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Vorabdruck aus Thunberg-Buch : Diese Thunbergs

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Greta sortiert die Gnocchi. Sie dreht sie hin und her. Sie drückt auf ihnen herum. Und dann fängt sie wieder von vorne an. Nach zwanzig Minuten beginnt sie zu essen. Sie lutscht und kaut winzig kleine Bissen. Es geht langsam. Eine Folge ist zu Ende. Neununddreißig Minuten. Wir beginnen mit der nächsten und notieren verschiedene Zwischenzeiten. Die Anzahl Bissen pro Folge. Aber wir sagen nichts. „Ich bin satt“, verkündet Greta plötzlich. „Ich kann nicht mehr.“

Svante und ich sehen uns nicht an. Wir dürfen uns unsere Verzweiflung nicht anmerken lassen. Wir haben begriffen, dass nur das funktioniert. Wir haben andere Taktiken probiert. Alle nur denkbaren Methoden. Wir haben es mit Strenge versucht. Wir haben geschrien, gelacht, gedroht, gefleht, gebettelt, geweint und uns alle möglichen Bestechungen ausgedacht, die unsere Phantasie ersinnen konnte. Aber dieser Weg scheint am besten zu funktionieren. Svante geht zu dem DIN-A3-Bogen an der Wand und notiert: Mittagessen: 5 Gnocchi. Zeit: 2 Stunden und 10 Minuten.

Greta ist klug. Sie besitzt ein photographisches Gedächtnis und kann zum Beispiel alle Hauptstädte der Welt aufsagen. Wenn ich frage: „Kerguelen?“, antwortet sie: „Port-aux-Français.“ „Sri Lanka?“ „Sri Jayawardenapura Kotte.“ Und wenn ich „Rückwärts?“ sage, kommt ihre Antwort genauso schnell, nur rückwärts. Svante, der als Kind Flugpläne auswendig gelernt hat, behauptet immer, sie sei eine bessere Ausgabe von ihm. Greta kann in weniger als einer Minute alle Elemente des Periodensystems aufzählen, aber es ärgert sie, dass sie nicht weiß, wie man einige von ihnen ausspricht.

Die Müllinsel ist schnell wieder vergessen

Es gibt eine Lehrerin, die Greta in ihrer Freizeit unterrichtet. Zwei Stunden in der Woche, in Pausen und Springstunden, in der Schulbibliothek. Heimlich. Das genügt, damit Greta alle Fächer der fünften Klasse besteht. Ohne diese Lehrerin hätte nichts funktioniert. Rein gar nichts. „Ich habe gesehen, wie viele hochsensible, leistungsorientierte Mädchen kaputtgegangen sind. Damit ist jetzt Schluss“, sagt die Lehrerin. „Meine Grenze ist erreicht.“

Die Untersuchungsergebnisse des Stockholmer Zentrums für Essstörungen zeigen, dass Gretas Pulswerte sich normalisieren, und auch ihre Gewichtskurve verläuft endlich steil genug nach oben, um neuropsychiatrische Tests durchzuführen. Unsere Tochter hat Asperger, hochfunktionalen Autismus und leidet unter Zwangsstörungen (OCD). „Wir könnten auch noch die Diagnose Selektiver Autismus hinzufügen, aber diese Symptome legen sich häufig mit der Zeit.“

Wir sind nicht erstaunt. Zu diesen Schlussfolgerungen sind wir im Prinzip schon vor vielen Monaten gekommen. Als wir die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik verlassen, ruft Beata an. Sie isst heute Abend bei einer Freundin, und mein schlechtes Gewissen meldet sich. Das ist seit langer Zeit das erste Mal, dass Beata nicht alleine Abendessen muss. „Bald kümmern wir uns auch um dich, mein Schatz“, verspreche ich ihr um meiner selbst willen, „aber zuerst muss Greta gesund werden.“ Der Sommer steht vor der Tür, und wir gehen zu Fuß nach Hause. Wir müssen fast nicht mehr darauf achten, keine Kalorien zu verbrennen. Das, was unsere Tochter durchgemacht hat, lässt sich nicht allein in medizinische Fachbegriffe fassen oder mit Anderssein erklären. Sie bekam die Dinge ganz einfach nicht zusammen.

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