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Kirche und Homosexualität : Umschwulung zum Ehemann

  • -Aktualisiert am

Auf dem Christopher Street Day in New York Bild: picture-alliance/dpa/dpa-web

In Amerika wollen religiöse Gruppen homosexuellen Männern helfen, ihre Neigung zu überwinden. Das klappt nur selten. Hinter den „Hilfsangeboten“ stecken politische Absichten: Die Gruppen wollen rechtliche Freiheiten für die Schwulen verhindern.

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          Jay Wilson war drei Jahre alt, da wurde er vom Babysitter sexuell missbraucht. „Den ersten freiwilligen sexuellen Kontakt hatte ich als Elfjähriger, mit meinem sieben Jahre alten Cousin. Mit 17 Jahren habe ich mich dann in meine erste homosexuelle Beziehung gestürzt. Ich war sehr verwirrt“, erzählt der 33 Jahre alte amerikanische Seelsorger aus Baltimore im Bundesstaat Maryland. Es folgten zahlreiche weitere homosexuelle Abenteuer.

          Bis Jay Wilson sich mit zwanzig Jahren zur militärischen Eliteeinheit der Marineinfanteristen flüchtete. „Auch da fühlte ich mich weiter zu Männern hingezogen, aber ich habe die Gefühle unterdrückt.“ Wilson heiratete sogar. „Aber ich brach mein Treueversprechen und hatte mit anderen Frauen und Männern Sex.“

          „Ich bin immer noch auf dem Weg“

          Schließlich hielt er es nicht mehr aus und vertraute sich einem Pastor an, der für ihn zum Mentor und Ersatzvater wurde. „Ich brauchte einen Mann, der sich um mich kümmerte, der mich liebte und der mich disziplinierte, denn mein Vater war noch vor meiner Geburt auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“ Auf Drängen des Pastors gestand Wilson seiner Frau, mit der er damals ein Kind hatte, seine Gefühle für Männer. „Ich konnte es kaum fassen, aber sie entschied sich, bei mir zu bleiben.“

          Protestierende Schwulenaktivisten auf dem New Yorker Times Square
          Protestierende Schwulenaktivisten auf dem New Yorker Times Square : Bild: AP

          Mittlerweile haben die Wilsons drei Kinder. „Aber ich bin immer noch auf dem Weg“, sagt der Seelsorger. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals den Punkt erreiche, an dem ich keine sexuellen Gefühle mehr für Männer hege.“ Doch sei er jetzt „absolut in der Lage, der Versuchung nicht länger nachzugeben“ - „dank Jesus Christus.“

          Die eigene Lebensgeschichte sowie Gebet und Zuspruch sind Jay Wilsons wichtigste Instrumente für seine Arbeit mit Homosexuellen, „die bereuen und nach einem neuen Leben hungern“. Der Seelsorger gibt Kurse der christlich-konservativen Organisation „Regeneration“ (Neuentstehung), die „Männern und Frauen, die mit Homosexualität, Sexsucht und anderen Beziehungsproblemen kämpfen“, „Gottes Heilung“ bringen will.

          Enormer Zulauf von jungen Menschen

          „Regeneration“ ist eine von mehr als 160 religiösen Vereinigungen, die dem evangelikalen Dachverband „Exodus International“ angehören. Dessen Botschaft lautet: „Freiheit von Homosexualität durch die Kraft von Jesus Christus.“ Denn wer homosexuellen Gefühlen nachgebe und einen homosexuellen Lebensstil pflege, der widersetze sich Gottes Willen und sündige.

          Steuermann der Aktivitäten von „Exodus International“ ist Randy Thomas. Auch er kämpfte früher gegen homosexuelle Neigungen. „Aber seit 15 Jahren bin ich frei davon“, sagt der 39 Jahre alte Vorsitzende. Gelungen sei ihm der Ausstieg aus der Homosexualität mit kirchlicher Hilfe, professioneller Therapie und Gruppenarbeit. Die Mischung mache auch den Erfolg von „Exodus International“ aus, behauptet Thomas. „In den vergangenen fünf Jahren haben wir enormen Zulauf von jungen Menschen bekommen. Auch in Deutschland gibt es großes Interesse an unseren Standpunkten.“

          „Aus Karrieregründen heterosexuell werden“

          Was hinter dem Angebot „Befreiung von Homosexualität“ steckt, hängt allerdings davon ab, um welches der zahlreichen Programme es sich handelt. Peterson Toscano hat in dem jahrelangen verzweifelten Bemühen, seine homosexuellen Neigungen zu überwinden, alles Mögliche ausprobiert. „Genützt hat es nichts“, sagt der 42 Jahre alte Performancekünstler aus Hartford, Connecticut, der mittlerweile ein bekennender Schwuler ist. Toscano wurde mit 17 Jahren evangelikaler Christ. „Weil ich religiöse Leidenschaft suchte und einer einflussreichen Gemeinschaft angehören wollte.“ Doch seine inständigen Gebete, Gott möge seinen homosexuellen Phantasien ein Ende machen, wurden nicht erhört.

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