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Körperkult im Freibad : Zoe, Moritz und der Bodycheck

Wohin sieht man zuerst? In die Augen? Auf den Hintern? Bild: LAIF

Fast nichts beschäftigt Jugendliche in der Pubertät mehr als der eigene Körper: Bin ich normal? Bin ich schön? Wer bin ich überhaupt? Deshalb vergleichen und begutachten sie – sich selbst und andere. Im Sommer ist das Freibad der perfekte Ort dafür. Ein Besuch.

          5 Min.

          Wenn ihnen langweilig wird, spielen sie „Wahrheit, Pflicht, Konsum“. Wer dran ist, darf aussuchen, ob er eine Frage oder eine Aufgabe gestellt bekommen will, oder - bei „Konsum“ - aus drei verschiedenen Aufgaben wählen. 28 Grad im Schatten, Wassertemperatur 25,5 Grad. Die Clique auf der kleinen Wiese im Sommerbad Pankow, gleich rechts vor dem Imbiss, lagert in der Sonne. „Die Jungs machen ja immer so schlimme Sachen“, sagt Marie. „Das find ich voll scheiße“, sagt Yasmin. Die beiden Dreizehnjährigen nehmen am liebsten „Wahrheit“. Gibt man eben zu, ob man schon mal einen Freund hatte - oder so.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei „Pflicht“ kann es heißen: Stripp an dem Jungen, und zieh ihn aus. Fass mal die Titten an. Henry sollte neulich so tun, als hätte er Sex mit der Statue, die ein Stück weiter Richtung Schwimmbecken steht, ein sitzender Jüngling. „Ich sollte das Ding vögeln und laut dabei schreien“, sagt er. Laut Spielregel gilt: Wer partout nicht will, darf ablehnen. „Bin ich eine Pussy?“, fragt Henry. Er lacht breit. Er ist 14 Jahre alt und hat eine Freundin. Die Mädchen finden, dass er einen besseren Körper hat als der Kumpel ein Handtuch weiter. Die Zeit, in der er sich die Pickel im Gesicht mit Make-up überschminken musste, ist vorbei. Natürlich habe er seine „Pflicht“ getan, sagt Henry. „Ist ja nicht so, dass ich keinen Mumm hätte.“

          Warum sie den Sommer im Freibad verbringen? „Weil’s Spaß macht!“ „Weil’s warm ist!“ „Weil Freunde da sind!“ Mit tropfenden Haaren sind Zoe, Lisa und Melanie am Beckenrand aufgetaucht und brüllen gegen das Tosen der Wasserrutsche an. Dann sagen sie: „Weil man gucken und lästern kann.“ Gucken gehört so zwingend zur Pubertät wie das Entdecken von Liebe und Sexualität, heutzutage mehr denn je, da Plakatwände, Fernsehserien und Internetpornos perfekte Körper zum Standard erhoben haben. Die Zeitschrift „Bravo“ hat kürzlich in einem „Dr.-Sommer-Spezial“ acht Seiten mit Nacktfotos von ganz normalen Jugendlichen gedruckt, darunter mollige Mädchen mit knospenden Brüsten und blasse Jungs mit schlaksigem Glied. „Bodycheck“ hieß das Format.

          Bin ich normal? Bin ich schön?

          Nur wer guckt, kann beurteilen, wie der eigene Körper sich entwickelt, und sich den Dauerfragen stellen, die der Übergang vom Kind zum Erwachsenen mit sich bringt: Bin ich normal? Bin ich schön? Und wer bin ich überhaupt? Wenn Zoe, Lisa und Melanie Arm in Arm durchs Sommerbad Pankow schlendern, ist das Bodycheck im Sekundentakt. Es ist der Nachmittag vor Melanies 14. Geburtstag. Lisa und Melanie sind das, was sie WABFFIUE abkürzen: weltallerbeste Freundinnen für immer und ewig. Wenn sie Fotos voneinander auf Instagram posten, schreiben sie dazu „mein Mädchen“. Melanie sagt: „Wir können einfach nicht ohneeinander.“ Lisa sagt: „Und miteinander sind wir unerträglich.“

          Helles Gelächter. Heute Nacht wird Lisa bei Melanie übernachten, im selben Bett. Und um Punkt null Uhr werden sie Zoe anrufen. Versprochen. Zoe ist schon 15 und trägt zu ihrem Bikinioberteil Hotpants aus Jeansstoff. Die beiden anderen stecken in Badeshorts. „Weil ich meine Beine nicht so schön finde“, erklärt Melanie. Noch weniger mag sie ihre Oberweite, Rundungen, üppig wie bei einem Unterwäschemodel. Melanie verzieht das Gesicht: „Da gucke ich bei jeder drauf und denke: ,Warum hat die so schöne?‘“ Der beste Bauch? Melanie zeigt auf Zoe und Lisa. Zoe zeigt auf Lisa. Lisa zeigt auf Zoe.

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