lokalpresse über kreationistische Inhalte im Unterricht der Georg-Müller-Schule berichtet hatte, verzeichnete die Einrichtung einen Anmelderekord. Einer, der sich über diese Entwicklung freuen mag, ist Thomas Schirrmacher. Schon 1985 beschäftigte sich der heutige Vorsitzende der World Evangelical Alliance in einem Aufsatz mit der kreationistischen Bewegung in Deutschland.

Die Bemühungen der Kreationisten scheinen Früchte zu tragen

Seine Meinung dazu liest sich so: „In der deutschsprachigen Welt, mehr als in allen anderen Ländern, hat evolutionstheoretisches Gedankengut die gesamte Wissenschaft infiltriert. Die kleine kreationistische Bewegung konzentriert sich auf die Naturwissenschaften, aber Geschichte, Sozialkunde, Pädagogik, Kulturanthropologie etc. sind voll von antibiblischem Denken.“ Das zitierte „akademische Problem“ ist der vierte und letzte Punkt in seinem umfassenden Plan zur Stärkung der damals noch jungen Kreationismus-Bewegung in Deutschland; und ein Aufruf an die amerikanischen Glaubensbrüder, sie aktiv zu unterstützen.

Das Ziel: die Schöpfungsgeschichte als Alternative zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Schule und Universität zu etablieren. In 30 Jahren ist einiges passiert. Schirrmacher sitzt mittlerweile im Vorstand mehrerer internationaler Gremien für Religionsfreiheit, ist Träger zahlreicher Ehrentitel und engagiert sich weltweit für Menschenrechte. Sogar der Deutsche Bundestag zog ihn bereits als Sachverständigen zum Thema Glaubensfreiheit zu Rate.

So scheinen die Bemühungen der Kreationisten tatsächlich Früchte zu tragen: Laut einer Umfrage an der Universität Dortmund aus dem Jahr 2005 standen rund 15 Prozent der Erstsemester in Lehramtsstudiengängen der Evolutionstheorie kritisch gegenüber. “Kreationisten sind Überzeugungstäter“, sagt Kutschera. „Bibelfundamentalisten müssen die Allzuständigkeit der Schrift verteidigen. Sie können gar nicht anders“, sagt Hemminger. So argumentierten die Kreationisten mit ungelösten Fragen in der Evolutionstheorie, wollten und könnten eine gleichartige Kritik an den Worten der Bibel aber nicht hinnehmen.

Was die Kreationisten eigentlich wollen

Die Kritiker befürchten, dass die Debatte so dramatische Züge annehmen könnte wie in Amerika, wo aufwendig produzierte „Dokumentarfilme“ mit schönen Titeln wie „Darwins Dilemma“ von Fossilienfunden erzählen, die angeblich mit der Evolutionstheorie unvereinbar sind und gleichzeitig auf die Richtigkeit der Schöpfungsgeschichte schließen. Am Ende steht die Frage, was die Kreationisten eigentlich wollen. Denn im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten hat die Bibel in Deutschland ihren festen Platz an den Schulen - im Religionsunterricht.

Doch das scheint ihnen nicht auszureichen: „Wir wollen, dass auch die Schwachstellen der Evolution im Unterricht angesprochen werden“, sagt Junker, der selbst an ein Erdalter von 10 000 Jahren glaubt und in einem im Internet veröffentlichten Aufsatz vorrechnet, wie alle Tiere auf der Arche Noah Platz fanden. Sie wollten ernst genommen werden, sagt er, und vor allem den Dialog mit Evolutionsbiologen, die sich bisher geweigert hätten, am kritischen Lehrbuch mitzuarbeiten.

Wohin das aber letztlich führen soll, scheint Junker selbst nicht zu wissen. Ob er glaubt, dass die Existenz Gottes und damit die Schöpfungsgeschichte jemals nachgewiesen werden könnten? „Sehr unwahrscheinlich.“ Ob er die Evolutionstheorie anerkennen würde, wenn Biologen auch die letzten Wissenslücken schließen könnten? „Wohl eher nicht“, sagt er zögernd.

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