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Kirchenschließung : Abschied von St. Lambertus

St. Lambertus wird abgerissen: Die vier Evangelisten brauchen für ihre Kanzel ein neues Zuhause. Bild: Edgar Schoepal

Der „Immerather Dom“ soll dem Braunkohletagebau weichen. Auch Engel und Heilige suchen eine neue Heimat. Versteigert wird aber nichts – auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält.

          St. Lambertus ist ein guter Lotse. Man kann Immerath gar nicht verfehlen, obwohl kaum noch ein Schild den Weg weist. Weit über das Land sind die beiden stattlichen Türme zu sehen, die St. Lambertus in den Himmel der Erkelenzer Börde streckt. „Immerather Dom“ heißt die Kirche in der Gegend. Und das ist keine Übertreibung. Ende des 19. Jahrhunderts wollten die gut 1.000 Immerather ein Zeichen setzten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nicht eine typisch niederrheinische Dorfkirche aus Backstein wünschten sie sich als Ersatz für ihre alte und baufällige Kirche, sondern ein tuffsteinverkleidetes Gotteshaus mit herrlich bunten Fenstern und einem Boden, der nach dem Vorbild der Aachener St. Jakobskirche mit farbigen „Mettlacher Platten“ ausgelegt ist. Der fruchtbare Lößboden garantierte gute Ernten. Die Immerather waren reiche Bauern. Sie konnten sich St. Lambertus locker leisten. Aber unter dem Löß liegt die Braunkohle.

          Eine Klage mit erstaunlichem Erfolg

          Seit Jahrzehnten schon durchwühlen Maschinen, die so groß sind wie Hochhäuser, die Gegend. Garzweiler, nach dem die Tagebaugebiete Garzweiler I und Garzweiler II benannt sind, und 13 weitere Orte haben die raumgreifenden Monster schon abgebaggert. Nun soll bald Immerath dran sein. Das Dorf ist schon fast ganz „umgesiedelt“, wie es im Bergbaujargon heißt. Nur ein paar Bauern sind noch da, weil sie ihre Äcker bewirtschaften müssen bis zum Schluss. Und der Polizist Stephan Pütz. Gemeinsam mit Umweltschutzverbänden führt er seit Jahren Prozesse.

          Einen erstaunlichen Erfolg hat Pütz nach vielen Niederlagen erzielt. Erstmals überhaupt hat das Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen einen Tagebau-Ausbau angenommen. Das oberste Gericht prüft, „ob und inwieweit die mit dem Tagebau Garzweiler angestrebte Gewinnung von Braunkohle ein Enteignungen tragendes Gemeinwohlziel verfolgt“, wie der Senatsvorsitzende Anfang Juni bei einer mündlichen Verhandlung formulierte. Nun hofft Pütz, dass das höchste deutsche Gericht bald ein Urteil spricht, das den Tagebau stoppt. Es wäre eine Sensation.

          Engelsgeduld: Diese beiden Gottesboten suchen ein neues Gotteshaus

          Statt eines Ortsschildes findet sich am Dorfeingang gleich das erste untrügliche Zeichen dafür, dass es aus und vorbei ist mit Immerath. „AK-Security. Ihr Streifendienst in Immerath“, steht auf dem Werbebanner. Metalldiebe und Plünderer sind ein echtes Problem in Orten, die sich in „Umsiedlung“ befinden. Deshalb sind viele Türen und Fenster der Backsteinhäuschen, die sich ängstlich aneinanderschmiegen, und auch die Schaufenster der Bäckerei, der Metzgerei, der Apotheke in Immerath vernagelt.

          Die Leute sind weggezogen zu ihren Kindern oder wie Marlies Bereit in einen Ort mit dem merkwürdigen Namen Immerath (neu), den der Energiekonzern RWE ein paar Kilometer entfernt im Nirgendwo errichtet hat. Es ist ein Ersatzort mit dem Charme einer Musterhaussiedlung. Die Namen der Straßen haben die Immerather mitnehmen dürfen. Auch die Toten hat RWE umbetten lassen. Für den stolzen „Dom“ aber gibt es keine Rettung. St. Lambertus soll bald abgerissen werden. Wahrscheinlich 2016 wird Immerath abgebaggert.

