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Kinderwunsch : Warum wir dich wollen

Ist der Kinderwunsch erst einmal geweckt, ist er in seiner Qualität mit keinem anderen Wunsch vergleichbar. Bild: Photographer's Choice/Getty Imag

Heute machen Medizin und Geld den Kinderwunsch auch möglich, wo er früher unerfüllt blieb. Aber woher kommt er eigentlich?

          10 Min.

          Erst waren es die Freundinnen ihrer drei Jahre älteren Schwester, die plötzlich eine nach der anderen ein Kind bekamen, dann ihre große Schwester selbst, und nicht viel später wuchsen auch die Babybäuche in Saras eigenem Freundeskreis. Die Treffen, an denen Sara* und ihrem Mann Nik am runden Holztisch beim Italiener um die Ecke ein befreundetes Pärchen gegenüber aß, das strahlte und sagte: „Wir bekommen Nachwuchs“, häuften sich.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sara und Nik freuten sich jedes Mal mit den werdenden Eltern, schrieben Glückwunschkarten, betrachteten Babybilder auf Facebook, besuchten Taufen und hörten sich an, ob Tim oder Emma gut schliefen, aßen oder wuchsen und welche Fragen sich plötzlich ans Leben stellten.

          Irgendwann einmal, wenn es passt

          Sara und Nik waren zu diesem Zeitpunkt beide Ende zwanzig und schon fünf Jahre ein Paar. Sie teilten sich ein Auto, eine Altbauwohnung, ein Bett und jede Menge Zukunftsträume. Eine Familie zu gründen gehörte dazu. Drei Kinder sollten es werden. Junge, Mädchen, Junge. Aber noch nicht jetzt. Irgendwann einmal, dann, wenn es passt.

          Wann der Moment genau gekommen war, an dem Sara zum ersten Mal dachte: „Ich wünsche mir ein Kind“, kann die heute Dreiunddreißigjährige gar nicht mehr genau sagen. Die ersten Karriereschritte in dem internationalen Konzern, in dem sie angestellt war, waren genommen. Asien, Neuseeland und Bali hatten Sara und Nik bereist, und das exzessive Ausgehen bis tief in die Nacht hatte seinen Reiz verloren. „Es passte eben, anders kann ich den Zeitpunkt nicht beschreiben“, sagt Sara. Ihr Kinderwunsch hatte sich fast unbemerkt vom Irgendwann ins Jetzt geschoben.

          Andere werdende Mütter erzählen, dass es der richtige Partner an ihrer Seite war, der plötzlich intensiv den Wunsch nach einem Kind weckte. Es gibt auch Frauen, die schildern, dass ein unsicherer Arbeitsplatz oder der steigende Druck von Freunden und Familie letztlich ausschlaggebend waren, auf die Verhütung zu verzichten. Bei so manchen drängte auch das Alter, und andere wussten schon immer, dass sie mit spätestens 25 eine Familie gründen wollten.

          Warum aber entscheiden sich Menschen überhaupt dafür, Kinder in die Welt zu setzen? Ist die Antwort darauf so banal, wie sie scheint? Biologie und gesellschaftliche Prägung haben sicher ihre Finger im Spiel. Erklärt das aber schlüssig, wann Menschen diesem Wunsch Taten folgen lassen oder auch nicht? Erklärt es, wo der Wunsch nach einem Kind eigentlich herkommt und warum er so umfassend und einschneidend sein kann? Warum wir gleichzeitig aber immer weniger Kinder haben? An der Beantwortung dieser Fragen entscheiden sich Einzelschicksale, aber auch die Zukunft von Partnerschaften - und wenn man der überhitzten demographischen Debatte dieser Tage glauben will, entscheidet sich daran womöglich auch die Zukunftsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften.

          Urbedürfnis muss sich heutigen Ansprüchen anpassen

          Klar ist: Dass Menschen schon immer Kinder bekommen haben, heißt nicht, dass es dabei noch um etwas vornehmlich Archaisches ginge. Unser Verständnis vom Kinderwunsch, wie Sara es bei einem Glas frischem Minztee im Café beschreibt, ist eine Errungenschaft der modernen Welt. Es ist ein Urbedürfnis, das sich Gesellschaften wie die unsere durch den medizinischen Fortschritt so zurechtgebogen haben, dass es sich geschmeidig den heutigen Ansprüchen ans Leben anpasst.

