https://www.faz.net/-gum-y3nw

Kostja Ullmann : Der schüchterne Gigolo

  • -Aktualisiert am

Kostja Ullmann: Seine Traumrolle ist Shakespeares Romeo Bild: Holde Schneider

Die Frauenversteher in deutschen Kinofilmen werden immer jünger. Jetzt ist noch einer dazugekommen, der mit Blicken flüstern kann: Kostja Ullmann, im Fach der jugendlichen Lover als der nette Junge von nebenan längst eine herausragende Figur.

          5 Min.

          Die Frauenversteher in deutschen Kinofilmen werden immer jünger. Jetzt ist noch einer dazugekommen, der mit Blicken flüstern kann: Kostja Ullmann, gerade mal 24 Jahre alt, im Fach der jugendlichen Lover als der nette Junge von nebenan längst eine herausragende Figur. Weihnachten war er noch als tapferes Schneiderlein im Nachmittagsprogramm der ARD zu sehen, seit der vergangenen Woche treibt er es bunt mit täglich wechselnden Nachbarinnen in Hans-Christoph Blumenbergs Komödie „Warten auf Angelina“. Seine Traumrolle freilich sei Shakespeares Romeo, verrät er. Doch damit will er „noch warten, bis ich das Alter dafür habe“.

          Dazu lächelt er so ungeniert, dass man es gern für einen Anflug von Selbstironie nimmt: Der Stürmer und Dränger unter den Gigolos will zum klassischen Liebhaber reifen. Vollkommen abwegig allerdings scheint das nicht. Und auch die Bescheidenheit, die er an den Tag legt, wenn von den Drehs für seinen jüngsten Film, von dessen Premiere in Berlin, vom Umzug zurück nach Hamburg oder von der Liebe zum HSV die Rede ist, klingt ziemlich authentisch. „Das ist meine Stadt und mein Verein“, sagt er achselzuckend, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er den Berliner Zungenschlag nicht mag, obwohl er ihn wunderschön karikieren kann. Dann phantasiert er uns mit drei Sätzen in eine Berliner Bäckerei und äfft die Abfuhr nach, die man sich beim Kauf von Schrippen und Croissants mit einem einzigen falschen Wort einhandeln kann: „Ziemlich derb, aber auf keinen Fall so gemeint, Berliner Schnauze eben.“ Das adrette Kerlchen von nebenan ist erkennbar wohlerzogen und der Welt gegenüber versöhnlich gestimmt, ohne alle Arroganz und frei von Allüren.

          Nach zwölfmonatiger Auszeit in Berlin hat er gerade erst wieder Quartier in Hamburg bezogen, wo er geboren und aufgewachsen ist und wo auch seine Eltern und seine Freunde leben. Natürlich ist nichts dran an dem Gerede, dass er vor allem des Hamburger Sport-Vereins wegen an die Alster zurückgekehrt sei. Auch wenn er für sich und seine Freundin Janin tatsächlich gleich eine Dauerkarte gekauft hat, für die Nordkurve natürlich, mitten unter den farbentragenden Fans.

          Der Stürmer und Dränger unter den Gigolos will zum klassischen Liebhaber reifen
          Der Stürmer und Dränger unter den Gigolos will zum klassischen Liebhaber reifen : Bild: Holde Schneider

          Ein „ernstzunehmender Charakterdarsteller“

          Derlei Details sind Kostja Ullmann wichtig; von seiner Familie und den Freunden, mit denen er Tennis und Fußball gespielt hat, erzählt er, als wir ein Stück durch St.Georg laufen. Abstand habe er irgendwann gebraucht, um über sich nachdenken zu können. Es war ja alles bemerkenswert flott gegangen: mit elf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne, dann noch Synchronsprecher im Studio Hamburg, Fernsehen und in rascher Folge die ersten abendfüllenden Filme, an der Seite von Schauspielkollegen wie Bruno Ganz, August Zirner, Heino Ferch oder Veronica Ferres. Kaum hatten die ersten Rezensenten ihn als „eines der vielversprechenden Nachwuchstalente“ gerühmt, bekam er in der „Süddeutschen Zeitung“ den Ritterschlag - als „ernstzunehmender Charakterdarsteller“.

          In der Bibliothek vom „George“ an der „Langen Reihe“, das Kostja Ullmann „mein Lieblingshotel“ nennt, obwohl er dort noch kein einziges Mal abgestiegen ist, könne man total ungestört plaudern, hat er versprochen. Einen der tiefen Sessel hat er sich schon reserviert und nimmt demonstrativ gelöst im Schneidersitz Platz. Die Haare hat er sich vor der Filmpremiere so teeniehaft kurz schneiden lassen, dass er auch als Pennäler noch durchginge, wenn er sich an der frischen Luft nicht die großmaschige Strickmütze in die Stirn und tief über beide Ohren zöge, die sein Gesicht fast unkenntlich macht. In der Lobby hat er sich rasch davon getrennt - und sofort alle Blicke auf sich gezogen. Denn er sieht gut aus, bewegt sich geschmeidig und besitzt eine Stimme, der man spontan gern ausdauernd zuhören mag. Ihre überraschend dunkle Färbung macht neugierig und gespannt, ohne dass man gleich einen triftigen Grund dafür zu nennen wüsste.

          Mit handfester Erotik erwachsen geworden

          Weitere Themen

          Ein Zweikampf braucht keine Moral

          Berlinale : Ein Zweikampf braucht keine Moral

          Auf der Berlinale erzählt das deutsche Kino Geschichten von Erich Kästner bis zum 11. September. Der Umgang mit der Sachlichkeit im Film erweist sich dabei als nicht so einfach.

          Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Regisseurin Zhao im Interview : Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Wird Chloé Zhao die erste Asiatin die einen Oscar für die beste Regie bekommt? Ihr Film „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen und gilt schon jetzt als großer Favorit für die kommende Preisverleihung. Ein Interview.

          Schlafende Museen, hellwache Kameras

          „Die Woche der Kritik“ : Schlafende Museen, hellwache Kameras

          Die 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin haben diese Woche begonnen, doch nicht jeder Film passt zur Berlinale. Die Schwesterveranstaltung bleibt beim eigenen Blick: Eindrücke von der „Woche der Kritik“.

          Topmeldungen

          Markus Söder am Donnerstag in München

          Corona-Beratungen : Hat da jemand „schlumpfig“ gesagt?

          Bis in den späten Abend hinein ringen die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten um die neue Linie in Sachen Corona. Zu fortgeschrittener Stunde kommt es in der Schalte zum Schlagabtausch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.