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„Reverse Graffiti“ : Vergängliche Zeichen

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„Reverse Graffiti“: Klaus Dauven und ein Mitstreiter arbeiten an der Unteren Brücke in Bamberg. Bild: Katharina Müller-Güldemeister

Der Künstler Klaus Dauven hinterlässt seine Spuren mit dem Hochdruckreiniger: Er malt, indem er wegnimmt.

          Einige Schaulustige sehen an der Unteren Brücke in Bamberg zu, was zwei Männer in schwarzen Overalls machen, die sich an der Außenseite der Brücke abgeseilt haben. Abwechselnd halten die einen Hochdruckreiniger auf die Aussparungen einer etwa 1,30 mal drei Meter großen Schablone und entfernen so die Patina, die sich über Jahrzehnte an der Brückenwand gebildet hat. Fünf Minuten später sind die bearbeiteten Stellen wieder hell wie frischer Beton, und als die Schablone abgenommen wird, rufen die Schaulustigen „Oh!“, als hätte ein Zauberer ein Kaninchen aus dem Hut gezogen. Zum Vorschein kommt ein Gesicht – eines von 21, die am Ende des Tages von der Brücke blicken werden.

          Die unscheinbare Balkenbrücke verbindet die ehemalig bürgerliche Inselstadt mit der geistlichen Bergstadt und hat sich in den letzten Jahren zu einem prominenten Ort entwickelt – einem Ort zum Kaffee- und Biertrinken, zum Sehen und Gesehenwerden. Weil sie das Alte Rathaus flankiert, das einst von trotzigen Bürgern mitten in den Fluss gebaut wurde, dürfte fast jeder Tourist ein Foto von ihr haben. Und Bamberg zieht viele Touristen an.

          Der unzerstörte Altstadtkern aus Fachwerk- und barocken Bürgerhäusern sieht aus wie eine Puppenstube. Seit 25 Jahren steht die Bamberger Altstadt wegen ihrer frühmittelalterlichen Grundstruktur auf der Liste des Unesco-Welterbes. Zum Jubiläum wurde der Künstler Klaus Dauven eingeladen, die Brücke zu bespielen.

          Dauven ist einer der beiden Männer mit Hochdruckreiniger in der Hand. Er ist 51 Jahre alt, hat in Düsseldorf und Münster auf der Kunstakademie gelernt und arbeitet hauptberuflich als Kunst- und Französischlehrer. Er gilt als Erfinder von „reverse Graffiti“, also umgedrehten Graffiti, auch wenn Dauven diesen Begriff wegen seines fehlenden Bezugs zur Straßenkunst nicht besonders mag. „Ich komme nicht aus der Graffiti-Szene, sondern vom klassischen Zeichnen“, sagt er.

          „Dieses Wegnehmen finde ich interessant“

          Die Technik, ein Bild zu schaffen, indem man etwas wegnimmt, hat er durch Zufall entdeckt. 1997 experimentierte er im Atelier mit Kohlezeichnungen – und wollte nach einem misslungenen Versuch den heruntergefallenen Kohlestaub wegsaugen. An der Technik reizt ihn, dass es das Gegenteil von dem ist, was man normalerweise beim Zeichnen macht. Die Technik habe eher etwas mit der Bildhauerei gemein. „Dieses Wegnehmen finde ich interessant, weil es neue Wege bietet.“

          Nach einer Experimentierphase ist er nach draußen gegangen, in den öffentlichen Raum. Am liebsten sind ihm Flächen, die sonst kaum einer beachtet. Seit zehn Jahren setzt er Großprojekte mit Unterstützung der Firma Kärcher um: Auf ein Getreidesilo in der Eifel etwa brachte er fünf riesige Ähren auf, in Korea und Japan bespielte er sogar Staumauern mit Tausenden Quadratmetern Fläche.

          Hauptberuf Kunstlehrer: Klaus Dauven

          Dauven will die Bedeutung der Orte ins Bewusstsein rufen. Im ländlichen Raum wirken seine Motive aus der Pflanzen- und Tierwelt oft wie eine Kritik an den Bauwerken, die sich der Natur entgegenstellen, gleichzeitig strahlen sie Versöhnlichkeit aus. Dass beides möglich ist, liegt wohl auch daran, dass die Technik mit dem arbeitet, was da ist. Statt fremde Farben aufzutragen, werden vorhandene Farben freigelegt. Die Bilder erhalten dadurch eine Natürlichkeit, so als hätten Regen oder vom Wind bewegte Äste sie gezeichnet. Trotz klarer Konturen wird Dauvens Kunst deshalb nicht selten übersehen.

          Für die Untere Brücke in Bamberg, die zum Treffpunkt für junge Leute geworden ist, hat sich Dauven für Menschen entschieden. Einen stärkeren Kontrast zu den farbenfrohen barocken Figuren auf der Fassade des Alten Rathauses kann es kaum geben: Dauvens auf Hell und Dunkel reduzierten Gesichter schauen den Betrachter selbstbewusst an, mal sind sie im Ganzen, mal als Close-up konzipiert. Obwohl sie vom Betrachter relativ weit weg sind, kommen sie ihm dadurch trotzdem nah.

          Es sind übrigens keine Bamberger, die von nun an von der Brücke schauen werden. „Es geht mir um die Emotionen und um die Geschichten, die die Menschen mit ihrem Blick erzählen“, sagt Dauven. „Es hätte der Arbeit nicht gut getan, eine Individualität hineinzubringen.“

          Was bleibt, sind Fotos

          Dass seine Arbeit in wenigen Jahren verblasst sein wird, stört den Künstler nicht. „Die Vergänglichkeit war immer Teil von ihr, und sie ist auch eine Metapher für das Leben“, sagt er. Was bleibt, sind Fotos.

          Gerade weil Dauvens Kunst keinen Anspruch auf Ewigkeit hegt, hat Kurator Felix Forsbach vom Franz-Kafka-Verein den Künstler angefragt. Die Vergänglichkeit stehe im Kontrast zur Welterbe-Idee. Zudem sei es ein Gegenentwurf zur gegenwärtigen Entwicklung von Kunst im öffentlichen Raum. „Viele Innenstädte werden dauerhaft mit Plastiken und Skulpturen vollgestellt“, sagt Forsbach. „Sie resultieren aus einer bestimmten Zeit und bleiben, auch wenn der Zeitgeist ein anderer ist.“

          Heldendenkmäler oder auch öffentliche Kunst aus den Achtzigern würden selten abgerissen, „weil sie im Bewusstsein verankert sind“. Ein Streit wie um das Avenidas-Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade einer Berliner Hochschule sei eine Ausnahme. „Und da gab es zu Recht einen Aufschrei in beide Richtungen“, sagt Forsbach. Solchen Problemen gehe man aus dem Weg, wenn Kunst im öffentlichen Raum nach einer Weile wieder weg ist.

          Von kontroversen Reaktionen auf das neue Gesicht der Unteren Brücke ist man in den ersten Tagen weit entfernt. Das Kunstwerk polarisiert nicht, es fasziniert. Eine ergraute Frau, die ihr Fahrrad über die Brücke schiebt, drückt es so aus: „Cool, oder?“ Und jene, die keine Männer in Overalls und mit Hochdruckreinigern gesehen haben, fachsimpeln über die Technik. Häufig fällt das Wort sandstrahlen. Wäre es ein richtiges Graffito gewesen, hätte es im beschaulichen Bamberg vielleicht einen Aufschrei gegeben. So aber ist es für viele eine neue Form des Sehens.

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