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Klinsmann und Kretschmann : „Der Dialekt ist eine mobile Heimat“

Jürgen Klinsmann und Winfried Kretschmann in Stuttgart auf der Bühne Bild: dpa

Jürgen Klinsmann und Winfried Kretschmann diskutieren über Heimat, die Welt und den Fußball. Am Ende ringt sich der ehemalige Fußball-Bundestrainer noch zu einer sportpolitischen Botschaft durch – es geht um seine alte Heimat.

          Der eine lebt im kalifornischen Newport Beach und ist Global Player, der andere kommt aus dem hohenzollerischen Laiz bei Sigmaringen und nennt sich selbst Provinzpolitiker. Jürgen Klinsmann und Winfried Kretschmann. In Kalifornien trafen sich der frühere Fußballnationaltrainer und der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg im vergangenen Jahr, als Kretschmann das Silicon Valley erkundete, am Montagabend sitzen sie auf der Bühne des vor der Insolvenz stehenden Stuttgarter Theaterhauses. „Kehrwoche in Kalifornien“ ist das Motto des Abends.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es soll um das unterschiedliche Verständnis von Heimat gehen. Die Einspielfilme des schwäbischen Kabarettisten Dodokey fallen aus. Die Technik versagt. Also wird sofort debattiert. Der Saal ist ausverkauft. Der 70 Jahre alte Kretschmann sagt: „Wenn ich nach Kalifornien komme und jemand sagt ,die, wo', fühle ich mich zu Hause. Der Dialekt ist eine mobile Heimat.“ Der 54 Jahre alte Klinsmann sagt: „Die wichtigsten Bezugspersonen sind die Familienmitglieder. Meine Mutter lebt in Stuttgart-Botnang. Meine Frau und die Kinder in Kalifornien. Deshalb habe ich ein Gefühl für Heimat gar nicht entwickelt.“ Wenn überhaupt sei für ihn der Fußballverein VfB Stuttgart Heimat, ansonsten sei das nur eine „Gefühlswelt“.

          Der Heimatbegriff als Klammer

          Kretschmann dagegen benutzt den Heimatbegriff als Klammer und packt alle politischen Grundüberzeugungen hinein, die sich auch in seinen Interviews immer wieder finden: Der Klimawandel dürfe die Heimat nicht zerstören. Anders als die AfD glaube, könne man nichts bewahren, wenn man nichts verändere. „Selbst wenn man den Diesel erhalten will, muss man ihn ändern.“ Klinsmann sagt, dass sich die Kultur in Kalifornien am Morgen orientiere. „Dort heißt es, werde Bäcker, geh' ins IT-Business. Beheimate Dich selbst.“ Heimat sei dort, wo man „verstehe und verstanden“ werde, ergänzt Kretschmann: „Wenn ich ,Take Five' von Dave Brubeck höre, fühle ich mich beheimatet, weil mein Bruder in meiner Kindheit mal ein Grammophon angeschleppt hat. Aber was hat das mit meinem schwäbischen Dorf zu tun – nichts.“

          Die Grünen und insbesondere Kretschmann haben den Begriff Heimat schon seit zehn Jahren besetzt. Auch wenn sie den Begriff historisch kritisch reflektieren, ihn auch, wie Kretschmann sagt, vom Kitsch befreien wollen, ist er für die Partei ein Schlüssel, um im konservativen Bürgertum für grüne Politik zu werben. Kretschmann versteht es, politische Aussagen in eine banale Sprache zu verpacken. Das macht ihn so erfolgreich. „Wenn man Kinder hat, muss man früher ins Bett gehen. Das ist doch ganz banal. Alles wandelt sich – immer.“

          Er nutzt den Abend, um ein paar allgemeine politische Botschaften los zu werden: Er begeistert sich für die amerikanische Risikokapital-Kultur, sieht in der Künstlichen Intelligenz eine große Zukunft, fragt, über welchen Kitt eine Gesellschaft verfüge, verlangt von Demokraten, dass sie zivilisiert streiten, bezieht sich mal auf Karl Jaspers, mal auf Immanuel Kant. „Der Fußball ist in Sachen Globalisierung ja top, denn dort gibt es auf der Welt überall die gleichen Regeln. Das hat die Politik noch nicht erreicht. Und davon hätte Kant doch geträumt.“

          Der immer noch jungenhafte, freundliche Klinsmann wirkt, also ob er er dem Ministerpräsidenten mit seiner Anwesenheit in Stuttgart einen Gefallen tun wolle. Zur Neuorganisation des deutschen Fußballkaders, dem Vorgehen seines badischen Kollegen Jogi Löw sagt er lieber nichts. Am Ende des Abends ringt sich Klinsmann dann doch noch zu einer sportpolitischen Botschaft durch – bezogen auf seine alte Heimat. Zum Ausscheiden Guido Buchwalds aus dem VfB-Aufsichtsrat sagt er: „Das ist der verdienteste Spieler in der Geschichte des VfB. Das hat mich getroffen.“

          Buchwald war nach einem Konflikt mit dem Daimler Personal-Vorstand und VfB-Vorstandsmitglied Wolfgang Porth aus dem Gremium ausgeschieden. Dafür bekommt der frühere Bundestrainer und Stürmer so viel Beifall, wie der grüne Ministerpräsident für seine Kritik an der politisch überkorrekten Diskussion über die Karnevalsscherze der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer: „Wir sollten keine Debatten führen, bei denen sich jeder an den Kopf fasst.“

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