          Als Sex und Schwangerschaft noch nicht so strikt voneinander getrennt werden konnten, blieb Paaren beim Thema Kinderkriegen noch wenig Raum für Gutdünken. Statt zu fragen, wann es passte, konnte man sich zu früheren Zeiten lediglich zwischen Keuschheit oder Kinderschar entscheiden. Hatte man einen Hof zu bewirtschaften, einen Handwerksbetrieb zu führen oder einen Landstrich zu regieren, war Keuschheit jedoch kaum eine Option. Man benötigte die Kinder auf dem Feld, in der Backstube und zum Machterhalt.

          Das soll nicht heißen, dass man sich damals über Kinder nicht gefreut, sie sich nicht gar sehr gewünscht hat. Doch der Kinderwunsch, so, wie er heute empfunden wird, ist eine Freiheit, die Paare der Erfindung gut funktionierender Verhütungsmittel zu verdanken haben, im Besonderen der Antibabypille.

          Seit sie Anfang der sechziger Jahre auf den Markt kam, ist ein Kind nicht mehr zwingend die logische Konsequenz eines Geschlechtsaktes oder eine Methode der Alterssicherung, sondern viel häufiger das Resultat eines gut geplanten Traumes. Keine Frage, auch heute gibt es noch ungeplante Schwangerschaften, aber Kinder zu bekommen bedeutet in unserer westlichen Gesellschaft mehr und mehr, Nachwuchs so zu terminieren, wie Sara und Nik es gemacht haben.

          Nachdem Sara die Vorstellung, ein Baby zu bekommen, erst einmal still in ihrem Kopf von der einen Ecke in die andere geschoben hatte und irgendwann merkte, dass der Gedanke daran einfach nicht mehr weggehen wollte, hat sie mit Nik das Gespräch gesucht und im vergangenen Herbst die Pille abgesetzt. „Ein komisches Gefühl“, erzählt sie heute. „Das, über was man so oft gesprochen hatte, war plötzlich ganz real.“

          Sara und Nik hatten „Glück“, wie sie es selbst bezeichnen. Sara wurde schnell schwanger und unter ihrem gelb-rot gestreiften T-Shirt wölbt sich mittlerweile ein deutlicher Babybauch. Andere Paare haben es da schwieriger. Sara kennt die Geschichten von Freundinnen und dem unerträglichen Gefühl, wenn Monat um Monat der Erfolg ausbleibt und dieser eine Wunsch einfach nicht in Erfüllung gehen will.

          Weniger Hindernisse beim Kinderwunsch

          Denn ist der Kinderwunsch erst einmal geweckt, sagen Psychologen, ist er in seiner Qualität mit keinem anderen Wunsch vergleichbar. Auswandern, Reisen, Reichtum, glückliche Ehe, spannender Job - alles erstrebenswerte Ziele im Leben, aber geht es um das Kinderkriegen, wird das Verlangen intensiver und drängender.

          Und diesen Wunsch nach Nachwuchs haben schon lange nicht mehr nur Paare zwischen zwanzig und vierzig Jahren. Ob jung oder alt, homo- oder heterosexuell, allein oder gemeinsam - dem Kinderwunsch werden immer weniger ethische und juristische Hindernisse in den Weg gestellt. Tabus werden gebrochen und neue Normen definiert. Unsere Gesellschaft will es wohl bald niemandem mehr verwehren, sich den Wunsch nach einem Kind auch zu erfüllen. Dieser Wunsch hat eine Sonderstellung unter den Wünschen für ein erfülltes Dasein. Das hat auch die Hightech-Medizin gemerkt. Schränkten in den vergangenen Jahrzehnten zumindest die fruchtbaren Jahre der Frau die Erfüllung des Babywunsches noch ein, hat die Biologie auch hier inzwischen das Zepter an die moderne Heilkunst abgegeben.

          Natürliche Grenzen werden überwunden - selbst wenn manche Länder noch versuchen, sich mit Gesetzen dagegenzustemmen. Die Gegenwart zeigt: Wissenschaft und Geld machen es heute möglich, dass Frauen im Rentenalter noch Kinder bekommen oder ihre Bäuche verleihen, um andere zu Eltern zu machen. Kinderwünsche werden in unseren Zeiten immer häufiger in der Petrischale wahr oder auf Eis gelegt, bis sie wirklich ins Leben passen. Der Wunsch nach Kindern wirkt fast unstillbar.

