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Kirchenschließung : Abschied von St. Lambertus

Als Vorsitzende des Kirchenvorstands ist Marlies Bereit nun die Liquidatorin von St. Lambertus. Es begann vor ein paar Jahren mit nervenaufreibenden Entschädigungsverhandlungen. Für einen so großen Energiekonzern wie RWE ist eine Kirche wie St. Lambertus kein „Dom“, sondern schlicht ein Gebäude, das dem Tagebau im Weg steht, abgeräumt werden muss und vielleicht vergleichbar ist mit einer Halle aus der internen Entschädigungstabelle.

Nicht ohne Maria: Die St.-Lambertus-Gemeinde muss das Inventar ihrer Kirche verkaufen. Die Muttergottes kann aber mit in die Ersatz-Kapelle

Entsprechend gering war der Betrag, den das Unternehmen der Kirchengemeinde zahlen wollte. „Unser Gutachter hat den Wert fünf Mal höher einschätzt als RWE“, erinnert sich Frau Bereit. Erst nach langem Hin und Her einigte man sich, und seit Ende 2012 ist „RWE Power“ als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen. Gottesdienste fanden trotzdem weiter statt. Weil die Immerather einfach nicht lassen wollten von ihrem „Dom“. Samstags pendelte ein Kleinbus zwischen Immerath (neu) und Immerath, um die Gläubigen zur Vorabendmesse zu bringen.

In Immerath (neu) wird gerade eine Kapelle mit nur 60 Plätzen gebaut. Für eine veritable Kirche reicht das Geld nicht, das die Gemeinde für ihren „Dom“ bekommen hat. Nur ganz wenige Gegenstände aus St. Lambertus können also mit: das mittelalterliche Kreuz, das Allerheiligste, das Taufbecken, die Muttergottes und die vier Glocken. Auch ein St.-Lambertus-Relief soll aus dem Seitenportal des „Doms“ gemeißelt werden. Je länger Frau Bereit erzählt, desto mehr fällt ihr ein, was unbedingt auch noch mit muss: die Wandlungsschellen, die Monstranz selbstverständlich, der Ambo.

„So ein Engel würde gut in meine Diele passen“

Vom allermeisten aber muss sich die Gemeinde trennen: Von der Pietà, die Marlies Bereit so gruselig fand, als sie ein kleines Mädchen war, auch die Beichtstühle, die steinerne Kanzel, der Chor, die Orgel und der prächtige Hochaltar werden in Immerath (neu) keinen Platz finden. Davon haben längst schon Antik-Händler und private Schnäppchenjäger Wind bekommen. „Neulich war eine Frau da. Sie sagte, so ein Engel würde gut in meine Diele passen.“ Hartnäckig hält sich das Gerücht, in St. Lambertus finde bald eine Versteigerung statt. „Hier wird nichts versteigert“, sagt Frau Bereit bestimmt.

„Wir wollen möglichst alle Gegenstände an andere Kirchen geben.“ Mit einer Gemeinde in Berlin ist Frau Bereit in guten Gesprächen. Auch Gemeinden aus Osteuropa haben sich gemeldet. „Über Preise wird aber erst geredet, wenn wir den Sonntag hinter uns gebracht haben.“

„Dann löschen wir das ewige Licht“

Am Samstag wird noch ein Kind in St. Lambertus getauft. Auch ein Brautpaar will sich noch das Ja-Wort geben im „Dom“. Am Sonntag soll die Kirche dann in einem Gottesdienst „entwidmet“ werden. Das ist eigentlich ein unspektakulärer Akt. Ein Priester verliest im Auftrag des Aachener Bischofs eine Urkunde.

Besondere sakrale Handlungen wie eine Aussegnung gibt es bei einer Entwidmung nicht. Aber weil St. Lambertus nicht einfach nur profaniert wird wie viele andere Kirchen überall im Land, sondern bald auch planiert, wollen Marlies Bereit und ihre Freunde den Abschiedsgottesdienst besonders würdig gestalten. Noch einmal wird im „Immerather Dom“ auch „Ein Haus voll Glorie schauet“ erklingen. „Die Kirche ist erbauet / Auf Jesus Christ allein / Wenn sie auf ihn nur schauet / wird sie im Frieden sein“, wird die Gemeinde singen. „Dann löschen wir das ewige Licht“, sagt Frau Bereit.

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