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Initiative gegen die Kita : „Überall heißt es Kindergarten, nur bei uns verschwindet er!“

„Kindergarten“ statt „Kita“? Eine Thüringer Initiative kämpft gegen den Kunstbegriff „Kita“ (Symbolbild). Bild: dpa

Eine Thüringer Initiative kämpft gegen das Wort „Kita“ – und hält ihn für einen „Kunstbegriff, der sich schrecklich anhört“. Für ihren Kampf um den „Kindergarten“ bemühen die Initiatoren gar die Geschichte.

          „Kindergarten“, sagt Margitta Rockstein. „Was für ein schöner und sinngebender Begriff. Man weiß sofort, was damit gemeint ist.“ Und Rockstein weiß, wovon sie spricht. Bis zum Sommer hat sie 35 Jahre lang in dem Haus in Bad Blankenburg gearbeitet, in dem der Reformpädagoge Friedrich Fröbel 1840 den ersten Kindergarten der Welt eröffnete. „Und zwar unter diesem Namen“, sagt Rockstein. Das Haus ist längst ein Fröbel-Museum, der Name Kindergarten in der Region nach wie vor gebräuchlich, ansonsten jedoch in höchster Gefahr. Wenn Rockstein zum Beispiel Bundesfamilienministerin Franziska Giffey unwidersprochen vom „Gute-Kita-Gesetz“ reden hört, stehen ihr die Haare zu Berge. Das Akronym Kita kommt ihr nicht über die Lippen. „Da achte ich sehr darauf.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Überall in Deutschland hat sich das Wort Kita festgesetzt – in Gesetzen, Behördenschreiben, Kindersprache, Elternalltag. Und niemand kann heute mehr genau sagen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Der Begriff, so fanden sie in Bad Blankenburg heraus, tauchte zum ersten Mal Anfang der siebziger Jahre in einem Gesetz in Nordrhein-Westfalen auf und verbreitete sich nach der Wiedervereinigung auch im Osten, wo das Wort Kita bis dahin keiner kannte. Ganz ähnlich ist es mit Begriffen wie Azubi statt Lehrling oder Bufdi statt Zivildienstler, die sich einschleichen und irgendwann Alltag werden. In Bad Blankenburg aber haben Enthusiasten jetzt beschlossen, zumindest dem Kita-Kürzel den Kampf anzusagen.

          „Es gibt keine Notwendigkeit für solche Kunstbegriffe, die unwissenschaftlich sind und sich schrecklich anhören“, sagt Frank Persike, der bis vor kurzem Bürgermeister Bad Blankenburgs war und Vorsitzender des Fröbel-Kreises ist. Vor einer Weile schon hat er eine Kampagne unter dem Motto „Die Welt spricht Kindergarten“ ins Leben gerufen. In kurzer Zeit haben fast 7000 Menschen eine Online-Petition unterzeichnet. Jetzt sammelt der Verein Unterschriften für eine Petition an den Thüringer Landtag; 1500 Namen müssen sie bis zum 7. Januar einreichen, damit sich das Parlament mit der Sache befasst.

          Sie wollen die mit Kita abgekürzten Bezeichnungen wie Kindertagesbetreuung, Kindertagesstätte oder Kindertageseinrichtung wieder durch das ursprüngliche Wort Kindergarten ersetzen. Entgegen einem verbreiteten Irrtum sei der Kindergarten nicht nur eine Einrichtung für Drei- bis Sechsjährige. Im Gegenteil, sagt der Vereinschef. Die Kinderkrippe sei vielmehr eine Form des Kindergartens, die sich nur in der Art des Spielens unterscheide.

          „Unser langfristiges Ziel ist es, Kindergarten in Deutschland wieder fest im öffentlichen Sprachgebrauch zu verankern“, sagt Persike. Schließlich habe Fröbel seine Einrichtung nicht aus einer Laune heraus so genannt, sondern vielmehr ein pädagogisches Konzept gehabt. Ihm sei es darum gegangen, Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und Religion behütet und durch Spiel zu erziehen und zu bilden und somit auf die Schule vorzubereiten. Der Legende zufolge kam Fröbel die Idee zum Namen beim Spazierengehen in der Thüringer Natur. Kinder, so schlussfolgerte der Pädagoge, seien wie zarte Pflänzchen, die gepflegt, angeregt, gefördert und beschützt werden sollten.

          „Der Begriff Kindergarten wirkte damals wie eine Fanfare“, sagt Margitta Rockstein. Denn Kinder-Einrichtungen hießen seinerzeit Bewahranstalt, Warte-, Kleinkind- oder Strickschule. Obendrein war der erste Kindergarten kostenfrei, da es Fröbel gelungen war, wohlhabende Privatleute als Sponsoren zu gewinnen. Bis zu 80 Kinder hätten den neuen Kindergarten besucht, dessen Name und Konzept sich so schnell herumsprachen und angewandt wurden, dass schon kurz darauf Fachpersonal ausgebildet wurde und sich im nahen Bad Liebenstein die erste Fachschule für Erzieherinnen der Welt gründete. Nach der gescheiterten Revolution 1848/49 aber verbot Preußen alle Kindergärten, indem es den Einrichtungen atheistische, liberale und sozialistische Tendenzen unterstellte. Fröbel wehrte sich dagegen in einem Brief an die „Königliche Majestät“ mit dem berühmten Satz „Die Sache der Kindheit kann keiner Parthei angehören“. Vergeblich.

          „Den Chinesen geht es ums Original“

          Viele Erzieherinnen, Fröblerinnen genannt, wanderten daraufhin aus und verbreiteten Idee und Namen in der Welt. So kommt es, dass der Begriff heute in mehr als 45 Ländern genutzt und verstanden wird. In Massai-Dörfern, in Burma, in den Niederlanden, in Großbritannien, Dänemark, Japan, Korea und vor allem in China ist der Kindergarten höchst lebendig, wie Foto-Postkarten beweisen, die das Fröbel-Museum von Touristen aus vielen Ländern erhält. Persike hat sich davon erst kürzlich persönlich in China überzeugt, als er in vier Großstädten sechs Kindergärten besuchte. „Der Name steht dort überall auch an der Wand.“ Und nicht nur das: „Den Chinesen geht es ums Original, sie wollen vom Klassiker lernen.“ Deshalb können chinesische Erzieher ab 2019 an Fröbels Wirkungsstätten in Thüringen ausgebildet werden und des Fröbel-Diplom erhalten; die Schirmherrschaft über die Initiative übernahm der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow.

          „Überall heißt der Kindergarten Kindergarten, nur bei uns verschwindet er“, sagt Frank Persike. „Da müssen wir als Erfinderland doch verrückt werden!“ Doch die Aussicht auf Veränderung ist schlecht, selbst im Thüringer Landtag steht heute über der Novelle eines entsprechenden Textes „Kita-Gesetz“. Das zu ändern sei schwierig, hätten ihnen Fachpolitiker mitgeteilt, sagt Persike. Immerhin aber würden sie prüfen, ob nicht wenigstens in der Unterzeile „Kindergartengesetz“ stehen könne. „Das wäre ein erster Erfolg.“

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