          Saras und Niks Weg zum Kind war dagegen klassisch. So, wie er sich vermutlich tausendfach in deutschen Großstädten findet. Im Detail aber hat jedes Paar auf die Frage, woher der Entschluss zu einem Kind kam, seine ganz eigene, häufig emotionale Antwort. Und bei fast allen hört man das Vertrauen darauf heraus, dass, wenn Kinder andere sehr glücklich gemacht haben, sie auch einen selbst bereichern werden. Liebe und Glück - aus diesen Gefühlen heraus, jemandem anderen das Leben zu schenken, ergibt sich sicherlich die schönste Erklärung für einen Kinderwunsch.

          Es muss aber noch mehr geben. Anruf bei Professor Ludwig Kiesel, dem Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Uniklinikum Münster. Kiesel ist jemand, der sich sehr gut auskennt mit der Reproduktionsmedizin und dem weiblichen Körper. Aber mit harten Daten oder Fakten zum Kinderwunsch kann er nicht aufwarten: „Zu dieser Frage gibt es nur wenige Studien. Es ist ein kaum beforschtes Gebiet, ganz im Gegenteil zum unerfüllten Kinderwunsch.“

          Sexualtrieb ist nicht gleich Fortpflanzungstrieb

          Man habe bisher nicht festgestellt, dass Frauen, die einen Kinderwunsch hegen, ein besonderes Hormonprofil oder andere körperliche Veränderungen zeigen. Die sexuelle Reife spiele sicherlich eine Rolle bei dem Wunsch. Darauf, wie groß dieser Zusammenhang ist, will sich der Mediziner aber nicht festlegen. Ein gewisser Fortpflanzungstrieb sei in uns verankert, keine Frage. Aber nicht jeder, der seinem Sexualtrieb nachgehe, verbinde das immerzu mit einem Kinderwunsch.

          Immerhin, in der Sexualforschung findet man eine Studie, die Hinweise liefert: Demnach soll bei Frauen die Lust auf Sex rund um den Eisprung steigen. Geschlechtsverkehr zu diesem Zeitpunkt erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft. „Lust heißt aber nicht, dass die Frauen dann auch handeln“, schränkt die Hamburger Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt ein.

          Zu viel sollte man also in diese Daten nicht hineininterpretieren. Für die Professorin spielt der Sexualtrieb neben den gesellschaftlichen Bedingungen nur eine geringe Rolle bei der Entstehung eines Kinderwunsches. Dass beides nicht fest miteinander verwoben sei, sehe man ja schon daran, „dass wir heute unseren Sexualtrieben nachgehen und ganz bewusst dabei die Möglichkeit, schwanger zu werden, ausschalten“. Wir wissen also sicher, welches Hormon uns müde werden lässt und wie das Hungergefühl entsteht, aber einen körperlichen Antrieb, der dafür verantwortlich ist, dass wir unbedingt Nachwuchs produzieren wollen, kennen wir nicht?

          Gene geben Zeitraum des Kinderkriegens vor

          Anruf in Plön. Am Telefon ist Professor Manfred Milinski, und wie zu erwarten, fackelt er bei der Frage nach dem Kinderwunsch nicht lange. Für den Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie ist die Antwort „ganz schlicht und einfach“: Könnten wir die Empfängnis heute durch Verhütungsmittel nicht bewusst verhindern, „würden wir uns vermehren wie die Karnickel“, sagt er. Das hat die Biologie zumindest so vorgesehen. Denn laut Milinski ist es - ob Mann oder Frau - „unser evolviertes Hauptinteresse, uns fortzupflanzen“. Dabei sei es schon die Lust, die uns antreibe - ganz so wie der Durst uns befiehlt, zu trinken. „In unseren Genen ist der Fortpflanzungstrieb fest verankert. Der Sexualtrieb ist eine Folge des Fortpflanzungstriebs, nicht umgekehrt“, erklärt Milinski. Die Frage nach dem Kinderwunsch stelle sich heute ohnehin nur, „weil wir mit pharmakologischen Errungenschaften in die Biologie eingreifen“.

