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Kinder in Moldau : „Sie haben aufgehört zu weinen“

Bild: Andrea Diefenbach

Viele Kinder in der Republik Moldau wachsen ohne Vater und Mutter auf, weil die im Ausland arbeiten. Die Fotografin Andrea Diefenbach hat die getrennten Familien besucht. Ein Gespräch über Entfremdung und Liebe aus Paketen.

          4 Min.

          Frau Diefenbach, weshalb wachsen in der Republik Moldau so viele Kinder ohne Vater und Mutter auf?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Problem gibt es auch in anderen osteuropäischen Staaten wie Rumänien. Doch in der Republik Moldau ist es extrem. Sie hat das Pech, so ein kleines Land am Rande Europas zu sein. Früher war es die Obst- und Weinkammer der Sowjetunion und hat von der Landwirtschaft gelebt. Doch das ist mit dem Ende der Sowjetunion alles weggefallen, die ehemaligen Kolchosen haben zugemacht. Seitdem gibt es, vor allem außerhalb der Hauptstadt Chisinau, einfach keine Arbeit. Die Menschen leben in großer Armut. Wer kann, geht ins Ausland, meist nach Russland oder in die EU.

          Es gibt Schätzungen, wonach in der Republik Moldau 250 000 Kinder leben, deren Eltern im Ausland sind. Weshalb nehmen die Eltern ihre Kinder nicht einfach mit?

          Vor allem in die EU reisen die meisten Moldauer illegal ein. Sie zahlen etwa 4000 Euro an Schleuser. Viele gehen zu Fuß über die Grenze, aber auch gefälschte Pässe und Visa werden immer populärer. Ihre Kinder mitzunehmen können sie sich nicht leisten; außerdem wissen sie ja nicht, was sie im Ausland erwartet. Und danach müssen sie erst einmal ihre Schulden abbezahlen. Weil sie sich das Geld von Privatleuten leihen, sind die Zinsen extrem hoch; ich habe Moldauer getroffen, die mussten am Ende 10 000 Euro zurückzahlen für die 4000, die sie sich ursprünglich geliehen hatten. Die meisten gehen nach Italien, arbeiten dort als Altenpfleger in Familien, als Putzfrauen oder Erntehelfer oder auf dem Bau. Nach einiger Zeit, und wenn sie Glück haben, können sie dann einen legalen Aufenthaltsstatus bekommen und ihre Kinder nachholen. Das dauert im Schnitt drei bis acht Jahre.

          Wie haben Sie in Moldau die Kinder gefunden, die Sie in Ihren Fotos porträtieren?

          Ich hatte ziemliches Glück. Angefangen habe ich in einem Dorf im Südosten des Landes, über das ich von einer Nichtregierungsorganisation wusste, dass viele Eltern von dort im Ausland sind. Ich bin in die Schule gegangen. „Wessen Eltern leben in Italien?“, fragte eine Lehrerin in der ersten Klasse. Zwei Drittel der Kinder haben ihre Hand gehoben.

          War es schwierig, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen?

          Eigentlich nicht. Über eine Lehrerin, die Deutsch spricht, weil sie selbst ein paarmal illegal in Deutschland war, habe ich Kontakt zu den ersten Kindern bekommen. Dann habe ich ein paar Wochen mit ihnen verbracht. Und ein paar Monate später bin ich zu ihren Eltern nach Italien gefahren. Dort habe ich andere Eltern aus Moldau kennengelernt, deren Kindern ich ebenfalls besucht habe. Das war ein Hin und Her, ein Weiterfragen. Am Ende habe ich aber vor allem in zwei Dörfern fotografiert.

          Andrea Diefenbach: „Der Mensch passt sich allem an, was ihm so geschieht.“
          Andrea Diefenbach: „Der Mensch passt sich allem an, was ihm so geschieht.“ : Bild: Privat

          Wie sieht der Alltag einer Kindheit ohne Eltern aus?

          Gar nicht so viel anders als bei den Kindern mit Eltern im Dorf. Manche müssen noch mehr arbeiten: Käse machen, angeln, Brot backen, füreinander sorgen. Sie tragen unglaublich viel Verantwortung. Aber das hauptsächliche Problem ist, dass die Eltern nicht da sind, dass ihnen wichtige Bindungspersonen fehlen. Dieses Trauma, allein aufzuwachsen, ist wahrscheinlich viel schlimmer als das Meistern des Alltags.

          Wie macht sich das bei den Kindern bemerkbar?

          Ich glaube, man merkt das auf den ersten Blick überhaupt nicht. Der Mensch passt sich allem an, was ihm so geschieht. Und weil es in Moldau normal ist, wird auch nicht darüber geredet, im Nachbarhaus ist es ja genauso. Ein Mädchen hat mir erzählt, dass sie ein paar Tage geweint hätten, als die Mutter weggefahren ist. Und dann haben sie aufgehört zu weinen und weitergemacht. Das trifft die Situation ganz gut.

          Wer kümmert sich um die Kinder, wenn sie krank werden oder etwas anderes passiert?

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