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Kino : Kinder im Teufelsberg

Die jungen „Mineros” in der Silbermine Bild: Salzgeber

Basilio Vargas ist 14 Jahre alt und arbeitet wie sein zwölfjähriger Bruder Bernardino im bolivianischen Bergbau. Die Dokumentation „Der Berg des Teufels“ schildert das Schicksal der Kinderarbeiter - die deutsche Kindernothilfe unterstützt das Projekt hinter dem Film.

          2 Min.

          Basilio Vargas ist vierzehn Jahre alt und möchte Professor werden. Leider ist er "zur falschen Zeit am falschen Ort" geboren worden, wie der Filmemacher Richard Ladkani sagt. Basilio und sein zwölfjähriger Bruder Bernardino arbeiten im Bergbau. Sie sind die Protagonisten in Ladkanis Dokumentarfilm "The Devil's Miner" ("Der Berg des Teufels"), der in dieser Woche in die deutschen Kinos gekommen ist und auf die Not in der bolivianischen Bergwerksstadt Potosi aufmerksam macht.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Etwa 6.500 Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis sechzehn Jahren arbeiten dort im Zinn-, Zink- und Bleibergbau oder auf den Abraumhalden und als Zulieferer. Etwa 800 von ihnen sind in 1.500 Meter in den Berg hineinreichenden Gängen als Lastenschlepper, Lorenbelader oder Sprenglochmeißler tätig. Für ungefähr vier bis sechs Dollar am Tag und ohne Arbeitsverträge arbeiten sie bis zu zehn Stunden in den mehr als 20.000 engen, nassen und ungesicherten Tunneln und Stollen. Dort herrschen Temperaturen von bis zu 40 Grad, schwefelhaltiger Staub liegt in der Luft. Die Verletzungsgefahr ist hoch, weil sämtliche Sprengungen unter Tage unkontrolliert stattfinden.

          „Man kann jederzeit auf Arsen treffen“

          "Man hat Angst dort unten, es ist extrem klaustrophobisch", sagt Ladkani. "Man kann jederzeit auf Arsen oder Quecksilbergas treffen." Die durchschnittliche Lebenserwartung für einen Bergarbeiter liege angesichts der fehlenden Sicherheitsvorkehrungen bei 38 Jahren, sagt Jürgen Schübelin von der Kindernothilfe, die versucht, die Arbeitsbedingungen der Kinder und Jugendlichen zu verbessern und ihren Familien einen Perspektive jenseits des Bergbaus zu eröffnen. Ein generelles Verbot von Kinderarbeit sei nicht sinnvoll, denn damit entziehe man den Familien ihre Lebensgrundlage. Verwitwete alleinstehende Mütter und todkranke Väter seien darauf angewiesen, daß ihre Kinder durch Arbeit zum Überleben der Familie beitragen. Auch die fallenden Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt hätten die Situation in Potosi verschlechtert: Das Einkommensniveau der Bergarbeiter sei in den vergangenen Jahren stetig gesunken.

          Sie arbeiten als Lastenschlepper, Schubkarrenfahrer oder Sprengloch-Meißler

          Viele Kinder, die in den Stollen arbeiteten, litten unter Mangelernährung, Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen und Infektionen der Augen und der Haut, sagt Schübelin. Sie hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, da sie meist in den Armenvierteln rund um die eigentlichen Bergarbeitersiedlungen von Potosi lebten, wo es keine Kanalisation und oftmals weder fließendes Wasser noch Strom gebe. Wegen der großen Arbeitsbelastung erreiche zudem kaum einer der Jugendlichen einen Schulabschluß. Ziel der Kindernothilfe sei es daher zunächst, den Kindern eine sättigende Mahlzeit am Tag und medizinische Versorgung zukommen zu lassen, an den Wochenenden außerdem Förder- und Nachhilfeunterricht, psychosoziale Betreuung und Alphabetisierungskurse. Des weiteren solle den Jugendlichen Zugang zu anderen Einkommen eröffnet werden. "Sie können zum Beispiel lernen, Touristen zu führen, die es dort oben in 4.300 Meter Höhe en masse gibt", sagt Schübelin. "Oder sie können Bauchläden für den Verkauf von Halbedelsteinen herstellen."

          „Sie haben alle noch Träume“

          Die Kinder seien sehr motiviert, zur Schule zu gehen, sagt Richard Ladkani. "Sie haben alle noch Träume, wollen Lehrer werden, um da rauszukommen. Aber das schafft nur eins von zehn Kindern." Bei den übrigen beginne etwa im Alter von dreißig Jahren die Zersetzung der Lunge wegen der eingeatmeten Mineralien. Dennoch seien die Minenarbeiter auch stolz auf ihre Arbeit, sie sei in der Region ein Statussymbol, und es gebe viele Rituale rund um den Bergbau, der am "Cerro Rico" seit 450 Jahren betrieben wird. Ladkani glaubt, daß die Kinder von Potosi von der bolivianischen Regierung nichts zu erwarten haben, da die politische Situation nicht stabil genug sei. "Ihre einzige Chance ist Hilfe aus dem Ausland."

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