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Prozessauftakt : Des Herzogs „notwendige Komplizin“

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Die Angeklagten: Iñaki Urdangarin und Infantin Cristina im Jahr 2012 Bild: dpa

Von diesem Montag an muss sich die Schwester des spanischen Königs, Infantin Cristina, mit ihrem Mann vor Gericht verantworten. Ein Nebenkläger fordert neun Jahre Haft.

          Auf der ganzen Insel Mallorca gibt es keinen Gerichtssaal, der diesen Prozess hätte aufnehmen können. Deshalb mussten die drei Richterinnen, die über das Schicksal der Infantin Cristina de Bourbon, ihres Manns Iñaki und 16 weiterer Angeklagter entscheiden werden, in die Schule eines Vororts von Palma ausweichen.

          Dort ist an diesem Montag zum Auftakt des Verfahrens im Korruptionsfall der Stiftung „Noos“ nun auch Platz für rund 600 akkreditierte Journalisten von 90 Medien aus aller Welt. Über allen wacht im Saal ein Porträt von Cristinas Bruder: Staatsoberhaupt und König Felipe VI.

          Der Mega-Prozess

          Die vermutlich erfolgreichste Miniserie des spanischen Fernsehens in diesem Jahr, die ein großangelegtes Betrugsmanöver des von seinem Schwager schon des Titels entkleideten ehemaligen Herzogs von Palma de Mallorca und den Vorwurf komplementärer Steuerdelikte gegen die Schwester des Königs zum Gegenstand hat, ist schon in allen logistischen Einzelheiten bekanntgemacht worden. In dem Saal werden neben den drei Richterinnen 18 Angeklagte, 18 Anwälte, neun Ankläger, 36 Zuschauer und 15 Medienvertreter (ohne elektronische Hilfsmittel) sein. Die Kameras werden das Verfahren, sofern das Gericht es nicht anders beschließt, in ein nahes Pressezentrum übertragen. Wie es das Schicksal will, sitzt die Infantin in der letzten Reihe direkt neben den Journalisten.

          Dies alles ist freilich kein reiner Zufall. Vielmehr sind die Plätze für die 18 Angeklagten strikt nach der chronologischen Abfolge ihrer Aussagen bestimmt worden. Cristina ist die Letzte, die voraussichtlich Anfang Februar zu Wort kommen wird. In ihrer – der dritten von drei Reihen – sitzen auch die beiden Hauptangeklagten: ihr Mann und dessen Stiftungssozius, der Betriebswirtschaftsdozent und Lehrer Urdangarins, Diego Torres.

          Der sogenannte Mega-Prozess in der Schule, wo zuvor mit weniger Publizität gegen eine halbe Hundertschaft berüchtigter mallorquinischer Rauschgifthändler verhandelt wurde, wird mit trockenen Verfahrensfragen beginnen. Dann dürfte es aber im Laufe der ersten Wochen lebhafter werden, sobald die Richterinnen über die Forderungen der Verteidiger der Infantin befinden müssen, das Verfahren gegen sie mit Rücksicht auf die „Botín-Doktrin“ niederzuschlagen.

          Nebenkläger fordert acht Jahre Haft für Cristina

          Botín hieß der unlängst verstorbene Präsident der Santander-Bank, der einmal in einer Steuergeschichte freigesprochen wurde, weil die Staatsanwaltschaft keine Vorwürfe gegen ihn erhob. Das ist auch bei der Infantin der Fall. Weder die Finanzbehörden noch die Staatsanwälte sahen einen Grund, die Schwester des Königs im Kontext der Anschuldigungen gegen ihren Mann anzuklagen. Dies tut jedoch als Nebenkläger die rechtskonservative Organisation „Manos Limpias“, die für sie als „notwendige Komplizin“ sogar acht Jahre Haft fordert.

          Im Fall Botín schuf das Oberste Gericht ein, wie die Anwälte der Infantin beharrlich argumentieren, Präzedens: keine Anklage ohne die Staatsanwaltschaft. Fände diese „Doktrin“ Anwendung, wäre Cristina trotz aller medialen Peinlichkeiten für sie und das Königshaus wohl in wenigen Wochen aus dem Schneider.

          Düsterer sieht es hingegen für ihren Mann aus. Für ihn fordert die Staatsanwaltschaft wegen eines halben Dutzends verschiedener Delikte – Missbrauch öffentlicher Mittel, Dokumentenfälschung, Geldwäsche, Rechtsbeugung, Betrug und Steuerhinterziehung – 19 Jahre Gefängnis. Er soll mit seinem Sozius Torres mindestens sechs Millionen Euro aus der Vergabe von Werbeveranstaltungen an die Stiftung „Noos“ in die eigene Tasche gesteckt haben. Ihm dürfte weder Botín noch eine andere Doktrin helfen.

          Drei Richterinnen für die Infantin

          Denn kurz vor Prozessbeginn hat Jaime Matas, der Mann, der einmal Ministerpräsident der Balearen und Umweltminister in Madrid war, ein halbes Geständnis abgelegt. Matas schob Urdangarin Aufträge in Höhe von 2,6 Millionen Euro zu und ist ebenfalls wegen Betrugs, Rechtsbeugung, Einflusshandels und Missbrauchs angeklagt. Ihm, der schon in einem anderen Korruptionsfall verurteilt wurde und neun Monate einsaß, drohen elf Jahre Haft. So hat er sich jetzt bereit erklärt, als Belastungszeuge mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Außerdem bot er zur „Wiedergutmachung“ eines eventuell entstandenen Schadens die Hälfte seiner 500 Quadratmeter großen Luxuswohnung in Palma an. Ihr Wert wird auf 2,4 Millionen Euro geschätzt.

          Die Sicherheitsvorkehrungen der Polizei in Palma sind beträchtlich. Schon bei früheren Auftritten der Angeklagten vor dem Ermittlungsrichter mussten diese schmerzliche Spießrutenläufe absolvieren. Die Infantin, der frühere Herzog und sein Sozius wurden von aufgebrachten Bürgern als „Gauner“, „Schmarotzer“ und Schlimmeres beschimpft. Von den drei Richterinnen Samantha Romero, Eleonor Moyá und Rocío Martín – alle verheiratet, zwei von ihnen sind Mütter mehrerer Kinder – heißt es, sie arbeiteten nüchtern, diskret und minutiös. In ihren Urteilen stehe „nie ein Adjektiv zu viel“.

          Dass es drei Frauen sind, die über die Infantin und den Rest der Angeklagten zu urteilen haben, liegt daran, dass der eigentlich für das Verfahren bestimmte Richter Juan Pedro Yllanes im spanischen Wahlkampf von der linkspopulistischen Podemos-Partei als Kandidat geködert worden war. So musste er auf den Prozess seines Lebens verzichten.

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