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Vorabdruck aus Thunberg-Buch : Diese Thunbergs

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Bild einer Familie: Beata und Greta, Mutter Malena, Vater Svante und der Golden Retriever Moses. Bild: Thunberg /Ernman

Da ist die Klimaaktivistin Greta, und da ist die Tochter Greta. In einem gemeinsamen Buch gibt die Familie, angeführt von Mutter Malena, jetzt Einblicke in ihren außergewöhnlichen Alltag zwischen besonderer Begabung und Essstörung.

          9 Min.

          An einem Abend hocken Svante und ich zu Hause in Stockholm im Badezimmer auf dem Fußboden. Es ist spät, die Kinder schlafen. Rings um uns bricht alles zusammen.

          Greta ist gerade in die fünfte Klasse gekommen, und es geht ihr nicht gut. Sie weint, wenn sie abends im Bett liegt. Sie weint auf dem Weg zur Schule. Sie weint im Unterricht und in den Pausen, und ihre Lehrer rufen fast täglich an. Svante muss sie nach Hause holen. Nach Hause zu Moses, unserem Golden Retriever, denn nur Moses hilft.

          Greta sitzt stundenlang neben ihm und streichelt ihm über das Fell. Wir versuchen alles, was in unserer Macht steht, doch ohne Erfolg. Unsere Tochter verschwindet in eine Art Dunkelheit und hört quasi auf zu funktionieren. Sie hört auf, Klavier zu spielen. Sie hört auf zu lachen. Sie hört auf zu reden. Und. Sie hört auf zu essen. Wir sitzen auf den kalten Fliesen und wissen genau, was wir tun werden. Wir werden alles tun. Wir werden alles ändern. Wir werden Greta zurückholen, was auch immer es kostet.

          Frühstück: 1/3 Banane. Zeit: 53 Minuten. An der Wand hängt ein weißer DIN-A3-Bogen, auf dem wir notieren, was Greta isst und wie viel Zeit sie dafür benötigt. Es ist nicht viel. Und es geht nicht schnell. Aber in der Notaufnahme des Stockholmer Zentrums für Essstörungen sagte man uns, dass diese Methode auf lange Sicht häufig Erfolg brächte. Man schreibt jede einzelne Mahlzeit auf und erstellt eine Liste der Lebensmittel, die man essen kann, die man vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt essen kann und die man essen können möchte. Die Liste ist kurz: Reis, Avocado, Gnocchi.

          Es ist Dienstag, der 8. November, und wir befinden uns irgendwo zwischen Kungsholms Strand und dem Abgrund. In fünf Minuten fängt die Schule an. Aber Greta geht heute nicht zur Schule. Sie wird diese Woche überhaupt nicht zur Schule gehen. Gestern bekamen Svante und ich wieder eine E-Mail von der Schulleitung, die ihre „Besorgnis“ über Gretas mangelnde Anwesenheit bekundete, obwohl Ärzte und Psychologen der Schule wiederholt ihre Situation schilderten.

          Erneut erkläre ich die Lage, in der wir uns befinden, und erhalte als Antwort eine E-Mail, in der die Schule ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, Greta werde am Montag wie üblich zum Unterricht kommen, damit wir dieses Problem lösen können. Aber Greta wird am Montag nicht zum Unterricht kommen. Greta hat vor zwei Monaten aufgehört zu essen, und wenn keine dramatische Veränderung eintritt, wird sie nächste Woche ins Sachsska- Kinderkrankenhaus eingewiesen.

          Jeder kleinste Bissen hilft

          Das Mittagessen nehmen wir auf dem Sofa vor dem Fernseher ein und schauen dabei Once upon a time – Es war einmal auf DVD. Die Serie hat mehrere Staffeln, und jede Staffel umfasst ungefähr ein halbes geologisches Zeitalter. Das passt uns gut. Wir benötigen Dekaden an Zeit, um unsere Mahlzeiten zu bewältigen.

          Svante kocht Gnocchi, kleine Kartoffelklößchen, die wie Rugbybälle geformt und groß wie Bonbons sind. Es ist unheimlich wichtig, dass die Gnocchi die richtige Konsistenz haben, sonst kann Greta sie nicht essen. Wir legen sie abgezählt auf den Teller. Die Anzahl ist ein Drahtseilakt; nehmen wir zu viele, isst unsere Tochter nichts, nehmen wir zu wenige, isst sie nicht genug. Natürlich ist alles, was Greta isst, nicht genug, aber jeder kleinste Bissen hilft, und nichts darf verschwendet werden.

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