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Vorabdruck aus Thunberg-Buch : Diese Thunbergs

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„Er sagt, wir Menschen wären diejenigen, die es uns eingebrockt haben, aber das ist nicht wahr. Ich bin ein Mensch, und ich habe uns nichts eingebrockt. Beata hat uns auch nichts eingebrockt und du oder Papa auch nicht.“, „Nein, du hast recht.“, „Er sagt das nur, damit wir so weitermachen wie immer, denn wenn alle schuld sind, ist niemand schuld. Aber irgendjemand muss schuld sein, also stimmt es nicht, was er sagt. Es gibt doch nur ein paar hundert Firmen, die für den gesamten CO2-Ausstoß stehen. Und es gibt nur sehr wenige extrem reiche Männer, die Tausende Milliarden dadurch verdient haben, den ganzen Planeten zu zerstören, obwohl ihnen die Risiken bekannt waren. Also lügt der Ministerpräsident, genau wie alle anderen.“ Greta seufzt.

„Nicht alle haben es uns eingebrockt, sondern nur ein paar wenige, und um den Planeten zu retten, müssen wir den Kampf gegen sie und ihre Firmen und ihr Geld aufnehmen und sie zur Verantwortung ziehen.“

„Neuer Rekord!“ Es ist Samstagmorgen, und Greta kommt in die Küche, fröhlich winkend mit einem DIN-A4-Papier voller Zahlen und Spalten. „Über ein Prozent dreht sich um Umwelt oder Klima. Das meiste sind natürlich kleine Notizen oder alte Texte, die noch herumlagen, aber trotzdem.“ Alles fing mit dem Kommentar eines Bekannten an, dass er es bald nicht mehr ertragen könne, Zeitung zu lesen, weil die ganze Zeit so viele schreckliche Dinge darin stünden: „Immer nur eine Krise nach der anderen. Krieg, Trump, Gewalt, Kriminalität und das Klima.“

Wie viele Artikel über Klima und Umwelt gibt es?

Greta fand sich in dieser Art, die Wirklichkeit zu beschreiben, so gar nicht wieder, aber es gab viele, die das Gleiche sagten: dass so viel Schlimmes über das Klima zu lesen sei. Unsere Tochter fand hingegen, dass fast nie irgendetwas über die Umwelt und Nachhaltigkeit geschrieben wurde. Sie entschloss sich deshalb, nachzuprüfen, wie es wirklich um die Berichterstattung stand. Sie fing damit an, regelmäßig durchzuzählen, was die vier größten Tageszeitungen auf ihren Nachrichtenseiten schrieben – und was sie ausließen. Wie viele Artikel über Klima und Umwelt gab es? Und wie viele kreisten um Dinge, die dem Thema genau entgegengesetzt waren, wie etwa Flugreisen, Shopping oder Autos? Das Ergebnis war im Großen und Ganzen jedes Mal gleich: Klima und Umwelt bewegten sich zwischen 0,3 und 1,4 Prozent, während die anderen Themen auf deutlich höhere Zahlen kamen.

Als eine der größten Zeitungen Schwedens sich zum Ziel setzte, das Klima ins Zentrum ihrer Berichterstattung zu stellen, so dass es die gesamte Redaktion durchdrang, wie es hieß, verfolgte Greta ihre Berichterstattung fünf Wochen am Stück. Das Ergebnis war nicht besonders beeindruckend. Shopping zweiundzwanzig Prozent, Autos sieben Prozent, Flugreisen elf Prozent. Und die Klimafrage 0,7 Prozent. Jedes Mal, wenn sie es nachprüfte, waren die Ergebnisse weitgehend identisch, egal, um welche Zeitung es sich handelte. Greta ist jemand, die nichts aus dem Auge verliert, was sie wichtig findet, also sehen wir jeden Morgen mit ihr zusammen die Titelseiten aller Zeitungen im Internet durch.

„Wenn das Thema Klima zusammengerechnet die größte Nachricht ist, werde ich das rot im Kalender anstreichen“, sagt sie. Doch dazu ist es bis heute nicht gekommen. Und wir prüfen es jetzt seit zwei Jahren nach.

Die Auszüge stammen aus:

Greta & Svante Thunberg, Beata & Malena Ernman, „Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima“;

aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann, Gesa Kunter und Stefan Pluschkat;

256 Seiten, 18 Euro; das Buch erscheint am 30. April.

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH

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