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Körperkult im Freibad : Zoe, Moritz und der Bodycheck

Wenn er sich aber auf dem Rücken ausstreckt, sagen die Mädchen, könne man zwei Gummibärchen in die Kuhle legen. Eigentlich darf Paul nicht so viel Sport treiben. Er macht’s trotzdem. Schwimmen. Kraftsport. Rugby. Joggen. Seine Zahnspange fällt fast nicht auf. Tarek sagt: „Ein paar Muskeln sind Pflicht.“ Oberarme zum Beispiel. Unterarme. Beine. Ein bisschen Bauchtraining. Es klingt fast entschuldigend: Er selbst sei da gerade ein bisschen nachlässig. Nächstes Jahr fange er wieder an. Über dem Bund seiner gelben Badeshorts wachsen schwarze Löckchen den weichen Bauch hinauf bis fast zur Brust. Wie alt er ist? 14.

Moritz klappt der Unterkiefer nach unten: „Das glaube ich dir nie und nimmer!“, ruft er. „Gefälscht!“ Auch Moritz ist 14, aber kleiner und schmaler als die beiden anderen. Seine knielange Badehose stammt von der Skater-Marke Billabong, über dem Bund ragt absichtlich die Boxershorts hervor. Rosa Herzen auf schwarzem Satin. Die Brille bestünde jeden Berlin-Mitte-Hipster-Test. Aber Tareks Körperbehaarung? „Für das Alter ist das übertrieben“, findet Moritz.

Tarek: „Ich kann doch nichts dafür. Soll ich etwa rasieren?“ Moritz: „Es sieht männlich aus. Ich hab dich auf 16, 17 geschätzt.“ Tarek: „Brusthaare sind mir egal. Der eine hat mehr, der andere hat weniger. Das macht keinen Mann aus. Ein richtiger Mann steht zu dem, was er sagt und was er tut.“ Dann reden sie über Mädchen. Paul: „Es gibt zwei Arten von Typen. Die einen gucken zuerst auf die Brust. Die anderen zuerst auf’n Arsch. Ich guck zuerst auf’n Arsch.“ Sein Ideal? „Pfirsich.“ Tarek: „Oberweite kann man halt nicht immer so haben, wie man will. Aber wär’ schon schön, wenn da was wär’.“ Moritz: „Flache Bretter kann man auch nageln.“

Dann haben sie Hunger. Sie haben immer Hunger. Auch das gehöre zur Pubertät, sagen sie. Leider reicht das Geld nicht für eine große Pommes. Sie gehen rutschen. Die Wendeltreppe hinauf, vielleicht zehn Meter hoch, und am besten auf den Knien hinab, Heldenposen, Heldengeschrei, immer wieder, je mehr es spritzt, desto besser. Zoe, Lisa und Melanie stehen am Sprungturm an. Lisa springt vom höchsten Brett, siebeneinhalb Meter, ihre langen Haare flattern im Wind. Melanie macht einen Köpper vom Dreier. Zoe springt vom Fünfmeterbrett, mit Anlauf. Anschließend zupfen sie die Bikinis zurecht.

Paul sagt: „Es gibt Tage, wo mir das alles egal ist, wo ich nur springen und ins Wasser will. Und es gibt Tage, wo man guckt.“ Die Abendsonne taucht das Sommerbad Pankow in mildes Licht. Die kleine Wiese rechts vorm Imbiss ist verwaist. Ein schlankes, langhaariges Mädchen mit stark geschminkten Augen trocknet sich auf den warmen Steinen zwischen den Schwimmbecken. Sie ist eine Mitschülerin von Moritz, eine Weile schaut er hinüber. Dann setzt er sich zu ihr. Sie trägt die gleichen Boxershorts wie er. Rosa Herzen auf schwarzem Grund.

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