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Neues Musikvideo : Kollegah und Farid Bang zertrümmern ihre Echos

Da waren sie noch brav und zeigten Reue: Farid Bang und Kollegah besuchten im Juni die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Bild: dpa

Von Einsicht und Reue ist im neuen Video von Farid Bang und Kollegah nichts mehr zu spüren. Stattdessen rechnen sie mit dem Echo, mit ihren Kritikern und irgendwie mit der ganzen Welt ab.

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          Wenn es eines gibt, das Farid Bang und Kollegah beherrschen, dann ist es Beleidigt-Sein. Alle anderen sind schuld, dass sie antisemitisch rappen und keiner den „guten“ Auschwitz-Witz versteht, alle anderen, aber bestimmt nicht die beiden Rapper selbst. Die kehren nun trotzig zurück. Und machen weiter Lines, die brennen!

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          So oder so ähnlich könnte man den neuen Song von Deutschlands Vorzeige-Bad Boys verstehen. Im Video zu „In die Unendlichkeit“ sieht man natürlich vorrangig Farid Bang oder Kollegah, wie sie, von Muskeln inzwischen so zugepackt, dass sie vermutlich nicht einmal mehr den Kopf zur Seite drehen können, im Halbdunkeln mit todernstem „Ich bin der böseste Rapper der Welt“-Gesichtsausdruck in die Kamera schauen und textsynchron die Lippen bewegen (wenigstens die können sie noch rühren).

          Dabei bedienen sie das gängige Wir-gegen-die-da-oben-Stilmittel. Die Welt hat was gegen sie, dabei machen sie doch einfach nur ihre Kunst, die armen, missverstandenen schwarzen Schafe der deutschen Rapszene. Da heißt es dann etwa: „'Ihr könnt kommen', meint das Echo-Juryteam, doch haltet den Ball dafür flach wie bei Flat-Earth-Theorien. Was kommt am Ende raus? Wir machen Welle wie nur sonst was, denn Prinzipien sind wichtiger als Stellen vor dem Komma.“ Damit haben sie das Echodilemma eigentlich recht treffend beschrieben.

          Im April 2018 hatte die Vergabe des deutschen Musikpreises Echo an die Rapper für Aufsehen gesorgt, weil ihnen antisemitische Texte vorgeworfen worden waren. In einem Song des ausgezeichneten Albums heißt es unter anderem: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Campino, Sänger der Toten Hosen, kritisierte schon während der Verleihung, dass bestimmte Grenzen trotz Kunstfreiheit nicht überschritten werden dürften, etwa wenn es sich um homophobe, antisemitische oder frauenfeindliche Inhalte handelte. Dass Farid Bang und Kollegah trotzdem gewannen, lag vorrangig daran, dass der Echo sich primär an Verkaufszahlen orientiert. Nach der skandalträchtigen Verleihung gaben mehrere Künstler ihre Echos aus Protest gegen die Auszeichnung der beiden Rapper zurück, unter ihnen Marius Müller-Westernhagen. Die Debatte ging so weit, dass das Echo-Kommitee schließlich bekanntgab, das Konzept des Echos komplett zu überarbeiten.

          Nach dem Skandal besuchten die Rapper Farid Bang und Kollegah schließlich sogar das Konzentrationslager Auschwitz. Das Internationale Auschwitz-Komitee hatte sie zuvor eingeladen. Der Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, bezeichnete den Besuch als „Genugtuung und auch eine Geste an ihre jungen Fans, dass Hass, Menschenverachtung und Antisemitismus in keiner Kunst einen Platz haben sollten“.

          Mit den noblen Gesten ist es aber nun vorbei, Farid Bang und Kollegah scheißen wieder mal auf alles und jeden, sehen sich selbst als Opfer des Skandals und setzen auf eine andere Symbolik: Am Ende ihres Musikvideos sieht man die beiden auf dem Dach eines Kölner Parkhauses. Sie halten ihre Echos über das Geländer – und lassen los. Nur ein Echo geht beim Aufprall kaputt.

          Neben der „alle gegen uns und wir gegen alle“-Haltung ist auch die egozentrische Weltauffassung der beiden Rapper typisch. Sie selbst sind natürlich im Mittelpunkt aller Debatten, alles dreht sich nur um sie. Und sie beweisen noch etwas anderes, nämlich ihre völlige Gleichgültigkeit gegenüber Moral und Ethos: Scheiß auf Anstand, scheiß auf alles. Hauptsache, provozieren! Dann stimmen die Klicks und die Kohle.

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