https://www.faz.net/-gum-78qp7

Kinder in Moldau : „Sie haben aufgehört zu weinen“

Die meisten, die ich getroffen habe, hatten noch irgendwelche Verwandten oder Nachbarn im Dorf, die nach ihnen geschaut haben. Ich war aber auch bei drei Kindern, die allein waren. Als die Jüngste eine Blinddarmreizung hatte, ist die ältere Schwester, die 15 war, mit ihr ins Krankenhaus gezogen, hat mit ihr in einem Krankenhausbett geschlafen. Sie hat die Mutterrolle übernommen. Ihren Eltern haben sie davon erst im Nachhinein erzählt, damit sie sich nicht sorgen.

Bleibt bei so viel Verantwortung Platz für Träume?

Viele der Kinder denken, dass sie sowieso irgendwann nach Italien gehen, und dass da alles einfach wird. Das Mädchen, das damals im Krankenhaus dabei war, hat zwar die Schule fertig gemacht, aber keine Ausbildung, weil sie noch immer für ihre jüngeren Geschwister sorgen muss. Aber das ist sehr unterschiedlich, glaube ich. Ein anderes Mädchen, das ich kenne, geht inzwischen auf eine weiterführende Schule. Ihre jüngeren Geschwister konnte die Mutter inzwischen nach Italien holen.

Verstehen die Kinder, weshalb ihre Eltern sie alleinlassen?

Ja, ich denke schon. Sie verstehen, dass die Eltern das für sie machen; dass das Geld irgendwoher kommen muss.

Wie halten Kinder und Eltern Kontakt?

Sie telefonieren. Und so langsam kommt das Internet auch in die Dörfer, manche nutzen Skype. Außerdem schicken die Eltern Pakete nach Haus. Das ist ein riesiges, in unseren Augen abstruses Paketsystem, das über Minibusse funktioniert. Egal in welcher italienischen Stadt man am Wochenende ein Paket aufgibt, am Dienstag kommt es in egal welchem Dorf in Moldau an. Das Kilo kostet 1,50 Euro. So wird alles in die Heimat geschickt, Süßigkeiten, Kleider, manchmal irgendwelche Spül- und Waschmittel, eigentlich alles. Sehr, sehr viel, von dem was die Kinder brauchen, kommt aus Italien. Und vieles, was sie eigentlich nicht brauchen. Aber für viele Eltern ist es die einzige Möglichkeit, den Kindern ihre Liebe zu zeigen.

Ist über Hunderte von Kilometern so etwas wie Erziehung möglich?

Ich glaube nicht. Die Eltern versuchen mitzukriegen, wie die Kinder gerade in der Schule sind, fragen immer danach. Im besten Falle haben sie den Kindern vorher schon viel mitgegeben, und sie können das dann aufrechterhalten. Aber egal, ob man will oder nicht, über die Jahre entsteht eine Distanz zwischen Eltern und Kindern.

Wie geht es den Eltern in Italien damit, die Kinder zurückgelassen zu haben?

An der Oberfläche gut, sie funktionieren irgendwie. Sie versuchen, sich einzugewöhnen, und haben am Sonntag auch mal Spaß mit ihren Freunden im Park. Aber eigentlich geht es ihnen überhaupt nicht gut. Eine Mutter hat mir davon erzählt wie sie in Italien sonntags ans Meer gefahren ist. Weil da aber so viele Familien waren, hat sie selbst nur geweint und ihre Töchter vermisst.

Bereuen manche der Eltern ihre Entscheidung?

Das hat mir niemand gesagt. Alle, die ich getroffen habe, haben wirklich keinen anderen Ausweg gesehen, Geld für die Familie zu verdienen.

Was wünschen sich die Eltern für die Zukunft ihrer Kinder?

Eine gute Ausbildung. Und was grotesk ist: Ganz viele stecken Geld in Häuser zu Hause. Doch die Menschen verändern sich, wenn sie weggegangen sind. Sie denken, sie gehen ein, zwei Jahre ins Ausland, verdienen Geld und kommen zurück. Dann lernen sie das Leben in Westeuropa kennen, und wenn sie nach Jahren nach Moldau zu Besuch kommen, fühlen sich viele fremd. Viele können sich nicht mehr vorstellen, dort zu leben.

Durch die Migranten fließt viel Geld nach Moldau. Gibt es also auch positive Auswirkungen auf das Land?

Die einzelnen Familien bewahrt das Geld vor der allertiefsten Armut. Aber an der Situation im Land ändert das nicht viel; der Staat bekommt von dem Geld nichts ab. Und welche Folgen es hat, dass eine Generation von Kindern ohne Eltern aufwächst, ist überhaupt nicht abzusehen. Ich habe Kinder getroffen, die haben aufgehört, für die Schule zu lernen, und gesagt: „Eines Tages gehe ich sowieso nach Italien.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
Katrin Suder

Katrin Suder : Eine Rüstungsexpertin für den VW-Vorstand

Der größte Autohersteller in Europa will die frühere Staatssekretärin Katrin Suder in sein Führungsgremium berufen. Dort soll die einstige McKinsey-Beraterin künftig das IT-Ressort leiten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.