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Zum Tod von Remo Largo : Der Anwalt unserer Kinder

Porträt von Remo Largo (Archivbild) Bild: Jens Gyarmaty

Mehreren Generationen von Eltern gab er Orientierung inmitten ständig wechselnder Erziehungsideale: Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo ist mit 76 Jahren gestorben.

          2 Min.

          Als Remo Largo vor einigen Jahren in dem von Hipster-Eltern bevölkerten Bezirk Berlin-Mitte sein neues Buch vorstellte, begrüßte er das Publikum mit den Worten: „Wenn Sie wegen der Ratschläge hier sind, muss ich Sie leider enttäuschen.“ Schmunzeln im Saal: Denn natürlich genießen die Long- und Bestseller dieses Mannes, allen voran sein Klassiker „Babyjahre“, bei seinen Fans den Status einer Bibel. Aber der Kinderarzt aus der Schweiz wollte nie Erziehungsberater sein.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Mann mit dem Schnauzbart und den freundlichen Augen verstand sich mehr als Anwalt der Kinder denn als Elterncoach. Von Erziehung hielt er ohnehin nicht viel. Man müsse diesen Begriff wörtlich nehmen, pflegte er zu sagen – als den Versuch, Jungen und Mädchen dazu zu bringen, sich in eine Richtung zu entwickeln, die sich Erwachsene wünschten. Largo fand das nicht nur falsch, sondern auch wenig erfolgversprechend. Sein Lieblingssprichwort lautete vielmehr: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

          Gerade deshalb ist der Kinderarzt aus der Schweiz, der am Mittwoch im Alter von 76 Jahren gestorben ist, gleich für mehrere Generationen von Eltern so etwas wie ein Fixstern geworden. Im Wettstreit wechselnder und oft widersprüchlicher Erziehungsideale vermittelte er Orientierung, vor allem aber auch Gelassenheit, indem er das Kind mit seiner Persönlichkeit und seinen Anlagen in den Mittelpunkt stellte. Damit war er seiner Zeit voraus.

          Professor Largo, 1943 in Winterthur geboren, leitete bis zu seiner Emeritierung fast drei Jahrzehnte lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital in Zürich, wo er in Langzeitstudien Entwicklungsverläufe protokollierte. Er tat also gewissermaßen das, was er bei Kindern und Gras für so viel angemessener hielt, als daran zu ziehen: hinschauen nämlich. Das Ergebnis war sein Wissen über die enorme Varianz kindlicher Entwicklung. Ob Schlafbedürfnisse oder motorische Fähigkeiten, Sprachentwicklung oder Sozialverhalten: Eltern tun nach Largos Ansicht gut daran, sich auf ihr Kind mit all seinen Stärken und Schwächen einzustellen. „Fit-Prinzip“ nannte er das in späteren Werken wie dem erst in diesem Sommer erschienenen „Zusammen leben“. Glücklich, so Largos Überzeugung, werden Menschen nämlich nicht, wenn sie es an die Spitze schaffen, sondern wenn sie einen Lebensentwurf finden, der zu ihnen passt.

          Mit dieser Überzeugung hat der Kinderarzt sich auch in aktuelle Debatten eingemischt. Unter anderem sprach er sich gegen den Notendruck in der Schule und den allgemeinen Trend zur Selbstoptimierung aus. Wer ihn kennenlernen durfte, erlebte einen neugierigen Gesprächspartner, der immer auch über die Gesellschaft insgesamt nachdachte. Largo lebte zuletzt mit seiner zweiten Ehefrau im Kanton St.Gallen. Er hinterlässt drei erwachsene Töchter.

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