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Kindersoldaten : Geschlagen, missbraucht, verwahrlost

Früher Kindersoldatin, heute Sängerin und Autorin: Senait Mehari
          4 Min.

          Wenn Senait Mehari an ihre Zeit als Kindersoldatin zurückdenkt, erinnert sie sich vor allem an den Geruch von Tod und Blut. Der Fluss hätte nach starken Regenfällen Hunderte von verstümmelten Soldatenkörpern an das Ufer ihres Camps angeschwemmt. Senait und die anderen Kinder mussten die Leichen aus dem Wasser zerren und verscharren. „Diesen süßlichen, schweren Geruch und den Anblick der zerfetzten Körper werde ich niemals vergessen. Beim ersten Mal sank ich ohnmächtig zu Boden. Später musste ich mich nur noch übergeben.“

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Einunddreißigjährige schüttelt sich. In dem Hamburger Café, in dem die Eritreerin vor dem an diesem Montag stattfindenden Kindersoldaten-Gedenktag von ihrer Geschichte erzählt, werden Bilder lebendig, an die sich Senait Mehari nur ungern erinnert. Sechs Jahre war sie alt, als ihr Vater sie und zwei ihrer Schwestern in das Rekrutierungsbüro der „Eritrean Liberation Front“ (ELF) brachte. „Er drehte sich einfach um und ging weg. Die Männer nahmen uns in Empfang, als seien wir eine Ladung Ziegen“, sagt sie.

          „Unsere Einheit nannten sie Che Guevara“

          Von nun an mussten die Mädchen als Kindersoldaten an der Front des äthiopisch-eritreischen Unabhängigkeitskriegs dienen. „Wir waren mehrere hundert Kinder im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren. Unsere Einheit nannten sie Che Guevara.“ Sie spricht den Namen im kehligen Tigrinya aus, der eritreischen Landessprache: „Tschekubera“. Dass sich dahinter ein kubanischer Freiheitskämpfer verbirgt, erfuhr das Mädchen erst nach dem Krieg.

          Leider kein seltenes Bild: Kindersoldat mit Kalaschnikow im Kongo
          Leider kein seltenes Bild: Kindersoldat mit Kalaschnikow im Kongo : Bild: picture-alliance/ dpa

          Die sechs Jahre alte Senait war zu klein und schwach, um das Fünf-Kilo-Gewicht einer Kalaschnikow zu tragen. Also wurde sie für Boten- und Spähdienste eingesetzt. Später zeigten die Soldaten ihr, wie sie sich beim Schießen an einem Baum abstützen muss, damit der starke Rückstoß beim Abfeuern der Kalaschnikow sie nicht zu Boden wirft.

          „Ich war innerlich völlig verwahrlost und kaputt“

          Senait Mehari wurde geschlagen und von den älteren Jungen sexuell missbraucht, sie litt Hunger und Durst und erkrankte schwer an Malaria. Sie erzählt von Ratten, die sich nachts in ihre Haut verbissen (noch heute sind die feinen Narben an Armen und Beinen zu sehen), und von Nächten, in denen sie und die anderen Kinder ineinandergeschlungen schliefen wie ein Knäuel junger Welpen, um die Angst vor dem nächsten Morgen zu bezwingen.

          „Wir wussten nie, wer von uns von den Kämpfen an der Front ins Lager zurückkehren wird. Jede Nacht war ein Abschied. Ich war innerlich völlig verwahrlost und kaputt.“ Nach drei Jahren gelang ihr und ihren Schwestern schließlich die Flucht - erst nach Sudan, dann nach Deutschland, wo sie die Chance für ein neues Leben ergriff. Senait Mehari lernte Deutsch und machte Abitur. Sie lebt heute in Hamburg und Berlin und ist Sängerin.

          250.000 Mädchen und Jungen sind Kindersoldaten

          Ihre Kindheitserinnerungen hat sie in dem Buch „Feuerherz“ verarbeitet, das zum Bestseller wurde. Als Botschafterin der Kindernothilfe kümmert sie sich um das Schicksal von Kindersoldaten auf der ganzen Welt und kämpft gegen die Rekrutierung von Minderjährigen. „Der Krieg hat mir meine Kindheit und beinahe meine Seele geraubt“, sagt sie. „Ich will nicht, dass andere Kinder dieses Schicksal erleiden.“

          Rund 250.000 Mädchen und Jungen in mehr als 35 Ländern kämpfen als Kindersoldaten. Viele von ihnen überleben nur als Invaliden und tragen schwere seelische Schäden davon. Die meisten Kindersoldaten gibt es in Afrika, wobei das Phänomen dort auf dem Rückzug ist, seitdem in einigen Ländern der Krieg beendet wurde: In Liberia, wo laut Unicef schon etwa jedes zehnte Kind einmal von einer Konfliktpartei rekrutiert wurde, zogen noch Monate nach den Kämpfen verwirrte Kindersoldaten durch die Straßen. Zurück zu ihren Verwandten fanden die wenigsten: Entweder waren die Eltern ermordet worden, oder sie fürchteten sich vor ihren bewaffneten und traumatisierten Söhnen und Töchtern.

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