          Abschied von der Kirche ihres Lebens

          Marlies Bereit kann sich immer noch nicht vorstellen, wie man das machen soll: Abschied nehmen von der Kirche ihres Lebens. In St. Lambertus empfing Frau Bereit ihre erste heilige Kommunion. Wenn im Gottesdienst das Lied „Ein Haus voll Glorie schauet“ angestimmt wurde, war die kleine Marlies felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei diesem Haus voll Glorie selbstverständlich nur um ihren „Dom“ handeln konnte: „Ein Haus voll Glorie schauet / Weit über alle Land / Aus ew’gem Stein erbauet / Von Gottes Meisterhand.“

          Als Vorsitzende des Kirchenvorstands ist Marlies Bereit nun die Liquidatorin von St. Lambertus. Es begann vor ein paar Jahren mit nervenaufreibenden Entschädigungsverhandlungen. Für einen so großen Energiekonzern wie RWE ist eine Kirche wie St. Lambertus kein „Dom“, sondern schlicht ein Gebäude, das dem Tagebau im Weg steht, abgeräumt werden muss und vielleicht vergleichbar ist mit einer Halle aus der internen Entschädigungstabelle.

          Nicht ohne Maria: Die St.-Lambertus-Gemeinde muss das Inventar ihrer Kirche verkaufen. Die Muttergottes kann aber mit in die Ersatz-Kapelle

          Entsprechend gering war der Betrag, den das Unternehmen der Kirchengemeinde zahlen wollte. „Unser Gutachter hat den Wert fünf Mal höher einschätzt als RWE“, erinnert sich Frau Bereit. Erst nach langem Hin und Her einigte man sich, und seit Ende 2012 ist „RWE Power“ als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen. Gottesdienste fanden trotzdem weiter statt. Weil die Immerather einfach nicht lassen wollten von ihrem „Dom“. Samstags pendelte ein Kleinbus zwischen Immerath (neu) und Immerath, um die Gläubigen zur Vorabendmesse zu bringen.

          In Immerath (neu) wird gerade eine Kapelle mit nur 60 Plätzen gebaut. Für eine veritable Kirche reicht das Geld nicht, das die Gemeinde für ihren „Dom“ bekommen hat. Nur ganz wenige Gegenstände aus St. Lambertus können also mit: das mittelalterliche Kreuz, das Allerheiligste, das Taufbecken, die Muttergottes und die vier Glocken. Auch ein St.-Lambertus-Relief soll aus dem Seitenportal des „Doms“ gemeißelt werden. Je länger Frau Bereit erzählt, desto mehr fällt ihr ein, was unbedingt auch noch mit muss: die Wandlungsschellen, die Monstranz selbstverständlich, der Ambo.

          „So ein Engel würde gut in meine Diele passen“

          Vom allermeisten aber muss sich die Gemeinde trennen: Von der Pietà, die Marlies Bereit so gruselig fand, als sie ein kleines Mädchen war, auch die Beichtstühle, die steinerne Kanzel, der Chor, die Orgel und der prächtige Hochaltar werden in Immerath (neu) keinen Platz finden. Davon haben längst schon Antik-Händler und private Schnäppchenjäger Wind bekommen. „Neulich war eine Frau da. Sie sagte, so ein Engel würde gut in meine Diele passen.“ Hartnäckig hält sich das Gerücht, in St. Lambertus finde bald eine Versteigerung statt. „Hier wird nichts versteigert“, sagt Frau Bereit bestimmt.

          „Wir wollen möglichst alle Gegenstände an andere Kirchen geben.“ Mit einer Gemeinde in Berlin ist Frau Bereit in guten Gesprächen. Auch Gemeinden aus Osteuropa haben sich gemeldet. „Über Preise wird aber erst geredet, wenn wir den Sonntag hinter uns gebracht haben.“

          „Dann löschen wir das ewige Licht“

          Am Samstag wird noch ein Kind in St. Lambertus getauft. Auch ein Brautpaar will sich noch das Ja-Wort geben im „Dom“. Am Sonntag soll die Kirche dann in einem Gottesdienst „entwidmet“ werden. Das ist eigentlich ein unspektakulärer Akt. Ein Priester verliest im Auftrag des Aachener Bischofs eine Urkunde.

          Besondere sakrale Handlungen wie eine Aussegnung gibt es bei einer Entwidmung nicht. Aber weil St. Lambertus nicht einfach nur profaniert wird wie viele andere Kirchen überall im Land, sondern bald auch planiert, wollen Marlies Bereit und ihre Freunde den Abschiedsgottesdienst besonders würdig gestalten. Noch einmal wird im „Immerather Dom“ auch „Ein Haus voll Glorie schauet“ erklingen. „Die Kirche ist erbauet / Auf Jesus Christ allein / Wenn sie auf ihn nur schauet / wird sie im Frieden sein“, wird die Gemeinde singen. „Dann löschen wir das ewige Licht“, sagt Frau Bereit.

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