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Interview mit Campino : „Da muss eine Abgrenzung stattfinden“

Campino: der Sänger der Toten Hosen am Montagabend in Chemnitz Bild: dpa

Campino spricht im FAZ.NET-Interview davon, mit dem Konzert in Chemnitz Menschen zu inspirieren. Der Sänger der Toten Hosen kritisiert aber auch die Politik und ihren Umgang mit den „Sorgen der Bürger“. An FDP und CDU hat er eine Botschaft.

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          Campino, sind Sie zufrieden mit dem Konzert, mit dem Die Toten Hosen und andere Bands ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen wollten? Es sind viel mehr Leute gekommen, als vorher angenommen, geschätzt 50.000 …

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich fand die Eröffnung berührend, mit der Schweigeminute und den Leuten, die sonst nicht so oft vor so vielen anderen sprechen. Da kannst du spüren, dass es aus dem wahren Leben kommt. Ich finde es auch gut, dass man nicht zugelassen hat, dass irgendwelche Politiker kommen und hier reden. Man hat sich doch sehr bemüht, die Sache sauber zu halten von irgendwelchen Interessengruppen.

          Haben Sie nach dieser überwältigenden Resonanz vor, daraus vielleicht eine Konzertreihe zu machen?

          Ich weiß nicht. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass wenn sich Leute wie wir mit ihren Instrumenten auf eine Bühne stellen, dass dann jedes Mal ein Riesenauflauf von Menschen da ist. Auch unsere Aussagen verlieren extrem schnell an Kraft. Sie sind ein Mittel, das man nicht überdosieren darf, das weiß ich auch aus Erfahrung. Meine große Hoffnung ist, dass wir andere Menschen inspirieren, die vielleicht nicht Musiker sind, sondern Bäcker, Handwerker, Schauspieler, Lehrer, und die dann in ihrem Bereich was machen, Spenden sammeln oder auch symbolische Aktionen. Jeder kann sich einbringen. Die Kondition, die es dafür braucht, müssen wir uns allen abverlangen. Eins kann man nämlich der Gegenseite in ihrer Stumpfheit nicht absprechen: Die halten durch bis zum Sankt Nimmerleinstag, da darf man nicht müde werden. Ich hab dieselben schwachsinnigen Parolen von diesen Leuten schon in den Neunzigern gehört, auch schon in den Achtzigern. Das ist einfach ein Problem, das wir wirklich einhundertprozentig im Auge behalten müssen.

          Spielen Sie damit auch auf die kommenden Landtagswahlen in Sachsen 2019 an?

          Ja, und darauf, dass man zu oft auf verständnisvoll macht und die Sorgen der Bürger ernst nehmen will. Nach dem Motto: So schlimm sind die alle gar nicht, und wenn es darauf ankommt, dann werden die schon ihr Kreuz bei der CDU machen. Diese Rechnung geht nicht auf, und sich diesen Biertischparolen anzudienen, das ist der ganz falsche Weg, da muss eine Abgrenzung stattfinden. Vor allen Dingen müssen das meiner Meinung nach die FDP und die CDU langsam mal verinnerlichen, die spielen nämlich ständig mit diesen Sachen.

          Das Motto des Konzerts ist „Wir sind mehr“. Haben Sie das Gefühl, dass in Chemnitz auch tatsächlich die Leute in der Überzahl sind, die sich gegen Rechts engagieren? Oder sind viele nur gekommen, weil es ein tolles Event ist?

          Nein, die überwiegende Mehrheit weiß ganz genau, worum es geht. Die rechnen nicht mit einem qualitativ hochwertigen Konzert. Es geht um die Geste. Eine Geste von uns und eine Geste der Menschen, die hierher kommen und sagen: Hallo, ich bin auch hier, ganz hinten in der Ecke. Man sieht schon an der Bandbreite der Musik – so ein Festival gäbe es ja normalerweise gar nicht –, dass es eine Idee gibt, die das hier verbindet. Das akzeptieren die Leute nicht nur, sie feiern diese Idee sogar ab, und das ist etwas Wunderschönes. Aber natürlich ist das auch ein großer Moment, ein Höhepunkt, der morgen, übermorgen, nächste Woche auch eine gewisse Leere hinterlassen wird. Aber es kann immerhin ein Funken sein, der auf Leute überspringt und ihnen klar macht: Okay, wir sind nicht alleine! Und wir werden gehört mit unseren Anstrengungen, die anderen kriegen das mit. Und wir machen weiter mit unserer Arbeit.

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