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Hilfe für Suchtkranke : „Dass man zur Therapie gedrängt wird, ist okay“

Jan Ullrich ist Medienberichten zufolge in einer hessischen Entzugsklinik (Foto von 2017) Bild: EPA

Jan Ullrich soll im Drogenentzug in Hessen sein. Christian Muhl, Direktor der Salus Klinik in Friedberg, erklärt im Interview, worauf es bei einer Suchttherapie ankommt, welche Rolle das Umfeld spielt – und welche Phase am kritischsten ist.

          Herr Muhl, in Ihrer Klinik in Friedberg werden seit mehr als 20 Jahren Drogensüchtige therapiert. Auf welchem Weg kommen Süchtige zu Ihnen?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die meisten Patienten haben über eine Suchtberatungsstelle einen Reha-Antrag gestellt. Zu uns kommen sie dann zum Aufnahmetermin entweder von zu Hause oder aus einer Entgiftung. Es gibt spezielle Entgiftungsstationen in Psychiatrien, dort geht es um den Entzug der Substanz aus dem Körper unter medizinischer Aufsicht. Je nachdem, welche Substanz man genommen hat, treten beim Entzug entsprechende Entzugserscheinungen auf, die mitunter lebensgefährlich sein können. Deshalb ist eine kontinuierliche ärztliche Überwachung notwendig.

          Wie lange dauert die Entgiftung?

          Das hängt von der Substanz und vom individuellen Verlauf ab. Aber als groben Richtwert kann man sagen: Zwei bis vier Wochen. Die Leute werden körperlich und psychisch aufgebaut. Es werden oft auch motivierende oder therapievorbereitende Gruppen veranstaltet. Unsere Mitarbeiter und ich gehen regelmäßig in verschiedene  Entgiftungsstationen und informieren über die stationäre Suchttherapie und darüber, was wir hier so tun.

          Was passiert bei Ihnen?

          Eingangsvoraussetzung ist, dass der Patient clean zur Aufnahme kommt. Das stellen wir über einen Drogentest und eine Atemalkoholkontrolle bei der medizinischen Aufnahme fest. Im folgenden Aufnahmegespräch geht es dann um die jetzige Situation des Patienten, seine bisherige Suchtentwicklung und seine körperlichen und psychischen Leiden. Die meisten Patienten haben nicht nur eine Suchtstörung, sondern oft noch eine weitere psychische Erkrankung. Anschließend lernt der Patient seine Bezugsgruppe kennen. Wir haben eine Gruppe ausschließlich für Patienten, die jünger als 25 Jahre alt sind, sowie eine Gruppe für ältere Patienten ab 45 Jahren. Jede Gruppe hat einen Bezugstherapeuten oder eine Bezugstherapeutin. Diese führt ein Aufnahmegespräch mit dem Patienten, in dem es darum geht, die therapeutische Beziehung aufzubauen und dem Patienten das Ankommen zu erleichtern. Dabei wird er auch über die Hausordnung informiert und unterschreibt den Therapievertrag. Dieser enthält therapierelevante Vereinbarungen, zum Beispiel, dass der Patient auf den Konsum jeglicher Drogen während der Behandlung verzichtet.

          Direktor Christian Muhl: Die Salus Klinik Friedberg ist eine stationäre Rehabilitationsklinik für Patienten, die von illegalen Drogen abhängig sind.

          Wie läuft die Therapie ab?

          Bei uns kommen die Bezugsgruppen dreimal in der Woche für 90 Minuten mit ihrem Therapeuten zusammen, und erarbeiten suchtspezifische Themen und andere damit in Zusammenhang stehende persönliche Probleme. Jeder Patient stellt sich zum Beispiel mit einer persönlichen Darstellung seines Suchtverlaufs in der Gruppe vor: Wann hat es angefangen mit den Drogen, welche Lebensereignisse haben mich beeinflusst? Die Patienten sollen sich gegenseitig helfen. Es ist gut, wenn das Selbstbild von außen hinterfragt wird oder Risikosituationen aufgezeigt werden, in denen es zur Rückfällen kommen kann, die der Patient selbst so noch gar nicht erkannt hat. Es geht natürlich auch darum, wie ich mit dem Verlangen nach einer Substanz umgehe. Ganz wichtig für unsere Patienten ist der Umgang mit Emotionen, weil Substanzen oft zur Veränderung von Emotionen genutzt werden. Die Patienten sollen lernen: Was sind Emotionen, welche Bedeutung haben sie für mich, wie kann ich mit ihnen umgehen? Wenn Patienten neben ihrer Abhängigkeit unter psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel einer Depression oder ADHS leiden, werden sie von uns in entsprechenden sogenannten Indikativgruppen zusätzlich behandelt. Wichtig ist aber auch die Einzelbehandlung. In der Regel einmal pro Woche haben die Patienten die Gelegenheit, nur mit ihrem Therapeuten bestimmte Probleme noch mal intensiver zu besprechen. Vor allem Traumata werden eher dort angesprochen.

          Gibt es kritische Punkte im Verlauf der Therapie, an denen Patienten oft abbrechen?

          Der erste Behandlungsmonat ist der Kritischste. Deswegen informieren wir die Patienten gerade in den ersten zwei Wochen über das Behandlungsangebot. Es geht darum, den Patienten möglichst schnell zu vermitteln, wie ihnen die Therapie helfen kann und was sie dazu beitragen müssen. Gerade wer zum ersten Mal in stationäre Behandlung kommt, muss dieses Setting erst kennenlernen. Da ist es besonders schwer, sich fremden Leuten gegenüber zu öffnen und über Probleme zu sprechen, die man vielleicht seit Jahren verdrängt hat.