          Wir gehen also unserem Fortpflanzungstrieb nach, aber es passiert nichts. Ohne technische Empfängnisverhütung wäre die Frage nach dem Kinderwunsch eine rein rhetorische, ohne Konsequenzen. Und wer wie Sara und Nik glaubt, er habe ganz akribisch zu einem bestimmten Zeitpunkt die Entscheidung für ein Kind getroffen, erntet von dem Biologen Milinski nur ein müdes Lächeln: „In unseren Genen ist auch der Zeitraum des Kinderkriegens vorgegeben, das ist keine rationale Entscheidung. Das glauben wir nur, weil wir nach 10 000 Generationen zum ersten Mal die technische Möglichkeit haben, das Kinderkriegen zu unterbinden.“

          Einwand: Die Frauen werden beim ersten Kind aber immer älter, entwickeln auch kurz vor den Wechseljahren noch einen Kinderwunsch, und etwa 22 Prozent der Frauen, die heute über 40 sind, leben kinderlos - ob immer gewollt, verraten die Zahlen nicht. Aber die Studie „frauen leben 3“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die im September veröffentlicht wird, zeigt: Etwa jede zehnte kinderlose Frau zwischen 20 und 44 Jahren in Deutschland will keine Kinder. Ihre Gründe: Jüngere Frauen wollen erst ihre Ausbildung beenden und finanziell abgesichert sein; ältere Frauen geben vor allem eine schwierige Partnerschaft und die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf an.

          Außerdem zeigt sich: In Ländern, in denen Frauen Zugang zu Bildung haben, fällt die Geburtenrate ab.Fehlt ihnen etwa dann auch das entscheidende Fortpflanzungsgen? Auch auf diese Frage hat der Biologie-Professor Milinski eine Antwort: „Diejenigen, die diesen Antrieb nicht haben, haben keine Kinder. Deshalb stirbt eine solche Eigenschaft schnell aus.“ Darwinismus in seiner reinsten Form.Offenkundig, so die Erkenntnis nach diesem Anruf, hat die Biologie alles bestens geregelt. Keine Fragen mehr? Doch! Denn Fakt bleibt: Deutschland ist in Sachen Geburtenrate mittlerweile Schlusslicht in der Welt, das kann die Biologie nicht verhindern.

          Es bleiben die Soziologen. „Der Kinderwunsch ist ganz wesentlich gesellschaftlich geformt“, weiß Professorin Paula-Irene Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Er ist eines der Dinge im Leben, von denen wir glauben, sie seien etwas rein Natürliches, die in Wahrheit aber sehr von der Gesellschaft mitgeformt sind.“

          Was die Entscheidung für ein Kind beeinflusst

          Sara nickt, als sie von der Aussage der Soziologin hört. Ihren Fortpflanzungstrieb hat sie bewusst nicht wahrgenommen. Da sei zwar dieses glühende Gefühl in der Magengegend gewesen, etwas Intrinsisches, was sie nicht beschreiben kann. Aber viel entscheidender sei gewesen: Können wir dem Kind genug Geld, Zeit, Geduld und Liebe bieten? „Und natürlich spielt es eine Rolle, dass man nicht jünger wird und nicht erst loslegen will, wenn alle Freunde ihre Kinder schon in die Schule fahren“, sagt Sara, während sie ihre Hände schützend auf den Bauch legt.

          Aus Sicht der Gesellschaftsforschung eine typische Entscheidungsfindung. Denn ganz praktische gesellschaftliche Voraussetzungen wie die Vereinbarkeit von Familie und Karriere oder finanzielle Unterstützung könnten die Entscheidung und das Sehnen nach einem Kind verstärken oder abmildern, sagt Villa. Die Formung des Kinderwunsches sei jedoch nicht monokausal zu erklären. Sie hänge nicht eindeutig von Armut oder Reichtum, der Religion oder dem Gesundheitssystem ab. Vielmehr sei ein Kinderwunsch davon geprägt, dass Kinder zu haben als etwas Erfüllendes und Glückliches verstanden wird. „Dies verinnerlichen Menschen, bevor bei ihnen selbst der Kinderwunsch entsteht.“

          Stichwort Eltern-Glück also. Auch hierzu wurden natürlich Umfragen und Studien gemacht. Sie haben ergeben: Väter und Mütter gehören gar nicht zwangsläufig zu den glücklicheren Menschen. Abhängig von psychischer und zeitlicher Belastung, der Verdienstsituation und dem Alter der Kinder gelten sie sogar als unglücklicher als kinderlose Paare.

          Heißt das, nicht mal mehr das Streben nach dem Eltern-Glück kann als Auslöser für den Kinderwunsch angeführt werden? Es scheint, als habe die Natur hier (noch) ausreichend vorgesorgt. Forscher wollen nämlich auch herausgefunden haben: Eltern idealisieren die anstrengenden Seiten des Kinderhabens, ähnlich wie bei Frauen mit der Zeit der Geburtsschmerz verblasst. Durch diese Pfiffigkeit der Natur machen Kinder wirklich glücklich. Und Elternsein wird zu einer unbezahlbaren Kostbarkeit.

