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Klassik : Im Takt der Leidenschaft

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Gustavo Dudamel Bild: AP

Ungestüm, hochtalentiert und fleißig: Der 26 Jahre alte Venezolaner Gustavo Dudamel ist der Jungstar unter den Dirigenten. Wenn er den Taktstock hebt, spielen seine Musiker wie um ihr Leben.

          Wir sind zum Mittagessen verabredet - um 13 Uhr, hoch oben über dem Vierwaldstätter See in Luzern. Um halb zwei klingelt das Telefon zum ersten Mal, Gustavo Dudamel würde etwas später kommen, richtet sein Manager aus. "Sorry, aber die Proben sind noch nicht zu Ende." Um halb drei der nächste Anruf. Jetzt sei die Probe endlich vorbei, der Dirigent müsse nur noch Kleinigkeiten mit einigen Instrumentengruppen erarbeiten, aber dann würde Mr. Dudamel sofort da sein. Stattdessen ist inzwischen seine Freundin Eloísa gekommen. Mit ihr hat sich der Dirigent für drei Uhr verabredet. Sie scheint solche Situationen zu kennen, bestellt ein Wasser und tut, was sie meistens tut: ihn in Schutz nehmen. "Das ist normal bei ihm", sagt sie, "er vergisst die Welt, wenn er Musik macht - selbst mich. Das muss man lieben oder lassen."

          Tatsächlich sind die Proben des Simón-Bolívar-Jugendorchesters aus Venezuela ein Spektakel. Schon der Einzug der mehr als 200 Musiker vollzieht sich schnell, still und diszipliniert. Wie Musikgeister betreten sie die Bühne und nehmen ihre Plätze ein. Und wenn sie dann anfangen, Gustav Mahler zu spielen, kracht es, rast und rauscht. Gustavo Dudamel springt in die Luft, dann wieder erstarrt er, bewegt sich gar nicht, hört einfach zu, um gleich darauf zu singen, mit den Händen im Orchester zu graben. Nach dem letzten Ton wirft er den Kopf in den Nacken und lacht.

          Das Orchester fragt nicht nach Mittagspausen

          Der Sechsundzwanzigjährige ist ein Superstar in Venezuela, einer, der geschafft hat, was alle wollen. Aus den Slums hat er sich in die Welt gespielt - selbst vor dem Papst ist er aufgetreten. Dieses Jahr wird Dudamel Chefdirigent in Göteborg, 2009 soll er außerdem das Los Angeles Philharmonic übernehmen. Wenn er dirigiert, hören sich Beethoven, Mahler und Schubert ungestümer an als gewohnt, weil jeder Musiker um sein Leben zu spielen scheint. Ein Orchester, das nicht nach Mittagspausen fragt.

          Vor einem Orchester zu stehen, kann beschwerlich sein...

          Um das Besondere an dieser Situation zu verstehen, muss man das Dudamelsche Probenszenario mit der Routine deutscher Orchester vergleichen. Vor kurzem studierte Kent Nagano in München eine Uraufführung ein, ließ das Stück einmal durchspielen, erklärte einige Details und wollte das Werk dann noch einmal hören. Mitten in einem Takt, die Uhr im Proberaum schlug zwei, erhob sich ein Bläser, tippte auf seinen Arm - und sämtliche Kollegen stellten ihr Spiel ein. Kent Nagano schlug noch einige Takte ins Leere, bis auch er seine Sachen packte und ging. Dabei hätte die Probe nur noch zehn Minuten länger gedauert.

          Eine Gewerkschaftsmentalität, die bei Gustavo Dudamel und seinem Orchester undenkbar wäre. Und ein Grund dafür, dass sich große Dirigenten inzwischen immer öfter von großen Orchestern abwenden: Der ehemalige Chef der Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado, dirigiert heute am liebsten sein junges und kleines Mahler Chamber Orchestra, Daniel Barenboim hat sich in sein West-Eastern Divan Orchestra verliebt, in dem Palästinenser, Juden und Christen gemeinsam musizieren. Kein Wunder, dass die Maestri aus Europa inzwischen auch zu Dudamel kommen: Simon Rattle und Claudio Abbado sind seine wichtigsten Mentoren und dirigieren das Simón Bolívar Youth Orchestra regelmäßig.

          Die Musiker stammen aus den Slums von Venezuela

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