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Kuckelkorn im Interview : „Karneval absagen – das ist wie Weihnachten absagen“

Karnevalistinnen beim Kölner Karneval im Februar 2020 Bild: dpa

Köln ohne Karneval? Nach Jens Spahns Vorstoß, die fünfte Jahreszeit abzusagen, erklärt der Kölner Karnevalschef Christoph Kuckelkorn im Interview, was das Festkomitee tut, damit sie doch noch stattfindet – wenn auch anders als sonst.

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          Jens Spahn überlegt, Karneval 2020/21 ganz abzusagen – was haben Sie gedacht, als Sie das erfahren haben? 

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Wir wollen auch nicht um jeden Preis feiern – das ist uns wichtig. Wir wollen, dass die Menschen gesund feiern, dass sie ohne Bedenken feiern. Wir finden es aber trotzdem wichtig, dass der Karneval dazu genutzt wird, dass die Menschen wieder lernen zusammenzukommen. Auch diese Angst zu überwinden. Dafür muss aber viel vorgeleistet werden.

          Gibt es ein Konzept, wie Karneval stattfinden könnte?

          Die Komitees in Aachen, Köln, Bonn und Düsseldorf haben sich schon vor Monaten zusammengetan und Konzepte entwickelt – die werden gerade vom Gesundheitsministerium wissenschaftlich geprüft. Und dann können wir erste Handlungsanweisungen vorlegen. Wir werden jede Veranstaltung einzeln prüfen müssen. Denn: den Karneval an sich ganz abzusagen, ist schier unmöglich. Unter Karneval verstehen wir ja auch Kinder, die kostümiert in die Kita kommen. Wir müssen gerade über Veranstaltungsformate nachdenken und uns wirklich mal hinterfragen. Einen Kneipenkarneval, der von Enge und Nähe geprägt ist, können wir uns als Festkomitee gerade nur schwer vorstellen.

          Was ist mit dem Straßenkarneval? Viele sagen ja: Die Sitzungen sollen ruhig ausfallen. Aber nicht der Straßenkarneval! 

          Den Straßenkarneval im Kwartier Latäng, bei dem Zehntausende Jugendliche draußen feiern, mit Getränken vom Kiosk – auch den können wir uns gerade nicht vorstellen. Wir müssen organisierte Gebiete anbieten, damit die Leute nicht unorganisiert feiern. Nur so können wir garantieren, dass die Leute sich an Regeln halten. Es ist eine große Herausforderung, den Straßenkarneval zu kontrollieren. Ich hoffe, dass die Menschen im Straßenkarneval dann auch unter Alkoholeinfluss vernünftig handeln. Einige Wochenendeskapaden in den letzten Monaten haben ja gezeigt, dass das nicht immer so ist. Darüber machen wir uns natürlich auch Gedanken.

          Christoph Kuckelkorn ist der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval.
          Christoph Kuckelkorn ist der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. : Bild: dpa

          Feiern die Leute nicht „heimlich“?

          Das ist die große Sorge. Private Feiern, heimliche Feiern – das sind Szenarien, bei denen es zu Ausbrüchen kommen kann. Da ist auch ein radikales Handeln gefragt. Darum haben wir die Stadtverwaltung aufgefordert, Konzepte vorzulegen. Ob ein Alkoholverbot oder Verweilverbote an bestimmten Orten der Stadt sinnvoll sind, muss dann genau überprüft werden.

          Altweiberfastnacht – und der Heumarkt ist leer, die Zülpicher Straße ist leer. Ist das nicht eine traurige Vorstellung?

          Wenn wir Karneval feiern wollen, sind wir dieses Mal eben mit anderen Voraussetzungen konfrontiert – und werden eben einen anderen Karneval feiern müssen. Im Augenblick nehmen wir bei vielen Menschen auch Zurückhaltung wahr: Sie gehen nur zögerlich zu großen Veranstaltungen, zu Konzerten. Vieles wird vielleicht auch gar nicht so entstehen. Das wird aber die nächste Zeit zeigen.

          Trotzdem: Köln ohne Karneval?

          Ich bin da ganz bei Ihnen. Karneval absagen, das ist ja wie Weihnachten absagen! Man kann vielleicht einzelne Weihnachtsmärkte absagen, aber doch nicht das Fest. Genauso ist es mit dem Karneval. Man kann die Veranstaltungsformate in Frage stellen – aber nicht den Karneval, mit seiner Urkraft aus der Bevölkerung! In der Nachkriegszeit gab es auch irgendwann wieder Rosenmontagszüge. Die Menschen werden sich den Karneval nehmen!

          Viele Nicht-Rheinländer sagen: Na gut, dann fällt es eben einmal aus. Die Leute sollen sich nicht so anstellen. Was würden Sie denen entgegnen? 

          Wenn ich ganz ehrlich bin: Wir spielen mit allen Szenarien. Wir wissen aber genau, dass sich die Bevölkerung nicht daran halten wird. Karneval ist ein Phänomen. Das ist von außen ganz schwer zu beurteilen. Gerade im Rheinland, vor allem hier in Köln, ist diese tiefe Stimmung im Karneval außerordentlich. Die Kraft ist hier immens. Ich glaube, dass viele Menschen nach den letzten Monaten eine Sehnsucht haben nach einer gewissen Normalität. Eine Sehnsucht danach, zusammenzukommen. Eine Sehnsucht, diese problematische Situation, die wirtschaftlichen Sorgen mal auszublenden.

          Dafür ist Karneval gut geeignet.

          Darum sind wir auch zuversichtlich, dass er stattfinden muss – um den Menschen Hoffnung zu geben. Etwas Positives.

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