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Gudrun Pausewang : Wo wären wir ohne sie

  • Aktualisiert am

Gudrun Pausewang im Sommer 2013 Bild: Rainer Wohlfahrt

Ihre politischen Jugendbücher haben uns geprägt. In unsicheren Zeiten hat sie die Gesellschaft für schwierige Themen sensibilisiert. Zum Abschied von Gudrun Pausewang, die am Freitag gestorben ist.

          5 Min.

          Der Atomreaktor und das leichte Grauen

          Ich war gerade erwachsen geworden, als ich „Die Wolke“ gelesen habe. Jeder hat damals darüber gesprochen, obwohl es ein Kinderbuch war. Mich interessierte es, weil das Reaktorunglück in Tschernobyl ein einschneidendes Ereignis für mich war, es markierte endgültig das Ende meiner weitgehend unbeschwerten Kindheit auf dem Land. 1986 war ein warmer Frühling. Am 1. Mai unternahmen wir einen Ausflug ins Grüne und picknickten auf einer Obstwiese. Das war fünf Tage nach dem Unglück, dessen Ausmaße damals noch nicht bekannt waren. Als immer mehr herauskam, dass der Ostwind den radioaktiven Staub in den Westen bis zu uns getragen hatte, dachte ich immer wieder daran, wie ich auf der blühenden Wiese gesessen hatte, die damals vermutlich schon verseucht gewesen war.

          „Die Wolke“ verstärkte mein Unbehagen. Vielleicht noch mehr, weil die Geschichte in Hessen spielt, wo auch ich aufgewachsen bin. Ich war geschockt von der Lektüre. Das waren die Szenen zu meinen diffusen Ängsten. Was wäre, wenn? Es gab ein „vor Tschernobyl“ und ein „nach Tschernobyl“. Danach gingen wir im Wald keine Pilze mehr sammeln, setzten uns im Garten nicht mehr auf die Wiese, und wenn es regnete, blieben wir drinnen, denn der Regen könnte ja radioaktiv sein. Bis heute verspüre ich ein leichtes Grauen, wenn ich an Atomreaktoren vorbeifahre.

          Agitation und Alarm im Stil der achtziger Jahre.

          Ehrlich gesagt, habe ich das Buch bisher trotzdem nicht meinen Kindern zum Lesen gegeben, weil ich es als sehr krass in Erinnerung habe, und ich denke, dass man bei schwierigen Themen nicht nur Angst machen, sondern auch Lösungswege aufzeigen sollte. Sie sollen sich auch mit Dingen beschäftigen, die nicht schön sind oder waren, wie dem Nationalsozialismus. Es wäre schön, wenn sie „Damals war es Friedrich“ lesen würden. Das war das andere Kinderbuch, das mich geprägt hat.

          Anke Schipp

          Die zweite Hannah, die Liebe und ich

          Hannah war 16, genau wie ich, und Hannah war verliebt, genau wie ich. Hanna(h) hießen wir beide. Nur dass die andere Hannah mit ansah, wie ihr kleiner Bruder auf der Flucht rücksichtslos über den Haufen gefahren wurde, dass Hannah am Ende nicht mehr in die überfüllte Bahn kam, die rausfahren sollte aus der Todeszone. Und dann kniete sie da. Die Wolke hatte sie erreicht. Und regnete auf Hannah herab.

          Ich hingegen saß mit meinem Schwarm im Kino und fragte mich, ob es einen unromantischeren Film für ein erstes Date geben konnte als die Verfilmung von „Die Wolke“. Händchenhalten oder Küssen waren für diesen Tag gestorben. Im Buch, der Ausgabe zum Film, erfuhr ich, warum es im Film eine Liebesgeschichte brauchte, warum Hannah dort älter war; weil nämlich ihre Geschichte so schrecklich war, dass sie bei den eindrücklichen Bildern des Films kaum auszuhalten gewesen wäre. Hoffnung musste her. Als ich das Buch las, war ich endgültig desillusioniert. Die Bilder, die in meinem Kopf entstanden, verschmolzen unweigerlich mit den dystopischen Szenen des Films.

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