          Sara hat dieses Glücksgefühl auch bei ihren eigenen Eltern erlebt und konnte sich der Liebe und des Vertrauens ihrer Eltern immer sicher sein. Das will sie nun auch an ihr eigenes Kind weitergeben. Wenn Sara von diesem und allen anderen Plänen erzählt und dabei immer mal wieder ins Nachdenken gerät, weil manches einfach nicht rational zu erklären ist, dann schweift sie ab zu den Geschichten ihrer Freundinnen. Sie machen deutlich: Meist ist die Frau in der Beziehung die treibende Kraft in Sachen Kinderwunsch.

          Kinderwunsch beim Mann kaum erforscht

          Mit dem unterschiedlichen Verhalten von Mann und Frau kennt sich auch die Soziologin Villa aus, denn sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie und Gender Studies. Doch bei der Frage nach dem Entstehen des Kinderwunsches speziell beim Mann muss sie passen: „Hierzu gibt es relativ wenig Forschung. Wir wissen nur aus Väter-Studien, also aus Befragungen von Männern, die schon Kinder haben, dass Männer eigene Kinderwünsche haben und diese auch formulieren.“ Diese seien oftmals eingebettet in recht stereotype, konventionelle Normvorstellungen - und das, obwohl auch in Deutschland immer mehr schwule Paare sich nach einem Kind sehnen.

          Cornelia Helfferich von der evangelischen Hochschule in Freiburg weiß da mehr: „Entscheidend für den Wunsch nach einem Kind und vor allem für das Umsetzen dieses Wunsches ist für Männer eine stabile Partnerschaft.“ Die Soziologie-Professorin und Leiterin der Studie „frauen leben 3“, für die rund 4000 Frauen befragt wurden, kann mit noch mehr Daten aufwarten: Für Frauen sind neben der Partnerschaft das Alter und die berufliche Sicherheit entscheidend für die Umsetzung eines Kinderwunsches. Bei kinderlosen Frauen zwischen 30 und 34 Jahren wird der Kinderwunsch am häufigsten konkret, das heißt, sie wollen ihn recht bald umsetzen. Und ab 40 Jahren nimmt der Kinderwunsch deutlich ab - sowohl bei Kinderlosen wie bei Müttern.

          Jede Menge Fakten, wissenschaftliche Befunde und persönliche Eindrücke. Dazu hartnäckige Diskussionen um das Elterngeld, um Teilzeitjobs, schwule Väter und alte Mütter. Die Frage nach dem Kinderwunsch ist nicht banal, sie ist relevant für unsere Gesellschaft. Ob jemand Kinder haben will, wer Kinder haben möchte und wie viele, in welchem Alter jemand Kinder haben möchte, all das ist Gegenstand von Debatten. Das Private ist auch hier politisch, persönliche Entscheidungen wirken auf Gesellschaften zurück, auch wenn kaum ein potentieller Vater oder eine Mutter sich die Frage stellt: Wenn ich ein Kind bekomme, was bedeutet das für meine Heimatstadt Wuppertal? Einiges wird in Sachen Familie gerade neu verhandelt, aber mit viel Leidenschaft, was demonstriert: Es geht um etwas, das dem Leben Relevanz, Sinn und Wert schenkt.

          Die Frage nach dem Entstehen des Kinderwunsches aber bleibt wie eine Collage, deren Gesamtbild nur mit Fakten nicht klar zu erkennen ist. Aus der Vogelperspektive würde sich vielleicht entdecken lassen, was all die unterschiedlichen Erklärungen am Ende zusammenhält - aus unserer Sicht bleibt ein letztes Stück Unklarheit.

          Vermutlich würde der Kinderwunsch etwas von seinem Zauber verlieren, würden wir ihn ganz entschlüsseln. So aber ist er in letzter Konsequenz ungreifbar und persönlich. Er ist mit Rationalität und wissenschaftlichem Aktionismus einfach nicht in all seinen Facetten zu begreifen. Und das ist in Zeiten, in denen der Natur jede Raffinesse entlockt und jeder Bauplan geraubt wird, alleine schon ein kleines Wunder.

          *Namen geändert

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