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Klippenspringerin Anna Bader : Eine Frau will nach unten

Freiburg ist ihre Heimat - Anna Bader in der Altstadt Bild: Daniel Pilar

Anna Bader beherrscht die hohe Kunst des Wassersports – als eine der besten Klippenspringerinnen der Welt. Dabei bezeichnet sie sich selbst als einen „Schisser“. Nun springt sie bei der WM in Kasan.

          Anna Bader sieht ganz klein aus. Es ist ein heißer Sommertag in Barcelona, blendend helles Licht, die Sonne knallt auf die Tribünen am Hafenbecken. Am Ufer erhebt sich ein gewaltiger Stahlgerüstturm, notdürftig mit Werbebannern verkleidet. Auf dessen Spitze, ganz oben, in 20 Meter Höhe, steht Anna Bader. Es ist ihr erster Sprung bei der Weltmeisterschaft. Sie macht ein paar Schritte nach vorne, ans Ende der Plattform. Dreht sich mit dem Rücken zum Wasser, beugt sich nach vorne, stützt sich auf die Hände und führt langsam die gestreckten Beine seitlich nach oben, bis sie sich schließen wie ein Tor. Sie verharrt im Handstand, den Körper unter Hochspannung. Wie eine Kerze ragt sie auf, reglos, wie erstarrt. Sekundenlang. Dann kippt sie in den Abgrund.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Eigentlich“, sagt Anna Bader, „bin ich ja ein Schisser. Weil ich mich so lange und akribisch vorbereite, bis ich mir hundertprozentig sicher sein kann, dass alles klappt. Klar ist da immer ein Risiko, aber ich versuche, alle Risiken auszuschalten. Ich mache diesen Sport jetzt schon so lange, und ich will ihn gern noch ein paar Jahre länger machen.“ Dieser Sport, das ist das Klippenspringen. Ein Sport, der für Außenstehende verrückt aussieht. Klippenspringer stürzen sich aus Höhen hinab, in denen viele schon vom Runterschauen weiche Knie bekommen. In Wettkämpfen wie bei der Weltmeisterschaft 2013 in Barcelona springen die Männer aus 27 Meter, die Frauen aus 20 Meter Höhe. Ein „Schisser“? 20 Meter, das ist so etwa das achte Obergeschoss.

          Der Flug der Klippenspringer dauert zwei bis drei Sekunden. Manchmal sieht es aus, als flögen die Springer dabei wie Spielzeug durch die Luft. Aber das täuscht gewaltig. Alles Zufällige ist daraus verbannt, jede Art von Fehler ist verboten. Eine falsche Bewegung, eine zu spät getroffene Entscheidung, eine winzige Abweichung vom Plan kann verheerende Auswirkungen haben.

          Geschwindigkeit von 80 bis 90 Kilometer pro Stunde

          Klippenspringer beschleunigen bei ihrem Fall schneller als ein Sportwagen. Wenn sie auf das Wasser treffen, tauchen sie mit einer Geschwindigkeit von 80 bis 90 Kilometern pro Stunde ein. Die Kräfte, die dabei auf sie wirken, sind so groß, dass die Athleten nicht wie sonst beim Wasserspringen kopfüber eintauchen - die Belastung für den Körper wäre zu groß. Sie schließen den Sprung mit einem sogenannten Barani ab, einem halben Salto. Die gestreckten Beine voran, die Arme seitlich angelegt, den Körper unter maximaler Spannung haltend, stechen sie kerzengerade ins Wasser wie ein Messer.

          Angst? So würde Anna Bader das nicht sagen. Wenn sie erzählt, was sich vor einem Sprung innerlich abspielt, klingt das weder pathetisch noch überheblich oder kokett. Es klingt ganz normal. Keine raunende Beschwörung der Gefahren, wie sie in vielen Extremsportarten heute zum guten Ton gehört. „Nach dem Winter“, sagt sie, „wenn ich viel drinnen trainiert habe und zum ersten Mal wieder in der Höhe bin, ist es schon ein komisches Gefühl. Oder wenn man neue Sprünge einübt. Da hat man schon immer Respekt. Aber das ist auch ein Schutzmechanismus. Damit man nichts auf die leichte Schulter nimmt.“ Einmal hat sie einen Sprung aus 21 Metern überdreht, das war 2006, bei einem Wettkampf in China. Sie verletzte sich am Steißbein. „Das hat schon ein bisschen länger weh getan.“ Sonst nur: blaue Flecken, ein paar Kratzer.

          Sie weiß, wie sie ihren Körper fit hält, sie kennt die Schwachstellen: unterer Rücken, Knie, Adduktoren. „Ich habe ungefähr 2000 Übungen, die ich dafür mache.“ Sie erhält Tipps von erstklassigen Physiotherapeuten. „Die meisten Verletzungen passieren bei Leuten, die das unterschätzen, die im Urlaub einen hinter die Binde schütten, irgendwo runterspringen und ungünstig landen. Oder die nicht schauen, ob das Wasser tief genug ist.“ Wer professionell von Klippen und Türmen springt, wer dabei zu den Besten der Welt zählt, der weiß, was er tut.

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