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Kinderwunsch : Warum wir dich wollen

Zu viel sollte man also in diese Daten nicht hineininterpretieren. Für die Professorin spielt der Sexualtrieb neben den gesellschaftlichen Bedingungen nur eine geringe Rolle bei der Entstehung eines Kinderwunsches. Dass beides nicht fest miteinander verwoben sei, sehe man ja schon daran, „dass wir heute unseren Sexualtrieben nachgehen und ganz bewusst dabei die Möglichkeit, schwanger zu werden, ausschalten“. Wir wissen also sicher, welches Hormon uns müde werden lässt und wie das Hungergefühl entsteht, aber einen körperlichen Antrieb, der dafür verantwortlich ist, dass wir unbedingt Nachwuchs produzieren wollen, kennen wir nicht?

Gene geben Zeitraum des Kinderkriegens vor

Anruf in Plön. Am Telefon ist Professor Manfred Milinski, und wie zu erwarten, fackelt er bei der Frage nach dem Kinderwunsch nicht lange. Für den Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie ist die Antwort „ganz schlicht und einfach“: Könnten wir die Empfängnis heute durch Verhütungsmittel nicht bewusst verhindern, „würden wir uns vermehren wie die Karnickel“, sagt er. Das hat die Biologie zumindest so vorgesehen. Denn laut Milinski ist es - ob Mann oder Frau - „unser evolviertes Hauptinteresse, uns fortzupflanzen“. Dabei sei es schon die Lust, die uns antreibe - ganz so wie der Durst uns befiehlt, zu trinken. „In unseren Genen ist der Fortpflanzungstrieb fest verankert. Der Sexualtrieb ist eine Folge des Fortpflanzungstriebs, nicht umgekehrt“, erklärt Milinski. Die Frage nach dem Kinderwunsch stelle sich heute ohnehin nur, „weil wir mit pharmakologischen Errungenschaften in die Biologie eingreifen“.

Wir gehen also unserem Fortpflanzungstrieb nach, aber es passiert nichts. Ohne technische Empfängnisverhütung wäre die Frage nach dem Kinderwunsch eine rein rhetorische, ohne Konsequenzen. Und wer wie Sara und Nik glaubt, er habe ganz akribisch zu einem bestimmten Zeitpunkt die Entscheidung für ein Kind getroffen, erntet von dem Biologen Milinski nur ein müdes Lächeln: „In unseren Genen ist auch der Zeitraum des Kinderkriegens vorgegeben, das ist keine rationale Entscheidung. Das glauben wir nur, weil wir nach 10 000 Generationen zum ersten Mal die technische Möglichkeit haben, das Kinderkriegen zu unterbinden.“

Einwand: Die Frauen werden beim ersten Kind aber immer älter, entwickeln auch kurz vor den Wechseljahren noch einen Kinderwunsch, und etwa 22 Prozent der Frauen, die heute über 40 sind, leben kinderlos - ob immer gewollt, verraten die Zahlen nicht. Aber die Studie „frauen leben 3“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die im September veröffentlicht wird, zeigt: Etwa jede zehnte kinderlose Frau zwischen 20 und 44 Jahren in Deutschland will keine Kinder. Ihre Gründe: Jüngere Frauen wollen erst ihre Ausbildung beenden und finanziell abgesichert sein; ältere Frauen geben vor allem eine schwierige Partnerschaft und die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf an.

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