          Ist es ein Problem, wenn man nicht freiwillig, sondern auf Druck von außen in Therapie geht?

          Oft ist das schwer zu trennen, es ist ein fließender Prozess. Vielen unserer Patienten war schon relativ schnell bewusst, dass sie ein Problem haben. Aber zwischen Beginn des problematischen Konsums und einer Therapie vergehen oft zehn bis fünfzehn Jahre. Unter Umständen hat die Angst, damit aufzuhören und sich den Problemen zu stellen, sie nur lange davon abgehalten, Hilfe zu suchen. Die grundlegende Voraussetzung dafür, dass eine Therapie Erfolg haben kann, ist ein ausreichend ausgebildetes Problembewusstsein. Mir muss klar sein, dass ich Hilfe von außen brauche. Ein Drogentherapie dauert in der Regel bis zu einem halben Jahr. Und so lange in einer Klinik zu sein, das muss man wollen. Es kommt vor, dass sich die Leute eher von außen zur Therapie gedrängt fühlen, sei es von der Familie oder der Justiz. Aber das ist okay. An der Motivation wird in der Therapie gearbeitet. Kaum einer sagt: Super, ich höre jetzt auf! Das ist immer eine ambivalente Geschichte.

          Wie gehen Sie mit dem sozialen Umfeld der Patienten um?

          Das ist ein wichtiges Thema. Man muss unterscheiden zwischen negativen Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls erhöhen und positiven sozialen Ressourcen, die noch da sind und gestärkt werden müssen. Eine wichtige Entscheidung kann für den Patienten sein: Ich will mich von den Freunden, mit denen ich bisher konsumiert habe, distanzieren, und ziehe vielleicht in ein anderes Bundesland. Bei den positiven sozialen Kontakten geht es darum, sie darüber zu informieren, wie sie mit dem Thema Sucht umgehen können und Vertrauen beidseitig wieder aufzubauen. Die Behandlung der Sucht hat nicht das ausschließliche Ziel, dass der Patient nie wieder etwas konsumiert. Sondern es geht im Kern darum, die Abstinenzfähigkeit zu stärken. Dazu gehört, dass man dazu in der Lage ist, nach einem Rückfall möglichst schnell wieder den Konsum zu stoppen. Und zu diesem Plan gehören fast immer wichtige Bezugspersonen, an die ich mich im Ernstfall wenden kann. Deswegen müssen Angehörige, die oft die ganze Suchtgeschichte mitbekommen haben, aufgeklärt werden, dass ein Rückfall passieren kann und damit nicht die ganze Therapie gescheitert ist. Der Patient braucht die Gewissheit, dass er nicht fallen gelassen wird. Und das Umfeld braucht die Gewissheit, dass er weiß, was ihm in dieser Situation hilft und dies auch umsetzt. Besonders wichtig ist außerdem die Frage: Wie geht es nach der Therapie beruflich weiter? Eine sinnerfüllte Tätigkeit kann ein sehr wichtiger stabilisierender Faktor sein.

          Wie ist das mit Ausgang und Besuchsrechten während des Aufenthaltes bei Ihnen?

          Bei uns hat ein Patient nicht sofort Ausgang, er bekommt ihn stufenweise. Gerade in der kritischen Anfangsphase wollen wir dem Patienten die Möglichkeit geben, sich voll auf die Therapie einzulassen. Im zweiten Monat können die Patienten in der therapiefreien Zeit bis zum Abendessen in den Ausgang, im dritten Monat bis 23 Uhr. Besuch dürfen die Patienten bekommen, Handys und soziale Medien dürfen genutzt werden. Der Patient ist selbst letztlich dafür verantwortlich, mit wem er Kontakt hält. Wir sprechen kritische Kontakte an, machen uns ein Bild über sein soziales Umfeld und helfen bei der Veränderung. Aber jeder entscheidet selbst, ob er die alten Drogenkumpels aus seiner Telefonliste löscht oder nicht. Wir schreiten allerdings ein, wenn Patienten Besuch von Leuten haben, die unter Drogen stehen oder sehr szenenah sind. Das ist auch zum Schutz der anderen Patienten nötig.

          Wie viel Prozent schließen die Therapie regulär ab?

          Zwischen 50 und 60 Prozent. Etwa 20 Prozent brechen die Therapie vorzeitig ab. Beim Rest beenden wir die Behandlung von unserer Seite, weil gegen grundlegende Therapiebedingungen verstoßen wurde oder ein ausreichender Behandlungserfolg nicht zu erwarten ist.

          Wie rechtfertigt man das, wenn Rückfälle doch dazugehören?

          Wir arbeiten auch mit Rückfällen, das ist für uns kein Grund, die Therapie zu beenden. Wir haben aber die Verantwortung für jeden unserer Patienten. Wenn zum Beispiel Drogen in der Klinik konsumiert wurden, gefährdet dies andere Patienten, schon alleine weil unsere Patienten in Doppelzimmern wohnen. Wer verantwortungsvoll mit einem Rückfall umgeht und uns von sich aus informiert, dass er rückfällig geworden ist, mit dem können wir mit einer angepassten Therapie weiterarbeiten. Wenn ein Patient nicht mit uns darüber spricht, wird es schwierig.

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