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Geschichten für Kinder : Und immer wieder schläft Bobo ein

Bildgeschichten für ganz Kleine: Bobo Siebenschläfer. Bild: Illustration Markus Osterwalder

Mama, Papa, vorlesen! Ein Siebenschläfer ist der wohl größte Held ganz kleiner Kinder. Ein Besuch bei seinem Schöpfer Markus Osterwalder, der erzählt, wer ihn zu den Geschichten inspirierte.

          8 Min.

          Eines Nachts, erzählt Markus Osterwalder, habe er einen Traum gehabt, in dem ihn ganz viele Frauen verfolgt hätten. Das hört sich jetzt erst einmal so an, als gehörte es nicht unbedingt in die Zeitung und schon gar nicht in einen Artikel über einen Kinderbuchautor, aber die Verfolgungsjagd hatte in diesem Fall einen beruflichen Hintergrund.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Frauen in Osterwalders Traum nämlich, bei dem es sich tatsächlich um einen Albtraum handelte, waren Mütter, die sich rächen wollten. Rächen an jenem Mann, dem sie die allabendliche Wiederholung eines Rituals verdanken, welches etwa mit dem Satz beginnt: „Mama, Bobo lesen!“ – und mit dem Wörtchen „Mehr!“ noch lange nicht beendet ist. Seltsam nur, dass in Osterwalders Albtraum keine entnervten Väter auftauchten, dürfte doch der Satz „Papa, Bobo lesen!“, wie die persönliche Erfahrung lehrt, aus Kindermund kaum seltener fallen.

          Wer selbst keine Kinder hat und wer auch nicht gelegentlich in die Situation kommt, einem Kind etwas vorlesen zu müssen, dem muss man Bobo erst einmal vorstellen. Bobo Siebenschläfer ist ein Kleinkind in Nagergestalt, von dem der in Frankreich lebende Schweizer Markus Osterwalder erstmals 1984 erzählte – in sogenannten „Bildgeschichten für ganz Kleine“.

          Markus Osterwalder  erzählt seit 1984 Geschichten über Bodo Siebenschläfer.

          Ein typisches Bobo-Abenteuer umreißt die Inhaltsangabe, die der Rowohlt-Verlag der Geschichte „Bobo auf dem Spielplatz“ beigestellt hat: „Bobo geht mit Mama auf den Spielplatz. Er rutscht auf der Rutsche, schaukelt auf der Schaukel, wippt auf der Wippe und schläft schließlich auf Mamas Arm ein.“ Das war es dann auch schon. Die Literaturkritik begeistert man mit so etwas nicht, und auch manch ambitionierterer Vorleser fremdelt damit.

          Ganz anders die jungen Zuhörer, deren Urteilskraft letztlich den Ausschlag gibt. „Es ist nicht zu fassen. Der Text ist mehr als simpel und die Zeichnungen sind fast als unzumutbar zu beschreiben. Aber mein 19 Monate alter Sohn liebt es heiß und innig“, wundert sich ein Rezensent in den Kommentarspalten bei Amazon und schließt missionarisch: „Kaufen Sie Bobo und sehen Sie selbst: Es funktioniert!“

          Mehr als drei Millionen Bobo-Bücher hat Rowohlt bis heute verkauft, und das, obwohl es über Jahrzehnte praktisch keine Werbekampagne und keine Merchandise-Produkte gab, von einem Plüsch-Siebenschläfer einmal abgesehen. Seine Popularität verdankt Bobo einzig den Kindern beziehungsweise deren Eltern, die die zerlesenen, zerfledderten Bobo-Taschenbücher an andere junge Eltern weitergeben, sobald der eigene Nachwuchs den Geschichten entwachsen ist.

          Was bleibt, ist die Erinnerung an viele traute Leseabende mit den Kindern. Und Sätze, die noch Jahre später, der steten Wiederholung geschuldet, im elterlichen Hirn verankert sind: Bobo hat heute Geburtstag, und bald kommen die Kinder. Mmm – die Apfelschnitzel sind lecker! Fffh! Jetzt fliegt das Marienkäferchen weg. Und, natürlich, am Ende einer jeden Geschichte: Aber Bobo ist schon eingeschlafen.

          Über Bobo-Schöpfer Markus Osterwalder

          Im Gegensatz zu anderen Illustratoren und Autoren von Kinderbüchern wie Paul Maar oder Janosch ist Markus Osterwalder kaum je hinter seinem Werk hervorgetreten. Bobo-Leser immerhin kennen ein paar knappe biographische Fakten, die sich in den Büchern neben dem Foto des freundlich blickenden, inzwischen älteren Herrn mit Brille finden: 1947 geboren bei Zürich, Grafiker und Layouter, unter anderem beim „Zeit-Magazin“, später künstlerischer Leiter des Pariser Buchverlags „l’école des loisiers“, Schöpfer des Illustratoren-Nachschlagewerks „Dictionnaire des Illustrateurs 1800–1914“. Lebt in Arcueil bei Paris.

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