https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/klimaaktivistin-luisa-neubauer-ueber-ihren-neuen-podcast-17040532.html

Luisa Neubauer im Interview : „Wir brechen männlich dominierte Erfolgsgeschichten auf“

Der Generationenkonflikt ist ein unbeabsichtigter Beifang. In dem Augenblick, in dem wir sagen: “Hey, was ihre gerade macht, gefährdet unsere Zukunft”, und: “Hey, das, was ihr in den letzten 30 Jahren gemacht habt, hat uns in diese Lage gebracht”, stellen wir, ohne dass es jemand beabsichtigt, die Lebensleistung einiger Generationenvertreter in Frage. Nicht direkt von der arbeitenden Gesellschaft, aber zum Beispiel von Spitzenpolitikern, die die Klimakrise sehr erfolgreich ignoriert und so getan haben, als sei sie ein Problem, das wir erst 2040 lösen müssten. Wir brechen unweigerlich männlich dominierte Erfolgsgeschichten auf. Die erste Reaktion von jedem Parlamentarier oder Ministerpräsidenten, mit dem ich spreche, ist: „Wir haben uns ja damals auch engagiert.“ Oder: „In deinem Alter war ich in der Friedensbewegung aktiv.” Es scheint wie ein Versuch, zu zeigen: Wir haben uns gekümmert. Obwohl alle wissen, dass das nicht in dem Maße passiert ist, wie es nötig gewesen wäre. Daraus entstehen Konflikte, die eigentlich keine sein müssen. Unser Appell ist ja: Macht es jetzt anders. In meinem Podcast will ich schauen: Wie sähe ein vernünftiger Dialog zwischen den Generationen aus? Dafür habe ich mir auch einen Boomer eingeladen.  

Luisa Neubauer mit Greta Thunberg nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im August
Luisa Neubauer mit Greta Thunberg nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im August : Bild: AP

„1,5, Grad“ kann man nur bei Spotify hören. Inwiefern passt es zu Aktivismus, sich gezielt an ein Unternehmen zu binden? 

Ich habe den Eindruck: Sehr viele Leute haben eine klare Meinung dazu, was ich darf und was ich nicht darf. Ich habe mich aber gefragt, wie ich Menschen erreichen kann. Wenn man mit dem Anspruch, die Klimakrise möglichst zugänglich zu machen, an so ein Projekt wie „1,5 Grad“ herangeht, landet man schnell bei Plattformen wie Spotify. Ich bin mit klaren Ansprüchen an Spotify herangetreten: Dass mein Podcast werbefrei ist, dass er klimaneutral ist und dass ich kein Geld dafür bekomme. Hätte ich ein Honorar gekriegt, hätte mich das in Konflikte bringen können.  

Wäre es aber nicht sinnvoller, den Podcast bei vielen Plattformen verfügbar zu machen anstatt nur für Nutzer von Spotify? 

Spotify bietet eine Infrastruktur, das war wichtig für mich. Ich habe ja auch mein Buch letztes Jahr nicht selbst veröffentlicht, sondern mich entschieden: Das läuft über einen Verlag, weil dort Infrastruktur bereit steht.  

War „1,5 Grad“ Ihre Idee oder ist Spotify auf Sie zugekommen? 

Ich wurde oft gefragt, ob ich mir vorstellen kann, einen Podcast zu machen, aber es hat sich nie richtig angefühlt. Ich habe lange gehadert und ehrlicherweise auch gehofft, dass doch noch ein Format kommt, dass einen Podcast wie „1,5 Grad“ überflüssig machen würde. Das ist nicht passiert.

Sie stellen sich in Ihrem Podcast als Klimagerechtigkeitsaktivistin vor. Was heißt das? 

Die Klimakrise ist eine Gerechtigkeitskrise. Sie ist ungerecht, weil sie Frauen mehr betrifft als Männer, und sie ist ungerecht, weil Menschen im globalen Süden schon heute viel krasser unter ihr leiden als wir das tun, obwohl wir im globalen Norden mehr Verantwortung tragen. Das geht bis auf die lokale Ebene: Welche Menschen können es sich leisten, von dreckigen Straßen wegzuziehen, rein ins Grüne? Das sind die, die es sich auch leisten können, weiter weg in den Urlaub zu fliegen. Die Klimakrise ist ein Resultat von Ungerechtigkeit und produziert weitere Ungerechtigkeiten. Letztendlich geht es mir nicht um das Klima per se, das Klima will be fine – es geht um uns Menschen, und darum, dass die Welt heute schon für viele unerträglich ist. 

Das klingt wenig optimistisch.  

Die Klimakrise ist ungerecht, aber das muss nicht so bleiben. Wir können eine gerechtere Zukunft für alle ermöglichen. Das ist meine Motivation. Ich befürchte manchmal, Menschen, die nicht so viel über die Klimakrise wissen, denken, dass ich aus einer Grundaggression gegen Autos oder Männer heraus agiere – das stimmt natürlich nicht.

Luisa Neubauers Podcast „1,5 Grad“ ist ab 10. November nur auf Spotify zu hören. In 12 Folgen, die jeden zweiten Dienstag erscheinen, soll es in der ersten Staffel um Ursachen und Folgen des Klimawandels sowie um mögliche Lösungen gehen.

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