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Kolumbien : Wie Miriam ihren Sohn wiederfand

  • -Aktualisiert am

Nach zehn Jahren: Miriam Esther Vanegas hat ihren Sohn Felipe wieder. Bild: Thomas Wagner

Viele Kolumbianer waren lange verschollen in der Guerrilla. Auch Miriam hat ihren Sohn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. In einem Camp der Farc-Rebellen trifft sie ihn jetzt wieder.

          4 Min.

          Miriam Esther Vanegas stockte der Atem, als sie ihren Sohn Felipe in den Fernsehnachrichten zwischen Hunderten Rebellen erkannte. Ihr erster Gedanke: „Er lebt noch!“ Der zweite: „Ich muss sofort zu ihm.“ Zehn Jahre lang hatte sie nachts wach gelegen, während ihr die immer selben Fragen durch den Kopf schossen: Wo ist er? Geht es ihm gut? Nun endlich hatte sie Gewissheit. Felipe hatte den Krieg überstanden.

          Mit 13 Jahren war ihr Jüngster von zu Hause weggelaufen. Die Farc-Guerrilla rekrutierte ihn. Felipes Vater, Vanegas’ Mann, war da schon seit vielen Jahren tot, von Paramilitärs ermordet, so wie einer ihrer Söhne. Vanegas war mit den fünf überlebenden Kindern aus dem Norden in das Dorf La Macarena im Herzen Kolumbiens geflüchtet. Dort fühlten sie sich sicher. Bis Felipe verschwand.

          Woodstock in der kolumbianischen Provinz

          Der Konflikt hatte Vanegas zwei Söhne geraubt. Einen gewann sie nun, zehn Jahre später, wie durch ein Wunder wieder zurück. Schon am nächsten Tag machte sie sich auf den Weg. Aus dem Fernsehen wusste sie, wohin sie musste.

          Bitte eintragen: Angehörige schreiben die Namen der Verschollenen in die Liste.

          Als die Siebenundfünfzigjährige nach sechs Stunden Fahrt im Camp der marxistischen Guerrilleros eintrifft, fühlt sie sich verloren. Ausgerechnet hier, in der menschenleeren Savanne der Provinz Caquetá, haben die Guerrilla-Führer 300 Delegierte aller Einheiten unter ihrem Kommando einberufen. Sie haben in den vergangenen vier Jahren mit der Regierung ein Friedensabkommen ausgehandelt. Nun wollen sie ihre Kämpfer darauf einschwören, ihre Waffen niederzulegen. Es ist mehr Woodstock denn Waterloo. Sogar eine moderne Konzertbühne wurde eigens für die Konferenz errichtet. Dort tanzen sich die kriegsmüden Kämpfer jeden Abend bei Ska und Akkordeonmusik frei für den Frieden.

          Miriam findet Felipe

          Vanegas, dunkle Haut, graue Haare, freundliche Augen hinter einer modernen Brille, hat zur Sicherheit ein Foto von Felipe eingesteckt. Zum zweiten Mal hat sie Glück. Nur zwei Stunden dauert ihre Suche. Dann sieht sie ihn, auf der hölzernen Veranda eines Kiosks. Der junge Mann trägt einen hauchdünnen Backenbart, seine Schläfen sind säuberlich ausrasiert. Er hat nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem Jungen auf ihrem Foto. Aber er ist es, sie hat keine Zweifel. Aus ihren Augen sprüht Freude, gemischt mit Ungläubigkeit. Mutter und Sohn nehmen sich in die Arme.

          Viele klatschen. Carlos Antonio Lozado, einer der ranghöchsten Kommandeure der Guerrilla, umarmt sie. „Felipe gehört zu meiner Einheit“, sagt er.

          Nach dem Verschwinden blieb meist Ungewissheit

          Felipe, der Hauptdarsteller, wirkt wie ein Statist in dieser Wirklichkeit gewordenen Telenovela. Kein einziges Mal hat er sich in den zehn Jahren bei seiner Mutter gemeldet. Um sich und seine Einheit zu schützen. Und seine Familie. Es war Normalität in einem Krieg, der nun zu Ende geht. „Ich bin glücklich, überlebt zu haben“, sagt der Dreiundzwanzigjährige.

          Wenn der Konflikt die Familien trennte, wenn die Guerrilla den Sohn oder die Tochter mitnahm, dann blieb den Zurückbleibenden meist nur die Ungewissheit. Das Warten auf ein Lebenszeichen. Ein Anruf. Einige hingeschmierte Zeilen auf einem Zettel, von einem Fremden über den Zaun geworfen.

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