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Klippenspringerin Anna Bader : Eine Frau will nach unten

„Es ist der erste Handstandsprung, den wir heute sehen“, sagt der Kommentator vor Anna Baders Sprung in Barcelona. „Ein schöner Sprung, er fließt einfach so dahin - wenn sie ihn richtig hinbekommt.“ Das tut sie. Mit gestrecktem Körper segelt Anna Bader durch die Luft, eineinhalb Salti, dann schießt sie in perfekter Haltung ins Hafenbecken. Sie hinterlässt nicht mehr als ein paar Spritzer und ein Blubbern. Die Sicherheitstaucher eilen heran, wie immer, da taucht Anna Bader schon wieder auf, lacht, gibt den Tauchern das Handzeichen: alles okay. Der Kommentator ist verzückt. „Wunderbarer Sprung, absolut wunderbar.“ Zwei Durchgänge stehen noch aus bei der WM, aber als die Wertungspunkte für den ersten Sprung bekanntgegeben werden, da steht hinter dem Namen Anna Bader: Rang eins.

Was geht vor in einem Menschen, der sich aus 20 Meter Höhe ins Wasser stürzt? Sich dabei dreht, windet, überschlägt? Alles Konzentrationssache? Oder ist da doch ein Gefühl des Fliegens, für wenige Augenblicke? „Es gibt Sprünge“, sagt Anna Bader, „die ich total genieße. Weil ich sie schon so lange mache und kann, keine Angst mehr habe. Dann genieße ich auch vorher die Aussicht und den Flug.“ Läuft alles perfekt, ist so ein Sprung wie ein Ausflug in die Schwerelosigkeit.

„Ich bin da ganz methodisch“

Klippenspringen verlangt nicht nur Mut, sondern auch Körperbeherrschung, Kraft, Präzision. „Ich bin da wie reingeboren, reingewachsen“, sagt Anna Bader. Sie fing früh an mit Turnen, ihre Mutter Angelika Kern war als Turnerin zweimal bei Olympia gewesen, 1968 in Mexiko und 1972 in München. Dazu kam die Lust am Springen, erst von Bäumen in den Baggersee, dann vom Sprungturm ins Becken. Mit 16 stand sie im B-Kader der Nationalmannschaft. Irgendwann fragte sie ein Springerkollege aus Luxemburg, ob sie nicht Lust habe, bei der Europameisterschaft der Klippenspringer mitzumachen. Sie hatte. Fuhr in die Schweiz und wurde Europameisterin. Das war 2005. Anna Bader hatte ihren Sport gefunden.

Sie arbeitete sich nach oben, buchstäblich, über Jahre. „Ich bin da ganz methodisch“, sagt sie. „Kann man sich nicht vorstellen, ist aber so.“ Sie sprang aus 13 Metern, dann aus 15. „Und dann habe ich gedacht, wenn ich einmal bei der EM alle Sprünge wie die Männer aus 20 Metern machen kann, das wär' ein Traum.“ Früher waren bei Wettkämpfen wie der EM kaum Frauen am Start, die siebenfache Europameisterin Anna Bader hatte bei ihren Titelgewinnen mal drei Konkurrentinnen, mal nur eine. "Jetzt sieht man, dass da auch Frauen springen, jetzt geht die Entwicklung bei anderen schneller voran."

Juli 2013 in Ponte Brolla in der Schweiz: Anna Bader bei der Europameisterschaft der Klippenspringer Bilderstrecke
Juli 2013 in Ponte Brolla in der Schweiz: Anna Bader bei der Europameisterschaft der Klippenspringer :

2013 in Barcelona wurde erstmals ein Weltmeister-Titel im Klippenspringen vergeben. Ihre Sprünge dort zählten zu den schwierigsten überhaupt. Heute haben andere aufgeholt, zeigen dieselben Sprünge in ähnlicher Qualität. Und sie muss sich wieder was Neues ausdenken. „Der Schwierigkeitsgrad ist krass gestiegen.“

Für Anna Bader ist Klippenspringen aber mehr als Punkte, Platzierungen, Medaillen. Sie liebt den Lebensstil, die Atmosphäre, die weniger verbissen ist als im klassischen Wettkampfsport. Freier, abenteuerlicher, ungebundener. Und sie liebt die artistische Seite, das künstlerische Element. Drei Jahre lang ist sie in Macau in der größten Wassershow der Welt aufgetreten, „The House of Dancing Water“, entworfen von Franco Dragone, der 13 Jahre lang der kreative Kopf des Cirque du Soleil war, ehe er begann, auf eigene Faust zu arbeiten. In „The House of Dancing Water“ wirken fast 100 Künstler mit, es gibt verblüffende Effekte und atemraubende Tanz- und Akrobatikakte, es ist ein Kunstwerk aus Bewegung, Licht, Musik, Kostümen, Bühnentechnik. „Wenn man Artist ist, will man dort arbeiten“, sagt Anna Bader. „Es ist immer ein Traum von mir gewesen, zum Zirkus zu gehen.“ Für die Show wurde eigens ein Theater für 2000 Zuschauer entworfen, als Teil eines gewaltigen Unterhaltungszentrums. Sein Name: „City of Dreams“.

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