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Kinderbücher für den Winter : Dann schweben wir beide Hand in Hand

Zugleich steht die Geburt von Ricos Geschwisterchen bevor, und ein Schneesturm, der über Berlin hineinbricht und alle Verbindungen kappt, tut das Seine, um das Haus in der Dieffenbachstraße, in dem Rico und seit einiger Zeit auch Oskar und sein Vater wohnen, zu einer kleinen Insel zu machen, in dem die Nachbarn näher aneinanderrücken als zuvor. Auch Oskar kann sein Geheimnis, das zugleich eine riesige Verantwortung bedeutet, nicht mehr länger für sich behalten.

Dass Andreas Steinhöfel nach drei Romanen über das Freundespaar deren Geschichte noch lange nicht auserzählt hat, dass er dem Zusammenspiel der beiden dadurch neue Facetten abgewinnt, dass er sie zunehmend selbständiger agieren lässt und doch an ihrer besonderen Verbindung keinen Zweifel lässt, erweist den Autor als einen großartigen Beobachter von Kindern, die langsam auf die Pubertät zusteuern. Fast wirkt es so, als sei Steinhöfel selbst davon überrascht, wie sich Rico und Oskar entwickeln, und dann wieder nimmt er die Zügel des Romans fest in die Hand, um auf ein aberwitziges Finale zuzusteuern.

Andreas Steinhöfel: „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“; Carlsen Verlag, Hamburg 2017; 272 S., geb., 14,99 Euro. Ab 10 Jahre.

Gedichte für die Freiheit: Zwischen Xiomara und ihrer Mutter könnten die Dinge besser stehen – das junge Mädchen, dessen Familie aus der Dominikanischen Republik nach New York gekommen war, fühlt sich von der tiefgläubigen und überall Unheil witternden Mutter beengt, und die Mutter wiederum will Xiomara vor dem Schicksal behüten, jung schwanger zu werden. Dass Xiomaras Gedanken aber durchaus um Jungen kreisen, besonders um den netten Projektpartner in der Schule, kann die Mutter nicht verhindern, und als sie die beiden zufällig beim Küssen beobachtet, verliert sie jedes Maß und alle Kontrolle.

Xiomara allerdings hat noch ein zweites Geheimnis. Sie schreibt eigene Gedichte in ein Notizbuch, und in dieser Form erfahren wir auch ihre Geschichte: dass sie sich schreibend und rappend schließlich emanzipiert, dass sie in diesem Bereich endlich die Anerkennung ihrer Umgebung erfährt.

Es ist ein ungewöhnliches Jugendbuch, das Elizabeth Acevedo geschrieben hat, aus dem Impuls heraus, denjenigen ihrer Schülerinnen, die sich in der Jugendliteratur nicht repräsentiert sahen, eine Stimme zu verleihen, wie sie sagt – und vermutlich noch weit mehr jungen Lesern.

Am Ende aber rückt sich manches zurecht, am schönsten vielleicht im Verhältnis zwischen Xiomara, die sich den Künstlernamen „Poet X“ gegeben hat, und dem Prediger der Gemeinde, von dem sich Xiomaras Mutter eigentlich erhofft hatte, er würde den Willen ihrer Tochter brechen. Wie der Geistliche hier um Verständnis wirbt, auf beiden Seiten, macht ihn zu einer der sympathischsten Gestalten des Romans.

Elizabeth Acevedo: „Poet X“. Aus dem Englischen von Leticia Wahl; Rowohlt Rotfuchs, Hamburg 2019; 352 S., br., 15,– Euro. Ab 14 Jahre.

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