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Königstochter Cristina : Durch diese hohle Gasse muss sie kommen

  • -Aktualisiert am

Prinzessin Cristina, Foto aus dem Jahr 2013 Bild: AP

Ein Untersuchungsrichter erwartet in Palma de Mallorca die Königstochter Cristina. Der Vorwurf: Steuerbetrug und Geldwäsche. Es ist das erste Mal, dass sich ein Mitglied des spanischen Königshauses vor Gericht verantworten muss.

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          Die spanische Justiz rastet nicht, nicht einmal am Wochenende. So muss die jüngste Tochter von König Juan Carlos an diesem Samstag in Palma de Mallorca dem hartnäckigen Untersuchungsrichter Jose Castro als „Verdächtige“ in Sachen Steuerbetrug und Geldwäsche Rede und Antwort stehen. Allein die Frage, ob Cristina von Bourbon, wie gewöhnliche Sterbliche hundert Schritte zu Fuß durch die hohle Gasse zu dem Gerichtsgebäude kommen würde, beschäftigte das Land mehrere Wochen. Aus Sicherheitsgründen entschied schließlich der Seniorrichter der Urlaubsinsel, dass sie mit dem Auto bis vor die Tür vorfahren dürfe. Das wird nun den Handlungsspielraum der rund dreihundert akkreditierten Journalisten einschränken, über die mehrere Hundertschaften der Polizei und ein kreiselnder Hubschrauber wachen werden.

          Weil sie zur Not wenigstens ein flüchtiges Bild von der 48-Jährigen erhaschen wollen, sollen Fernsehanstalten den Nachbarn in der „Schandgasse“, durch die ihr der Korruption beschuldigte Ehemann Inaki Urdangarin schon zweimal unter den Pfiffen der Untertanen schreiten müsste, 10.000 Euro für eine Balkonaussicht bezahlt haben. Das Ergebnis wird zum Kummer des Königshauses, dessen Ruf das Paar schon nachhaltig geschädigt hat, um die Welt gehen.

          Regierungschef Rajoy glaubt an Unschuld der Königstochter

          Es ist dies eine Premiere, denn noch nie in der modernen spanischen Monarchie wurde ein Mitglied der Königsfamilie vor den Kadi zitiert. Im Falle der Infantin Cristina handelt es sich sogar um ein besonderes Kuriosum, weil eigentlich niemand bislang anklagen wollte. Die drei Steuerfahnder, die ihn prüften, sagten, es gebe dafür keine Handhabe. Der Staatsanwalt, der ebenfalls kein Delikt erkennen konnte, wehrte sich erst gegen die Vorladung und willigte dann grummelnd mit der Bemerkung ein, das Ganze trage für ihn Züge einer „Verschwörung“. Und sogar Regierungschef Mariano Rajoy, der hier gar nichts zu sagen hat, äußerte die Überzeugung, dass die Königstochter „unschuldig“ sei. Nur eben der Ermittlungsrichter Castro ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und setzte einen Termin für die Aussage zunächst auf den 8. März an. Da lenkten die Infantin und ihre Anwälte ein, sparten sich eine Verzögerung mittels Einspruchs und baten sogar um ein früheres Datum.

          Über diese „Schandgasse“ spricht ganz Spanien

          Worum geht es nun? Der Fall Cristina ist ein Ausläufer der langen Ermittlungen gegen den Ehemann. Er soll mit Hilfe einer ganz und gar nicht „gemeinnützigen“ Stiftung namens Noos über die Jahre rund 6 Millionen öffentlicher Gelder der Regionalregierungen von Valencia und der Balearen zusammen mit seinem Sozius Diego Torres in die eigene Tasche gesteckt haben. Bei den Beträgen handelte es sich um angeblich zumeist aufgeblasene Honorare für die Organisation von Sportwerbeveranstaltungen, für die der ehemalige Handballprofi seine „königliche“ Reputation einträglich zu nutzen verstand. Irgendwann gründete Urdangarin dann neben Noos noch eine zweite Firma namens Aizoon, in welcher seine Frau zu fünfzig Prozent beteiligt war. In diese sollen aus der Stiftung 1,2 Millionen „abgezweigt“ worden sein, mit denen auch Cristina per Kreditkarte allerlei Rechnungen beglich: Kindergeburtstage, Restaurantbesuche, Garderobe, Möbel und sogar einen Tanzkurs. Dann kommt noch ein Aktienkauf hinzu, der ein Scheingeschäft gewesen sein könnte. Das alles summiert sich zu dem Doppelverdacht von Steuerbetrug und Geldwäsche.

          Korruptionsaffäre: Die spanische Königstochter Cristina stellt sich den Fragen der Justiz

          Einstweilen ist die Infantin nur „Beschuldigte“. Das ist nach spanischem Recht noch ein gutes Stück von einer eventuellen Anklage oder gar einer Bestrafung - bis zu zwei Jahren Haft wären für diese Delikte möglich - entfernt. Die Frau, die inzwischen mit den Kindern nach Genf gezogen ist und ihr Mann, der in Barcelona näher bei Richter Castro blieb, ist jedoch allein wegen der negativen Publizität zu einer schweren Hypothek für das Königshaus und vor allem ihren gesundheitlich noch angeschlagenen Vater geworden. Die Umfragewerte sowohl für die Institution als auch das Personal sind im Keller. Die einen verlangen wenigstens als Zeichen der Reue einen Verzicht Cristinas auf ihre Thronrechte. Sie ist gegenwärtig eine ferne „Nummer 7“ auf der, von ihrem Bruder Felipe angeführten Liste der Nachfolger. Doch weil das schon wie ein Schuldgeständnis aussähe, hat sie bislang jeden Gedanken daran abgewiesen. Auch der König, der nach Meinung einer Mehrheit der Spanier abdanken und dem, noch einen untadeligen Ruf genießenden Kronprinzen Platz machen sollte, will diesen Schritt unter Druck nicht tun. Da gilt noch das Wort von Königin Sofia gegenüber einer Biographin, welches lautet: „Der König stirbt im Bett.“

          Fast vier Jahrzehnte lang, seit dem Tod des Diktators Franco, dem anschließenden „Übergang“ zu einer geachteten Demokratie und einem mit Hilfe des verfassungstreuen Juan Carlos vereitelten Putschversuch altfranquistischer Militärs, waren die Monarchie und der Monarch unantastbar. Die Medien verschwiegen diskret seine Eskapaden. Doch die schwere spanische Wirtschaftskrise verkürzte plötzlich den öffentlichen Geduldsfaden und die unsägliche Elefantenjagd in Botswana zwang den König sogar dazu, öffentlich Abbitte zu leisten. Am meisten hat jedoch geschadet, dass Tochter und Schwiegersohn im Verdacht stehen, sich auf Kosten der Steuerzahler auch noch ohne Skrupel bereichert zu haben. Das wird noch eine lange und qualvolle Geschichte für die spanischen Bourbonen. Sogar der Verwaltungschef des Königshauses Rafael Spottorno hat vor dem Canossagang der Infantin mit bemerkenswertem Freimut von einem „Martyrium“ für die so lange angesehenste Institution des Staates gesprochen.

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